Eines der in Deutschland beliebtesten freiverkäuflichen Magenmittel steht unter Verdacht: Die pflanzliche Tinktur Iberogast von der Firma Bayer. Die bitteren braunen Tropfen, die Magen und Darm beruhigen sollen, enthalten neun Kräuter, darunter Schöllkraut. Und das ist giftiger als lange gedacht: In hoher Dosierung kann es wohl Leberschäden verursachen (Arzneiverordnung in der Praxis: Rosien, 2018) und ein Risiko für Schwangere und Kinder sein.

Schon im Jahr 2008 entzog das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) Arzneimitteln mit einem hohen Schöllkrautgehalt deshalb die Zulassung. Hersteller von Arzneien, die wenig Schöllkraut enthalten – so wie die Magentropfen Iberogast –, mussten Warnhinweise in die Packungsbeilage aufnehmen. Bayer aber weigerte sich lange und lenkte erst im vergangenen Jahr ein (ZEIT ONLINE berichtete). Nun ermittelt laut Handelsblatt-Informationen die Staatsanwaltschaft Köln, ob die späte Warnung einen Todesfall in Folge von Leberversagen hätte verhindern können.

Ob an dem Vorwurf etwas dran ist, werden Gutachter, Ermittlerinnen und Richter beurteilen müssen. Experten, unter anderem von der Europäischen Arzneimittelbehörde, bemängeln zwar schon länger, dass die Risiken von Schöllkrautmitteln größer seien als ihr Nutzen. Wirklich gefährlich sind Tropfen wie Iberogast aber für die meisten Menschen nach derzeitigem Forschungsstand nicht: Wer sich an die Empfehlungen in der Packungsbeilage hält, braucht sich in der Regel keine Sorgen zu machen.

Schwere Nebenwirkungen, obwohl es pflanzlich ist?

Dennoch kann der aktuelle Fall für Verunsicherung sorgen: Haben pflanzliche Mittel, die es frei in der Apotheke ohne Rezept zu kaufen gibt, wirklich das Potenzial für lebensgefährliche Nebenwirkungen?

Arzneien, die "rein pflanzlich" sind, naturheilkundliche Verfahren und nicht zuletzt die Homöopathie: All dies halten viele Menschen für harmloser und schonender als andere Arzneien und Therapien. Nicht zuletzt, weil diese Formen der sogenannten Alternativmedizin entsprechend beworben werden, ist die Vorstellung verbreitet, sie regten natürlich die Selbstheilungskräfte des Körpers an – ohne schädliche Chemie.

Und das macht sie beliebt. Vier von fünf Deutschen wünschen sich laut einer Umfrage aus dem Jahr 2018 ein Nebeneinander von Naturheilkunde und konventioneller Medizin. Allerdings wurde diese Befragung von der Deutschen Homöopathischen Union (DHU) in Auftrag gegeben, einem der größten deutschen Hersteller homöopathischer Mittel mit entsprechenden Eigeninteressen. Doch es gibt auch unabhängige Belege für die wachsende Beliebtheit der Alternativmedizin: Die Zahl der Ärztinnen und Ärzte in Deutschland, die die Zusatzbezeichnung Naturheilkunde tragen, ist zwischen 1993 und 2018 von 5.000 auf 16.111 gestiegen. Bücher über Naturheilkunde werden regelmäßig zu Bestsellern.

Doch dass pflanzliche Mittel und andere naturheilkundliche Verfahren per se sanft und harmlos seien, ist ein Irrtum. Zudem muss man hier deutlich unterscheiden: Etwas Homöopathisches – also extrem bis unter die Nachweisgrenze verdünnte und geschüttelte Mittel – sind etwas grundsätzlich anderes als eine Arznei, die in nachweisbarer Dosierung pflanzliche Wirkstoffe enthält, welche noch dazu eine wissenschaftlich belegte Wirksamkeit haben.

Viele Arzneien sind der Natur nachempfunden

Pflanzliche Arzneien wie Iberogast enthalten Stoffe, die durch Trocknen oder durch das Herauslösen mit Alkohol direkt aus Pflanzen gewonnen werden. Nicht alle, aber doch viele dieser Pflanzenstoffe haben eine wissenschaftlich nachweisbare Wirkung auf den Körper. Damit bergen sie dasselbe Potenzial für unerwünschte Nebenwirkungen wie im Labor durch chemische Prozesse oder Biotechnologie hergestellte Wirkstoffe.

Weil in vielen pflanzlichen Arzneien, wie etwa Iberogast, verschiedene Kräuter und damit verschiedene Substanzen enthalten sind, die in den Organismus eingreifen können, ist die Liste der Nebenwirkungen potenziell sogar länger. Das mag der Erfahrung vieler Menschen widersprechen, die zum Beispiel Arnica- oder Weidenrinden-Tee gegen Schmerzen nutzen* oder Echinacea gegen die Erkältung nehmen. Dass wenige, wenn sie zu Pflanzlichem greifen, Nebenwirkungen bemerken, liegt aber ziemlich sicher daran, dass in dieser Art von pflanzlichen Hausmitteln sehr wenig Wirkstoff enthalten ist – teils so wenig, dass die Heilkraft zuweilen angezweifelt werden muss.

