Das Altern aufhalten, ja sogar rückgängig machen – den Menschen verjüngen durch ein paar Medikamente? Das, was Forscher eines Biotech-Unternehmens in den USA an neun Männern geschafft haben wollen, klingt sensationell. Aber auch unheimlich. Es wird weitere Forschung brauchen, um zu belegen, ob dieser kleine Versuch das Zeug zum Jungbrunnen hat. In jedem Fall aber wirft diese Studie schon jetzt große ethische Fragen auf. Wir haben sie mit dem Ethikrat-Vorstand Peter Dabrock diskutiert.

ZEIT ONLINE: Gesetzt den Fall, die Medizin hätte tatsächlich ein verträgliches Mittel gefunden, die biologische Uhr zurückzudrehen. Das Altern also durch Medikamente zu bremsen oder gar umzukehren. Wäre es vertretbar, so eine Jungbrunnen-Arznei auf den Markt zu bringen?

Peter Dabrock: Schauen wir erst mal, ob sich die Ergebnisse aus der aktuellen Studie bewähren. Weder die Presse noch wir Ethiker sollten jetzt einem Hype aufsitzen. Sollte sich die Therapie jedoch als wirksam erweisen, halte ich es dennoch für wenig erstrebenswert und unklug, sie zu nutzen.

Peter Dabrock ist Professor für Systematische Theologie an der Uni Erlangen und seit 2016 Vorsitzender des Ethikrats. © Deutscher Ethikrat /​ R. Zensen

ZEIT ONLINE: Heißt das, Sie würden die Forschung daran oder zumindest die Zulassung so einer Arznei verbieten wollen? 

Dabrock: Nur, weil man etwas nicht gutheißt, muss man es ja nicht gleich verbieten. Aber mir fallen gute Gründe ein, ein solches Mittel – selbst wenn es sicher und wirksam wäre – nicht einzuführen.

ZEIT ONLINE: Was sollte dagegensprechen, dass Menschen mit Medikamenten ihr Leben verlängern?

Dabrock: Das Problem ist, dass hier entgegenstehende ethische Ansprüche aufeinanderstoßen: Einerseits ist es geboten, Leben zu schützen, Krankheiten zu bekämpfen und vorzeitige Todesfälle zu verhindern. Manche Bioethiker wie John Harris sagen, dass auch die Lebensverlängerung eine Form der Lebensrettung ist. Zudem sollte die Autonomie von Menschen respektiert werden, die eine solche Behandlung in Anspruch nehmen wollen. Andererseits wirft jegliche Technik, die das Leben der Menschen deutlich verlängert, Fragen der sozialen und Generationengerechtigkeit auf.

ZEIT ONLINE: Welche denn?

Dabrock: Es wäre schon sehr schräg, wenn in einer Welt, in der noch immer mehr als 800 Millionen Menschen Hunger leiden und viele nicht einmal eine Lebenserwartung von 50 Jahren haben, andere plötzlich 150 oder 200 würden. Das wäre eine exorbitante Ungerechtigkeit.

ZEIT ONLINE: Das Problem, dass nicht alle Zugang dazu hätten, ist verständlich. Aber warum wäre es auch ungerecht für nachfolgende Generationen?

Dabrock: In jeder Gesellschaft geht es um Gestaltungsmacht. Schon heute gibt es – jedenfalls in Ländern mit einer demografischen Entwicklung wie in Europa – einen Streit zwischen einer, plakativ gesagt, "Politik der alten weißen Männer" und den Interessen und Forderungen der jüngeren Generation. Die einen wollen sich abschotten, die anderen kämpfen um ihre Zukunft. Würden Menschen noch älter, würden diese Spannungen zwischen Jung und Alt exponenziell wachsen.

ZEIT ONLINE: Aber die Jüngeren könnten doch dann auch länger leben, hätten also auch länger Zeit, die Welt mitzugestalten. Wo wäre das Problem?

Dabrock: Generationen müssen sich ablösen können, um die produktive Spannung in einer Gesellschaft zu erhalten. Sonst kommt es zu einem Verlust an Kreativität, gesellschaftlicher Dynamik, Lernbereitschaft und Fortschritt und letztlich zu einer statischen Gesellschaft. Wer ewig lebt, macht keinen Platz für andere. Auch ich selbst denke darüber nach: Ich bin fast acht Jahre im Vorstand des Ethikrates und seit fast vier Jahren Vorsitzender. Ich ahne, sagen zu können, warum es gut ist, dass man nicht allzu lang in bestimmten Verantwortungspositionen bleibt.

