Deutschland erlebt eine neue Hitzewelle und extreme Trockenheit. Wann gefährdet das Menschen? Und muss sich die Medizin auf die hohen Temperaturen einstellen? Christian Witt, Leiter des Arbeitsbereiches Ambulante Pneumologie der Charité Berlin-Mitte, beantwortet die wichtigsten Fragen.

Frage: Herr Witt, das Robert Koch-Institut schätzt für vergangenes Jahr die Zahl der Hitzetoten auf fast 500. Sind alle davon an einem Hitzschlag gestorben?

Christian Witt: Nein. Ein Hitzschlag ist ein medizinischer Notfall, der entsteht, wenn die Wärmeregulation des Körpers versagt und die Körperkerntemperatur auf Werte von über 40 Grad ansteigt. Das sind die Folgen von akutem Hitzestress. Solche Fälle machen aber nur einen Bruchteil aus. Häufiger liegen die Gründe in einer fehlenden Anpassungsfähigkeit des Körpers.

Frage: Wer ist besonders gefährdet?

Witt: Ältere Menschen können sich nicht mehr so gut an Wärme und Extremwetterlagen adaptieren wie junge Leute. Irgendwann ist die Grenze der Anpassungsfähigkeit erreicht. Wenn solche Menschen dann in einer Hitzephase sterben, werden sie als zusätzliche Tote gezählt, die durch die Umweltbedingungen gestorben sind. 

Die Zahl wird statistisch erhoben, über einen Zusammenhang zwischen den hohen Temperaturen und der Sterblichkeit im gleichen Zeitraum. Allerdings sehe ich generell das größte Problem bei der Hitze nicht so sehr in den Todesfällen. Das sind vergleichsweise wenige. Das echte Problem ist ein anderes: Die Kranken werden kränker.

Frage: Welche Krankheiten spielen da eine Rolle?

Witt: Besonders gefährdet sind chronisch kranke Menschen, zum Beispiel solche mit Bluthochdruck, Herzschwäche oder Diabetes, aber auch Patienten mit chronischer Bronchitis oder Asthma. Also Personen, die ohnehin schon ein Handicap haben.

Frage: Woran liegt das?

Witt: Ihr Herz kann zum Beispiel das Pumpvolumen nicht mehr so einfach steigern. Zudem schaffen es die meisten nicht, genug zu trinken. Das ist aber wichtig, damit die inneren Organe weiterhin ausreichend durchblutet werden. Der Körper kann sich selbst nicht mehr vor der Hitze schützen.

Und wenn der Arzt dann bei den aktuellen Temperaturen am Telefon zu ihnen sagt "Kommen Sie mal vorbei", dann kann das, überspitzt gesagt, ihr letzter Weg sein – die entscheidende Mehrbelastung. Es ist wichtig, dass Ärzte so etwas auf dem Schirm haben. Generell werden die Umweltbedingungen noch viel zu wenig berücksichtigt, auch bei der Behandlung.

Frage: Wie meinen Sie das?

Witt: Nicht nur die Erkrankung macht anfällig für die Hitze, sondern auch deren Therapie. Beispiel Blutdruckmittel: Damit dreht man an wichtigen physiologischen Stellschrauben. Wird der Blutdruck medikamentös gesenkt, kann der Körper sich nicht mehr anpassen. Bei Hitze werden die Hautgefäße weitgestellt, damit Wärme aus dem Körperkern abgeführt wird.

Der Blutdruck würde daher bei Hitze sinken. Der Körper kann gegenregulieren, damit die inneren Organe noch ausreichend durchblutet werden. Das funktioniert aber unter Umständen wegen der Medikamente nicht ausreichend. Das kann dazu führen, dass der Blutdruck zu niedrig bleibt und selbst der Gang zur Toilette kaum noch möglich ist.

Frage: Wie könnte man dieses Problem lösen?

Witt: Man müsste die Dosis des Medikaments an die Umgebungsbedingungen anpassen. Aktuell nehmen die Menschen bei 35 Grad dieselbe Dosis wie an einem Januartag, an dem die äußeren Bedingungen ganz andere sind. Die Lösung wäre eine wetteradaptierte Arzneimitteltherapie, sodass man die negativen Effekte bei Hitze nicht noch durch die Behandlung verstärkt. Das Ziel ist, dem Patienten sagen zu können, er soll dieses oder jenes Medikament an besonders heißen Tagen lieber einmal weglassen. Diese Aspekte sind weltweit noch in keiner Leitlinie berücksichtigt. Man muss das sich verändernde Klima ins Bewusstsein von Ärzten und Patienten bringen.

Frage: Gibt es Forschungsansätze dafür?

Witt: In einem Forschungsprojekt in Berlin untersuchen wir zum Beispiel derzeit an 500 Patienten, welche Medikamente jene Patienten nehmen, die bei hohen Temperaturen in die Notaufnahmen kommen. Wir schauen, ob es Unterschiede gibt. Unser Augenmerk liegt dabei darauf, ob Patienten mit bestimmten Medikamentenkombinationen anfälliger für die Hitze sind als solche, die andere Medikamente einnehmen. Die Vermutung dahinter ist, dass bestimmte Medikamentenkombinationen Patienten generell anfälliger für Hitzestress machen könnten.