Horvath nutzte seine biologischen Uhren, um während der Studie das biologische Alter von Fahys Probanden zu bestimmen. Die Ergebnisse erscheinen schier unglaublich. Die neun Männer wurden in dem Jahr der Behandlung nicht etwa älter, sondern verjüngten sich durch die Therapie. In den zwölf Monaten, die das Experiment andauerte, rückte ihre biologische Uhr nicht um ein Jahr vor, sondern sprang im Durchschnitt um 18 Monate zurück. Die neun Männer hatten zweieinhalb Jahre Lebenszeit gewonnen. Und das war noch nicht alles: Der verjüngende Effekt, das zeigten Horvaths Messungen, hatte im Laufe der Zwölfmonatsphase an Fahrt aufgenommen, die Zeiger der biologischen Uhren drehten sich schneller und schneller rückwärts. Rechnet man die Wirkung in den letzten drei Monaten auf ein Jahr hoch, verkündeten die Forscher bei der New Yorker Konferenz, so hätte der Substanzcocktail in dieser Zeit eine biologische Verjüngung um 7,5 Jahre erzeugt. Eine Versuchsperson, die bereits ergraut war, bestätigte ZEIT ONLINE, dass ihr dunkle Haare nachgewachsen seien.

Ich habe drei Kinder, die bald auf die Uni gehen, eines, das schon auf der Uni ist und eines, das gerade fertig geworden ist. Ich glaube nicht, dass ich für die Therapie bezahlen würde.
Peter Rothman, Proband der TRIIM-Studie

All das klingt unglaublich. Sollte der bislang stets trügerische Traum von einem Jungbrunnen auf so beiläufige Weise Realität geworden sein? Mit ein paar altbekannten Arzneistoffen? Gründe für Skepsis gibt es genug: Wie eingangs erwähnt, ist die Studie mit nur neun Freiwilligen sehr klein und hat die Begutachtung durch Fachwissenschaftler noch nicht bestanden. Außerdem gab es keine mit Placebo behandelte Kontrollgruppe, was allerdings in einer frühen Testphase nicht ungewöhnlich ist. Unklar ist auch, wie lange der Effekt anhält, und ob es nicht doch später oder bei wiederholter Behandlung zu Nebenwirkungen kommt. Und niemand kann derzeit ausschließen, dass der spektakuläre Effekt in einer größeren Untersuchung mit Hunderten Teilnehmern kollabiert. Eine Laborstudie ist eben nicht die richtige Welt: Wie wird der Effekt aussehen, wenn er im medizinischen Routinebetrieb erprobt wird? Dazu kommt, dass die Probanden schon vor Beginn der Behandlung biologisch jünger waren, als ihr Geburtsdatum vorgab. Wenn die Medikamente bei ihnen eine weitere Verjüngung bewirkt haben – wird das auch für Menschen mit einer normalen oder gar beschleunigten Alterung gelten? Und auch bei Frauen? Es sei bekannt, dass hGH bei den Geschlechtern unterschiedliche Effekte bewirken kann, sagt Greg Fahy. Er sei aber zuversichtlich, dass die Behandlung auch bei Frauen Wirkung zeigt. Das Unternehmen plant weitere Tests, an denen Frauen und Männer teilnehmen sollen.

Eine lebensverlängernde Therapie brächte Milliarden

Denn es steht viel auf dem Spiel. Für weitere Studien braucht Intervene Immune Risikokapital. Nur logisch, dass die Firma jetzt an die Öffentlichkeit geht. Analysten prophezeien, dass ein Unternehmen, das eine Therapie entwickelt, die Menschen zwei Lebensjahre schenkt, schnell einen Marktwert von 100 Milliarden Dollar erreichen könnte. Viele Unternehmen in den Vereinigten Staaten, eine ganze Reihe neu gegründet, wollen Verfahren zur Kontrolle der Alterung entwickeln.

Den Tod würden sie dabei natürlich nicht abschaffen. Die meisten Menschen in den entwickelten Industrienationen sterben zwar an altersabhängigen Erkrankungen wie Krebs, Herzkreislauferkrankungen und Demenz. Noch immer aber sorgen Unfälle, Gewalt und andere Krankheiten für viele Todesfälle – auch Kinder und junge Erwachsene bekommen manchmal Krebs und gegen eine Wundinfektion mit einem antibiotikaresistenten Keim hilft die beste Verjüngungskur nicht.

Trotzdem zeigen die neuen Ergebnisse eines: Es ist längst nicht mehr vermessen, daran zu glauben, dass es eines Tages eine Therapie geben wird, die die gesunde Lebensspanne des Menschen weit ausdehnt. Die Ergebnisse der TRIIM-Studie – jedenfalls so wie sie jetzt präsentiert werden – sind bemerkenswert. Die Thymusvermessungen und Horvaths Altersbestimmungen sind statistisch hochsignifikant, was bei einer derart kleinen Gruppe auf einen starken Effekt hindeutet. Und kein Placeboeffekt allein wird einem Mann im sechsten oder siebten Lebensjahrzehnt einen neuen Thymus wachsen lassen.

Aber auch jenseits von Fahys Studie hat die Altersforschung in wenigen Jahren gewaltige Fortschritte erzielt. Eine ganze Reihe von Medikamenten und Verfahren werden erprobt, die das Altern bremsen, aufhalten oder sogar umkehren könnten. Steve Horvath glaubt, wir hätten einen "historischen Moment" erreicht. Einen Moment, in dem die Alterung kein Naturgesetz mehr ist.