Hunderte US-Amerikaner sind an einer mysteriösen Lungenkrankheit erkrankt. Die Ursache, vermuten Ärztinnen und Forscher: E-Zigaretten-Dampf. "Es gibt eindeutig eine Epidemie, die nach einer dringenden Antwort ruft", hieß es Anfang September im Fachblatt "New England Journal of Medicine". Andrew Cuomo, der Gouverneur des US-Bundesstaates, fordert nun sogar ein Verbot von E-Zigaretten. Wie gefährlich sind die E-Zigaretten also? ZEIT ONLINE beantwortet die wichtigsten Fragen.

Wer ist betroffen?

Grundsätzlich: Menschen, die E-Zigaretten nutzen. Ein erster wissenschaftlicher Bericht aus Illinois und Wisconsin vom Freitag legt nahe, dass mehr Männer als Frauen betroffen sind. Und vor allem junge Leute: Das mittlere Alter der Patienten lag bei gerade einmal 19 Jahren (NEJM: Layden et al., 2019). Laut Angaben der Washington Post wurden bisher 450 Fälle in 33 Bundesstaaten gemeldet. Mit hoher Wahrscheinlichkeit gibt es aber weitere Fälle, die nicht registriert oder nicht mit E-Zigaretten in Verbindung gebracht wurden. Mindestens fünf Menschen sind gestorben. Darunter hatte mindestens eine Person eine vorgeschädigte Lunge, wie der Bundesstaat Minnesota mitteilte.

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Woran leiden die Betroffenen?

Viele der Betroffenen beschrieben, dass sich die Erkrankung wie eine Grippe ankündigte. Kurz nach den ersten Symptomen kam es zu hohem Fieber und Atembeschwerden, vor allem Kurzatmigkeit, Brustschmerzen und Husten. Auch über Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen klagten viele Erkrankte. Der Großteil der Patientinnen und Patienten suchte innerhalb einer Woche Hilfe in einem Krankenhaus. Ähnlich werden die Symptome auch im New England Journal of Medicine (Layden et al., 2019) geschildert. Mehr als die Hälfte der Betroffenen musste auf die Intensivstation. Ein Drittel musste beatmet werden, weil ihre Lunge so stark geschädigt war. Einige wurden sogar an eine Maschine angeschlossen, welche die Lunge vollständig ersetzt, indem sie das Blut mit Sauerstoff anreichert.

Röntgen- und computertomografische Bilder zeigten deutliche Veränderungen der Lungen, die zu einer Schädigung durch eingeatmete Giftstoffe passen (NEJM: Henry et al., 2019). Bei manchen Patienten sammelte sich Wasser im Brustfell. Medizinerinnen und Mediziner fanden bei Lungenspülungen zudem Immunzellen, die sich mit Fett vollgefressen haben. Sie schlagen diese Zellen als Markerzellen für die Krankheit vor (NEJM: Maddock et al., 2019). Denn bisher gibt es keine festen Kriterien für das wenig verstandene Krankheitsbild.

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Seit wann gibt es Probleme?

Das lässt sich nicht genau festlegen. US-Medien berichten übereinstimmend, dass erste Fälle mindestens seit Juni dieses Jahres bekannt sind. Anfang August versandte das CDC, die Behörde für öffentliche Gesundheit, erstmals Briefe an Ärztinnen und Ärzte. Die Behörde bat darum, weitere Fälle zu melden. Mitte August waren bereits mehr als 100 Meldungen eingegangen und das CDC hatte Ermittlungen eröffnet. Allerdings gibt es in der Fachliteratur bereits seit 2014 Fallberichte von jungen Menschen, die nach dem Rauchen von E-Zigaretten massive Lungenprobleme entwickelten (Journal of Emergency Medicine: Thota & Latham, 2014; Respiratory Medicine Case Reports: Arter et al., 2019). Ob und in welcher Form man diese mit den aktuellen Fällen vergleichen kann, ist unklar.

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Was ist die Ursache der Erkrankung?

Das muss nun geklärt werden. Bisher gibt es nur Vermutungen. Eine theoretisch mögliche Ursache scheidet jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit aus: eine bakterielle Infektion der Lunge durch verunreinigte E-Zigaretten. Das schreibt der Harvard-Forscher David Christiani im Editorial des New England Journal of Medicine. Stattdessen sehe alles danach aus, als seien toxische Substanzen der Auslöser. Die Liste der toxischen Substanzen, die infrage kommen, ist lang. In den Liquids der E-Zigaretten können sich neben Nikotin auch Carbonyle, flüchtige organische Verbindungen wie Toluen oder Benzen, Kleinstpartikel, Metalle oder Gifte von Bakterien (keine Bakterien selbst) oder Pilze finden, schreibt Christiani. Auch Vitamin-E, das in manchen Liquids zu finden ist, könnte hinter den Lungenschäden stecken.

Auffällig ist auch, dass mehr als vier von fünf Patientinnen und Patienten der aktuellen Fallstudie (NEJM: Layden et al., 2019) Liquids benutzten, die entweder Tetrahydrocannabinol (THC) oder Cannabidiol (CBD) enthalten, also Inhaltsstoffe der Cannabispflanze.

Möglich ist zudem, dass beim Erhitzen der Liquids mit all ihren Inhaltsstoffen neue chemische Verbindungen entstehen, die toxisch sind. 

Dana Meaney-Delman vom CDC sagte der Washington Post, dass man der Ursache näherkomme. Auch sie vermute eine Chemikalie hinter den Erkrankungen. Die Arzneimittelbehörde FDA teilte dem Zeitungsbericht nach mit, dass es bisher noch keine Substanz gebe, die bei allen Fällen nachgewiesen werden konnte.

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Gibt es auch in Deutschland Fälle?

Bisher sind keine bekannt. "Dass die Probleme in den USA innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums aufgetreten und vor allem junge Menschen betroffen sein sollen, spricht dafür, dass es sich um ein akutes Problem in den USA handelt und nicht etwa um langfristige Auswirkungen von E-Zigaretten", sagt Frank Henkler-Stephani vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) Spiegel Online. Er sehe kein erhöhtes Risiko für E-Zigarettenraucher in Deutschland. Das könnte auch daran liegen, dass Liquids in Deutschland strenger reguliert sind. Sie dürfen keine Vitamine enthalten, weil das den Eindruck erwecken könnte, das sei gesund. Außerdem sind THC-haltige Liquids nicht erlaubt. 

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Was soll ich tun, wenn ich E-Zigaretten konsumiere?

Am gesündesten ist es, gar nicht zu rauchen. Für Raucherinnen und Raucher, die keine Entwöhnung machen wollen, dürften E-Zigaretten – trotz der Panik in den USA – dennoch weniger schädlich sein. Denn wer verbrannten Tabak inhaliert, führt der Lunge mehr Schadstoffe zu als mit einer E-Zigarette. An den Folgen von Tabakrauch sterben in Deutschland jährlich mehr als 100.000 Menschen. E-Zigaretten haben das Potenzial einige dieser Todesfälle zu verhindern, sofern Menschen von Tabakzigaretten auf sie umsteigen. Gleichzeitig braucht es mehr Forschung zu den Langzeitfolgen von E-Zigaretten.

Und eines sollten Benutzerinnen und Benutzern von E-Zigaretten dringend beachten: Sie sollten nur registrierte Liquids kaufen und auf solche zum Selbstmischen, die häufig online vertrieben werden, einfach verzichten.

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