Einen genetischen Zusammenhang zwischen der Essstörung Anorexia nervosa, oft auch Magersucht genannt, und bestimmten Stoffwechselproblemen haben Forscherinnen und Forscher in einer groß angelegten Studie festgestellt. Die Ergebnisse legten nahe, dass die Krankheit nicht nur psychische Ursachen habe. Essstörungen wie Anorexie enden verglichen mit anderen psychischen Erkrankungen besonders häufig tödlich. Die neuen Erkenntnisse könnten helfen, Magersucht in Zukunft erfolgreicher zu behandeln, schreiben die Wissenschaftler.

Das Forscherteam rund um die Psychologin Hunna Watson untersuchte das Erbgut von fast 17.000 Personen mit der Diagnose Anorexia nervosa und verglich es mit den Genen von rund 55.000 gesunden Probanden. Um die Ergebnisse mit einer so großen Anzahl an Versuchspersonen stichhaltig zu machen, beteiligten sich mehr als 200 Forscherinnen und Wissenschaftler aus mehr als 20 Ländern an der Studie – darunter auch aus Deutschland. Die Ergebnisse veröffentlichten sie jetzt im Magazin Nature Genetics (Watson et al., 2019).

Durch die Studie identifizierten sie acht Gene, die Magersucht unter anderem mit weiteren psychischen Erkrankungen wie Angststörungen oder Depressionen in Verbindung brachten. Überraschend war, dass auch Gene darunter waren, die normalerweise für Stoffwechselprozesse im Körper zuständig sind – beispielsweise die Fettverbrennung oder Faktoren bei der Entstehung von Typ-2-Diabetes.

Therapien sollten auch körperliche Ursachen einbeziehen

Dass ein erhöhtes Risiko, an Magersucht zu erkranken, vererbt werden kann, war aus früheren Studien bereits bekannt (American Journal of Psychiatry: Duncan et al., 2017). Den Studienautorinnen und -autoren zufolge hätten sich Therapien bisher jedoch zu sehr auf die psychischen Ursachen konzentriert. "Durch diese Perspektive wurde versäumt, verlässliche Maßnahmen zu entwickeln, die zu einer nachhaltigen Gewichtszunahme und psychologischer Genesung führen", schreiben sie in der Studie. Ein neuer Blick auf körperliche Ursachen von Magersucht könne ein Schlüssel sein, um die Behandlung erfolgreicher zu gestalten.

Schätzungsweise ein bis vier Prozent der Frauen und 0,3 Prozent der Männer erkranken im Laufe ihres Lebens an der Essstörung Anorexia nervosa, oft schon, wenn sie sehr jung sind (Archives of General Psychiatry: Arcelus et al., 2011). Betroffene sind in der Folge stark untergewichtig und haben meist Schwierigkeiten, zuzunehmen und ihr Körpergewicht realistisch einzuschätzen. Je länger eine Patientin oder ein Patient an Magersucht leidet, desto stärker steigt das Risiko, an den Folgen zu sterben: Häufig sind es Organschäden durch die dauerhafte Mangel- und Fehlernährung, die bei den Erkrankten zum Tode führen.

Ziel einer Therapie ist es, ein gesünderes Körperbild zu entwickeln und zu lernen, wieder ausgewogen und ausreichend zu essen. Häufig leben die Patientinnen und Patienten während dieser Zeit mit anderen Betroffenen in speziellen Wohngruppen. Die begleitende Psychotherapie soll die Auslöser der Essstörung thematisieren. Dazu zählen Probleme in der Familie oder ein vergangenes Trauma wie etwa körperlicher und seelischer Missbrauch in der Kindheit. In den Medien und in der Werbung verbreitete Schönheitsideale können nach Ansicht vieler Wissenschaftler dazu beitragen, dass Jugendliche eine Essstörung – etwa eine Magersucht oder auch eine Bulimie – entwickeln.