Jeder zehnte Deutsche hat ein Tattoo (Current Problems in Dermatology: Kluger, 2015) – und nicht selten entwickeln Menschen mit Tattoo eine Kontaktallergie (Dermatology: Wenzel et al., 2013).

Bisher dachten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dass das an den Farben liegt, die toxische Substanzen und Metalle enthalten können. Sie wandern beim Tätowieren unter der Haut und in die Lymphknoten. Nun haben Forscher erstmals nachgewiesen, dass während des Tätowierens auch Metalle von den Nadeln abgerieben werden (Particle and Fibre Toxicology: Schreiver et al., 2019). Die Metalle, vor allem Eisen, Chrom und Nickel, verteilen sich unter der Haut und in den Lymphknoten. Und könnten damit Allergien begünstigen, vermuten Wissenschaftler einer Arbeitsgruppe am Bundesinstitut für Risikobewertung.

Für die Studie untersuchten sie Haut- und Lymphknotenproben von verstorbenen Menschen, die tätowiert waren. Sie fanden Partikel, die aus einer Mischung aus Eisen, Chrom und Nickel bestanden und sich in der Nähe von Titanpartikeln angesiedelt hatten. Die Hypothese: Die Eisen-Chrom-Nickel-Partikel stammten aus den Tätowiernadeln und sind vom Titan abgerieben worden. Titan ist ein extrem hartes Metall, das sich in vielen Tattoofarben befindet. Tätowiernadeln bestehen ungefähr zu sechs bis acht Prozent aus Nickel, zu fünfzehn bis zwanzig Prozent aus Chrom sowie aus Stahl, der größtenteils aus Eisen besteht. Insbesondere Chrom und Nickel sind bekannt dafür, Kontaktallergien zu begünstigen.

Um ihre Hypothese zu bestätigen, versuchten die Forscher auszuschließen, dass die Metallpartikel aus anderer Quelle stammten. Dafür untersuchten sie 50 verschiedene Tattoofarben darauf, ob diese überhaupt Chrom und Nickel enthalten. Das Ergebnis: In den Farben ließ sich keines der Metalle nachweisen. Außerdem tätowierten sie Schweinehaut mit zwei verschiedenen Farben, einer, die Titan enthielt, und einer schwarzen Farbe ohne Titan. Bei der Titan-haltigen Farbe fanden sie deutlich mehr Metallpartikel unter der Haut. Zudem war die Nadel, wie sich im Elektronenmikroskop zeigte, deutlich abgenutzter.

Die Farben und ihre toxischen Inhaltsstoffe bleiben das Hauptproblem

Das zeige, schreiben die Autoren, dass Partikel von Tätowiernadeln abgerieben werden und unter die Haut wandern. Ines Schreiver, die Hauptautorin der Studie und Leiterin der Nachwuchsgruppe Tätowiermittel am BfR, sagte ZEIT ONLINE: "Ich habe immer damit gerechnet, dass etwas Metall beim Tätowieren übergeht. Darüber, dass so viele Eisenspäne in der Haut verbleiben und in die Lymphknoten gelangen, bin ich aber überrascht."

Um die Metallpartikel nachzuweisen, nutzten die Forscherinnen und Forscher eine Röntgenfluoreszenzanalyse. Diese auf Röntgenstrahlung basierende Technik erlaubte es ihnen, die exakte Zusammensetzung der Hautproben zu bestimmen. Für besonders hochauflösende Bilder, in denen auch die winzigen Nanopartikel zu sehen sind, gingen die Forscher mit ihren Proben an das Europäische Synchrotron in Grenoble, wo auf knapp 850 Metern Elektronen beschleunigt werden, um besonders intensive Röntgenstrahlung herzustellen.

Erst vor zwei Jahren hatte die gleiche Forschergruppe zeigen können, dass Farbpigmente aus der Tattoofarbe mit ihren metallischen Verunreinigungen in die Lymphknoten transportiert werden und dort noch Jahre verbleiben (Nature Scientific Reports: Schreiver et al., 2017). Die Farben und ihre teilweise toxischen Inhaltsstoffe, sagt Ines Schreiver, seien auch weiterhin das Hauptproblem: "Ihre Zusammensetzung ist nicht ausreichend reguliert."

Einen direkten Zusammenhang mit der Entstehung von Allergien kann die Studie allerdings nicht beweisen. Dafür braucht es größer angelegte, epidemiologische Untersuchungen.