Hinzu kommt das Missverständnis, herkömmliche Arzneien, die mit biochemischen Methoden hergestellt werden, seien stofflich grundsätzlich etwas anderes als aus Pflanzen hergestellte Medikamente. Viele Arzneimittel wurden aus Naturstoffen entwickelt oder sind Naturstoffen nachempfunden. Das vielleicht prominenteste Beispiel dafür ist Aspirin (British Journal of Haematology: Desborough & Keeling, 2017). Der Wirkstoff Acetylsalicylsäure (ASS) senkt Fieber, hindert die Blutplättchen daran zu verkleben, wirkt gegen Entzündungen und stammt ursprünglich aus Weidenrinde. Die gilt in der Volksheilkunde schon seit Jahrhunderten als Mittel gegen Schmerz und Fieber.

Ende des 19. Jahrhunderts isolierten Chemiker und Pharmazeuten von Bayer den Wirkstoff. Sie veränderten ihn chemisch leicht, um ihn magenschonender zu machen und ihn zu konzentrieren. Geboren war eine potente Arznei, die Hunderttausenden Menschen das Leben gerettet haben dürfte, etwa nach Schlaganfällen oder Infarkten. Man darf es so sehen: Das Vorbild war die Natur, das Endprodukt aber war besser, weil schonender und wirksamer als der natürliche Ausgangsstoff.

Was das zeigt? Dass es durchaus sinnvoll sein kann, in der Natur nach Wirkstoffen zu suchen und traditionelle Arzneikräuter zu untersuchen, um zu verstehen, was sie enthalten und wie sie Leiden lindern können. Dass in den vergangenen Jahren Lehrstühle, Stiftungsprofessoren und Kompetenzzentren zu Naturheilkunde in Deutschland entstanden sind, ist prinzipiell also etwas Gutes. Und es deckt sich ein Stück weit mit dem, was die Weltgesundheitsorganisation WHO sich wünscht: Dass Länder die "Rolle traditioneller Medizin, die die Bevölkerung gesund hält, stärken" sollen.

Das Missverständnis mit der Homöopathie

Gern wird auch die Homöopathie zu den pflanzlichen Arzneien gezählt. Das ist streng genommen aber nicht korrekt. Erstens weil viele Stoffe, mit denen die Homöopathie arbeitet, Giftstoffe, Mineralien oder Metallverbindungen sind, und zweitens, weil sich in vielen homöopathischen Mitteln kein einziges Molekül des Ausgangsstoffs nachweisen lässt. Homöopathie beruht nämlich prinzipiell auf der Verdünnung eines Ausgangsstoffs, der – so die Vorstellung – genau die Symptome lindern soll, die der Patient hat. So geben Homöopathen beispielsweise Präparate, deren Ausgangsstoff Nervosität auslöst, um eine nervöse Patientin zu behandeln. Während der Herstellung wird ein Ausgangsstoff in Wasser, Alkohol oder Milchzucker gelöst und dann immer weiter verdünnt. Je weniger des Stoffs nach der Verdünnung, oder wie der Homöopath sagt, Potenzierung, noch über ist, desto wirksamer soll das Medikament sein – was sämtlichen naturwissenschaftlichen Kenntnissen widerspricht.

Nebenwirkungen haben homöopathische Mittel deshalb nicht – außer sie sind sehr wenig verdünnt oder es gab Fehler bei der Produktion. Das aber hat einen einfachen Grund: Wo kein Wirkstoff ist, gibt es weder Wirkung noch Nebenwirkung. Dafür, dass homöopathische Mittel stärker wirken als Scheinmedikamente, sogenannte Placebos, gibt es keine überzeugenden Belege (zum Beispiel: Lancet: Shang et al., 2005). Und was ist mit der sogenannten Erstverschlimmerung, ein von Homöopathinnen und Patienten beschriebenes Aufflammen der Symptome direkt nach der Einnahme der homöopathischen Mittel, das ein Anzeichen dafür sein soll, dass die Therapie wirkt? Am ehesten handelt es sich dabei um einen umgekehrten Placeboeffekt, einen Noceboeffekt: Die Annahme, dass ein Mittel Nebenwirkungen haben könnte, reicht manchmal, um wirklich Nebenwirkungen zu erzeugen.

*Anmerkung der Redaktion: Arnicatee ist zur äußerlichen Anwendung, also etwa zum Gurgeln, bestimmt. In einer früheren Version hieß es, Menschen würden ihn trinken. Das ist nicht zu empfehlen. Wir bitten die Ungenauigkeit zu entschuldigen.