Die Vorkommen von Mikroplastik im Trinkwasser und seine etwaigen gesundheitlichen Auswirkungen müssen nach Überzeugung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) noch viel genauer untersucht werden. Das gelte für die Verbreitung dieser Partikel und auch für die Risiken, teilte die WHO in Genf mit. "Basierend auf den begrenzt verfügbaren Informationen scheint Mikroplastik im Trinkwasser auf dem jetzigen Niveau kein Gesundheitsrisiko darzustellen", sagte die WHO-Expertin Maria Neira. Andere Verunreinigungen des Wassers seien den WHO-Experten zufolge aus heutiger Sicht wesentlich bedeutsamer.

In deutschem Leitungswasser sei erheblich weniger Mikroplastik entdeckt worden als in Mineralwasser, sagte Martin Wagner von der Norwegian University of Science and Technology (NTNU) in Trondheim. Es sei davon auszugehen, dass Kläranlagen den Großteil der Plastikpartikel entfernen. "Das Problem hierbei ist allerdings, dass sich das Mikroplastik dann im Klärschlamm befindet und wieder in die Umwelt gelangt, wenn der Klärschlamm zur Düngung in der Landwirtschaft verwendet wird."

Es gelte in jedem Fall, die Wissensbasis zu erweitern und vor allem das Wachsen des weltweiten Plastikmüllbergs zu stoppen, sagte WHO-Expertin Neira weiter. "Mikroplastik ist überall in der Umwelt, auch im Wasserkreislauf", heißt es in dem Report der Organisation. Woher das Mikroplastik im Trinkwasser im Detail stammt, ist oft unklar. Wichtige Quellen seien Regen-, Schmelz- und Abwasser. "Darüber hinaus kann eine Verschmutzung auch bei anderen Prozessen wie der Behandlung, der Verteilung und dem Abfüllen passieren", heißt es in dem Bericht.

Plastik im Meer - Erst vergiften wir den Ozean, dann uns selbst Millionen Tonnen Kunststoff landen jedes Jahr im Meer und schaden Tieren und der Natur. Als Mikropartikel atmen wir ihn auch ein. Ein Erklärvideo © Foto: youtube.com/cheeseandjamsandwich

Verdopplung der Plastikmenge bis 2025

Im Jahr 2017 seien weltweit rund 348 Millionen Tonnen Plastik, ohne Berücksichtigung der Produktion von Fasern, angefallen. Diese Menge werde sich angesichts des Bevölkerungswachstums, des Verbrauchs und des Wegwerfverhaltens bis 2025 verdoppeln und bis 2050 wohl verdreifachen, schätzt die WHO. Der Markt sei riesig. Allein in Europa stellten 60.000 Firmen mit 1,5 Millionen Beschäftigten und einem Umsatz von 355 Milliarden Euro Plastik her.

Mit einer fachgerechten Reinigung könne das Abwasser von 90 Prozent des Mikroplastiks befreit werden. Das gelte auch für Trinkwasser, sagt die WHO weiter. Das Problem sei, dass ein großer Teil der Weltbevölkerung derzeit nicht in den Genuss einer adäquaten Wasser- und Abwasserbehandlung komme.

Mehr Forschung insbesondere bei der möglichen Wirkung von Mikroplastik über 150 Mikrometer verlangt auch der Umweltmediziner Hanns Moshammer von der Medizinischen Universität Wien. Bedarf bestehe etwa zum Barriereverhalten von erkrankter Haut oder Schleimhaut – zum Beispiel nach Verletzungen oder bei Entzündungen. "Gesunde Haut oder Schleimhaut stellt tatsächlich eine recht effiziente Barriere gegenüber größeren Teilchen dar", sagte Moshammer.

Bis zu fünf Gramm Plastik täglich

Jüngst hatte ein Forscherteam unter Leitung des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) in Bremerhaven herausgefunden, dass Mikroplastikteilchen im Schnee aus der Luft auf die Erdoberfläche rieseln – selbst in der abgelegenen Arktis. Die winzigen Teilchen werden in der Atmosphäre transportiert und können so über weite Strecken verteilt werden. So nehmen Menschen nach Angaben australischer Forscher wöchentlich bis zu fünf Gramm Mikroplastik zu sich: durch Nahrung, Trinkwasser oder durch bloßes Atmen. Eine Kreditkarte wiegt in etwa fünf Gramm. Als Mikroplastik gelten Teilchen von 0,1 Mikrometer bis fünf Millimeter Größe.