Freitag, 12. Juli 2019, Frederick P. Rose Auditorium am New Yorker Cooper Square. Kurz vor 11 Uhr Ortszeit tritt ein Mann mit Brille und Schnurrbart ans Rednerpult. Was er dem Fachpublikum berichtet, enthält eine ungeheuerliche Botschaft: Sollte sich bestätigen, was sein Vortrag enthält, könnte eine Revolution beginnen, die unsere Gesellschaften für immer radikal verändern würde. An deren Ende der Mensch womöglich das ewige Gesetz des Lebens außer Kraft setzen könnte: das Altern und seine eigene Vergänglichkeit.

Der Redner heißt Gregory "Greg" Fahy und ist medizinischer Direktor bei Intervene Immune, einem biopharmazeutischen Unternehmen in der Nähe von Los Angeles. Fahy ist einer der Starredner bei der diesjährigen Aging-Konferenz der Life Extension Advocacy Foundation (Leaf). Titel seiner Präsentation: "Reversing Human Aging Right Now!" Auf Deutsch: Das menschliche Altern umkehren, sofort! Das hört sich an wie ein vollmundiges Mission Statement eines kapitalhungrigen Start-ups. Doch Fahy, so muss das Publikum schnell erkennen, meint es wörtlich und sehr ernst. Zum ersten Mal in der Geschichte unserer Spezies sei die Lebensuhr von Menschen zurückgedreht worden, erklärt der Wissenschaftler. Eine Kombination von bekannten Wirkstoffen habe bei neun freiwilligen Probanden das biologische Lebensalter um zweieinhalb Jahre zurückspringen lassen. Aubrey de Grey, ein dürrer Mann mit Rauschebart und der momentan vielleicht bekannteste Verjüngungsforscher, findet direkt nach dem Vortrag starke Worte: "Beeindruckend" seien die Ergebnisse und hochgradig motivierend.

Es klingt unglaublich. Und immer, wenn in der Wissenschaft etwas unglaublich klingt, ist Vorsicht geboten. In diesem Fall sogar äußerste Vorsicht. Tatsächlich sind die Ergebnisse, die Fahy vorstellt, noch nicht in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift erschienen. Sie haben also dem kritischen Blick von Fachkollegen, die die Methoden und die Auswertung der Daten überprüfen müssen, noch nicht standgehalten. Das soll noch in diesem Jahr passieren (siehe Infobox). Außerdem ist die Versuchsgruppe sehr klein: Gerade einmal neun Männer – und keine Frau – haben die Medikamente bekommen, eine Kontrollgruppe gibt es bisher nicht.

Was würde das für unsere Gesellschaft bedeuten?

Gleichzeitig wären die Folgen einer solchen Therapie unabsehbar – und allein deshalb lohnt es sich, darüber zu berichten: Wenn die Befunde der Wissenschaftler – neben den Fachleuten des Unternehmens waren Forscher der University of California in Los Angeles und der Stanford University beteiligt – sich in weiteren Studien bestätigen, könnte eine Zeitenwende bevorstehen. Wenn Medizinerinnen und Mediziner es wirklich geschafft hätten, Menschen zu verjüngen, was würde das für unsere Gesellschaft bedeuten? Bräche dann eine Epoche an, in der Jugend zur Ware wird und die Hinfälligkeit des Alters ihren Schrecken verliert? Und wie radikal würde sich die Lebensplanung verändern, Familienstrukturen und Versicherungssysteme? Wer braucht noch Götter, wenn der Tod gestorben ist?

Die Agonie des Alterns begann schon im Frühling 2017. In seinem Labor an der University of California untersuchte Steve Horvath die letzten Blutproben der neun Freiwilligen. So wie er es in den vergangenen zwölf Monaten getan hatte. Wieder mit dem gleichen Ergebnis. Es gab keine Zweifel mehr, die Ergebnisse waren eindeutig. Horvath schickte sie an Intervene Immune, zu seinem Kollegen Greg Fahy. Auch dem erschien unglaublich, was er las. Es folgten zwei Jahre voller weiterer Analysen und langen Diskussionen im Team. An deren Ende stand ein Beschluss: Man würde die Befunde veröffentlichen.