Zur Vorsorge für einen schweren Reaktorunfall hat Deutschland 190 Millionen Jodtabletten bestellt. Nach WDR-Recherchen hat das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) die Tabletten bei einem Hersteller in Österreich bestellt. Dabei handelt es sich um fast das Vierfache des jetzigen Bestandes. Die Tabletten sollen im Fall einer Freisetzung radioaktiver Stoffe an die Bevölkerung verteilt werden.

Hintergrund ist eine Empfehlung der Strahlenschutzkommission (SSK). Das Beratergremium der Bundesregierung hatte nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima vorgeschlagen, den Kreis der möglichen Empfänger von Jodtabletten nach Freisetzung von Radioaktivität erheblich auszuweiten. Außerdem wurden die jeweiligen Notfallzonen um die Atomkraftwerke herum erheblich vergrößert. Die gesamte Bundesrepublik Deutschland gilt seitdem als "Fernzone". In dieser müssen alle Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren sowie Schwangere mit Jodtabletten versorgt werden.

Die Einnahme von hohen Dosen Jod soll verhindern, dass der Körper radioaktives Jod aufnimmt, das bei Reaktorunfällen frei werden kann. Jod wird nach der Aufnahme durch die Luft oder die Nahrung in verschiedene Organe des Körpers eingelagert, vor allem in die Schilddrüse, die es zur Herstellung von Hormonen nutzt. Die Überlegung hinter der Jodgabe bei einem Reaktorunfall ist es, den Körper mit so viel unschädlichem Jod zu versorgen, dass er aufhört, das radioaktive Jod aus der Umwelt aufzunehmen und in die Schilddrüse einzulagern. So soll vor allem bei Jugendlichen und Kindern Schilddrüsenkrebs verhindert werden. Gegen andere radioaktive Stoffe wie Cäsium, ein Spaltprodukt von Uran, das deutlich lang anhaltender radioaktive Strahlung aussendet als radioaktives Jod, helfen Jodtabletten hingegen nicht.

Aachen versorgte seine Bewohner bereits vor zwei Jahren

"Fukushima hat uns damals zwei Dinge gelehrt: Das eine ist, dass man auch mit Reaktorunfällen der Stufe INES 7 rechnen muss, also schwerer, als man vorher angenommen hat", erklärte der Essener Strahlenbiologe und damalige Vorsitzende der SSK, Prof. Wolfgang Müller, im WDR. "Und zum zweiten, dass es durchaus auch mehrtägige Freisetzungen geben kann, was bedeutet, dass unter Umständen die Windrichtungen wechseln und viel mehr Gebiete betroffen sind, als das nach einer eintägigen Freisetzung der Fall wäre."

Trotz des für 2022 beschlossenen Atomausstiegs ist das Risiko eines Super-GAU, laut Müller, real – insbesondere wegen der zahlreichen grenznahen Atomkraftwerke. Vor zwei Jahren hatte die Städteregion Aachen Jodtabletten an alle Bewohner unter 45 Jahre ausgeben lassen, wegen der Risiken des benachbarten belgischen AKW Tihange.

Die Kosten für die bundesweite Aufstockung liegen laut BfS bei 8,4 Millionen Euro und werden vom Bund getragen. Die Tabletten werden dezentral gelagert. Für Verteilung und auch Lagerung sind die Bundesländer zuständig.