Katharina Franzen* leitet eine Teamsitzung. Wie jede Woche. In ihrem Kopf die Themen, die sie kennt. Neben ihr die Kollegen, die sie kennt. Gerade noch hatte sie ihre Mails durchgeschaut und war die Sitzung im Kopf durchgegangen. Und plötzlich ist da nichts mehr. Sie weiß nicht mehr, was sie sagen wollte, was sie mit den Kollegen besprechen muss. Alles weg. Ein, zwei, drei Mal greift sie in ihr Gedächtnis, wühlt vergebens. Auf ihrem Computer hat sie Mails markiert, die sie daran erinnern sollen, was die Tagesordnung ist. Sie scrollt hektisch durch das Mailprogramm, aber vor ihrem Auge verschwimmen die Fähnchen, sie weiß nicht mehr, was die Betreffzeilen bedeuten sollen. Was tun? Raus hier. Sie entschuldigt sich, verlässt den Besprechungsraum und die Behörde, in der sie arbeitet. Katharina Franzen kann nicht mehr, sie weiß: Jetzt hat sie einen Zusammenbruch. Und ihr ist auch vollkommen klar, warum.

Wenige Tage nach ihrem Blackout füllt Katharina Franzen in einer Klinik einen Anamnesebogen aus. Dieser soll helfen herauszufinden, ob Menschen depressiv oder ausgebrannt sind. Fühlen Sie sich häufig schuldig für alles, was geschieht? Hatten Sie in den letzten Wochen fast ständig das Gefühl, zu nichts mehr Lust zu haben? Haben Sie Mühe, die Zeitung zu lesen, fernzusehen oder einem Gespräch zu folgen? Als sie die Fragen liest, bricht Katharina Franzen in Tränen aus. Sie muss viele mit Ja beantworten. "Plötzlich", sagt sie, "war ich in der Psychiatrie."

Katharina Franzen ist damals 39 Jahre alt und arbeitet im mittleren Management einer großen deutschen Behörde. Dort hat sie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu betreuen und Arbeit zu verteilen. Und sie hat Vorgesetzte, die ihr Aufträge übergeben. Der Druck kommt von allen Seiten. Also macht Franzen jeden Tag Überstunden. Über Wochen und Monate arbeitet sie zu viel. Hohes Tempo. Kommt sie nach einem anstrengenden Tag nach Hause, warten Zwillinge im Vorschulalter auf sie. Sie spürt, dass die Grenze dessen, was sie leisten kann, immer näher kommt. Trotzdem stoppt sie sich nicht. Immer häufiger begleitet sie das Gefühl zu versagen: im Job und zu Hause, überall Stress.

So wichtig und so gefährlich

Stress ist eine Anpassungsreaktion des Körpers. Wird es gefährlich oder schwierig, setzt der Körper zusätzliche Energie frei. Die Magen- und Darmdurchblutung wird heruntergefahren: Verdauung kann warten. Das Herz pumpt stattdessen mehr Blut in die Muskeln. Sie sollen genügend Nährstoffe und Sauerstoff haben, damit wir weglaufen oder kämpfen können. Stresshormone steigern den Blutzuckerspiegel und den Blutdruck. Wer gestresst ist, kann es besser mit Gegnern aufnehmen oder die Flucht ergreifen. Evolutionär war all das notwendig: Der Mensch, genau wie viele Tierarten, hätte sich ohne Stress auf der Erde niemals behaupten können. 

Stress kann die Konzentration steigern, er kann hilfreich sein und angenehm. Mancher Stress versetzt Menschen in beste Laune. Er öffnet Geisteszustände, die Menschen dann immer wieder suchen: Auch Verliebtsein setzt den Körper unter Stress.

Stress kann aber auch der Kontrollverlust sein, der eingeengte Blick und der Geruch von Schweiß. Stress kann einen Menschen, der sich zwischen Kindern, Träumen und beruflichen Ambitionen behaupten will, aus dem Gleichgewicht werfen. Vor allem für die Psyche ist Stress gefährlich.

Die Frage, die der Fall von Katharina Franzen aufwirft, ist deshalb simpel und gleichzeitig sehr kompliziert: Wo genau verläuft die Grenze zwischen normalem, produktivem Stress und solchem, der krank macht?

* Anmerkung der Redaktion: Der Name der Betroffenen wurde zum Schutz ihrer Privatsphäre geändert.