ZEIT ONLINE: Und zwar?

Dabrock: Diese Aufgaben erfordern viel Arbeit, Kraft und Zeit. Es besteht die Gefahr, dass man sich dabei abnutzt und gleichzeitig klopfen, wie wir es jetzt bei der Fridays-for-Future-Bewegung sehen, junge Menschen an die Tür und sagen: Wir wollen auch Verantwortung übernehmen. Ich finde das gerecht und gut.

ZEIT ONLINE: Die Lebensverlängerung ist ja auch eine ökologische Frage: Je mehr Menschen auf der Erde leben, desto größer der CO2-Abdruck der Menschheit.

Dabrock: Die Befürworter einer extremen Langlebigkeit sagen: Das könne man managen, indem man den Generationenwechsel verschiebt. Mithilfe von Social Freezing könnte man die Phase, in der Frauen Kinder bekommen, ausdehnen. Außerdem, sagen sie, werden sich Sexualität und Reproduktion weiter entkoppeln. Das würde die ökologischen Probleme beheben, weil die Zahl der Menschen auf der Welt nicht oder nur wenig steigen würde.

ZEIT ONLINE: Sie meinen eine rigorose Geburtenkontrolle?

Dabrock: Ja, das würde nur funktionieren, wenn man mit starken Regeln in das Leben des Einzelnen eingreift. Man erkauft sich die Lebensverlängerung mit hoher Wahrscheinlichkeit also mit einer Art überstaatlicher Gesundheitsdiktatur. Kurzum: Die deutliche Verlängerung der Lebensspanne würde wahnsinnig viele Probleme schaffen. Es wäre also klüger, sich nicht darauf einzulassen.

ZEIT ONLINE: Gleichzeitig könnte sie unsere persönliche Freiheit radikal erhöhen, oder?

Dabrock: Ob es unsere Freiheit erweitert oder ob es sie einschränkt, wenn wir künftig den Zeitpunkt des Lebensendes selbst festlegen müssen, kann man nun wirklich bezweifeln. Wenn wir das Leben der Menschen deutlich verlängern würden, gerieten wir in eine Gesellschaft, in der Ressourcen noch umkämpfter werden. Menschen müssten sich dann womöglich noch stärker für jegliche Form "beschädigten" Lebens rechtfertigen als heute. Ein Beispiel: Wäre ein Depressiver in so einer Gesellschaft noch tragbar? Ich glaube, über sein Ende oder Nicht-Ende Rechenschaft ablegen zu müssen, ist einer der größten Freiheitsverluste, die man sich vorstellen kann.

ZEIT ONLINE: Warum?

Dabrock: Weil es am Ende in einer Dialektik der Aufklärung sogar dazu führen könnte, dass man sich für das rechtfertigen muss, von dem ich glaube, das es unser Leben lebenswert macht: Dass wir alle auf die eine oder andere Weise beschädigt, vulnerabel und endlich sind. Um die Freiheit derjenigen, die bereits leben, derart drastisch zu steigern, muss eine Gesellschaft an anderer Stelle extrem reglementieren: im Hinblick darauf, wann wer Kinder kriegen darf und im Hinblick auf Suizid und Euthanasie. Das kann nicht gut sein.

ZEIT ONLINE: In Ordnung. Kommen wir noch mal darauf zurück, dass – gäbe es so eine Therapie – sie vermutlich schon aus finanziellen Gründen nur bestimmten Menschen zugänglich wäre. Könnte unsere Gesellschaft das hinnehmen? Oder wie könnte man gegensteuern?

Dabrock: Auch diese Frage ist nicht kontextfrei. Um sie zu beurteilen, müsste man erst fragen, ob die Lebensverlängerung spätere Generationen ihrer Chancen beraubt. Und man muss klären, was einem Menschen durch die Behandlung genau ermöglicht wird. Wenn man beispielsweise beobachtet, dass diejenigen, die ein ganz langes Leben erwarten können, eine viel längere Ausbildung durchlaufen und alle Eliteschulen dieser Welt besuchen, um dann erst mit 50 in eine Spitzenposition zu kommen. Wenn sie diese dann auch noch Jahre innehätten, sodass andere nicht mehr an der Gestaltung der Gesellschaft teilnehmen können, wäre das ein Gerechtigkeitsproblem, das durch die Gesellschaft behoben werden müsste.