Gibt es tatsächlich ungewöhnlich viele Neugeborene mit fehlgebildeten Gliedmaßen? Nachdem eine Kölner Hebamme eine Häufung von Handfehlbildungen bei Neugeborenen öffentlich gemacht hatte, werden nun Forderungen nach einem bundesweiten Register laut. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) bezeichnet eine solche Datenbank, in der alle Fälle dokumentiert würden, als hilfreich, um die Fälle analysieren zu können.

In einer Gelsenkirchener Klinik waren innerhalb von zwölf Wochen zwischen Juni und September drei Kinder mit fehlgebildeten Händen zur Welt gekommen. Bei einigen von ihnen waren die Anomalien im Mutterleib zuvor nicht entdeckt worden. "Das mehrfache Auftreten jetzt mag auch eine zufällige Häufung sein. Wir finden jedoch den kurzen Zeitraum, in dem wir jetzt diese drei Fälle sehen, auffällig", teilte das Sankt-Marien-Hospital auf seiner Webseite mit.

Bei zwei Kindern waren die jeweils linken Handteller und Finger nur rudimentär angelegt, bei einem weiteren Kind sei die rechte Hand betroffen gewesen, so das Krankenhaus. Fehlbildungen dieser Art habe man in der Klinik viele Jahre nicht gesehen, heißt es dort.

Das Krankenhaus hat nach eigenen Angaben Kontakt mit Fachleuten der Berliner Charité aufgenommen. "Aktuell liegen keine ausreichenden Informationen vor, um diesen Sachverhalt qualifiziert beurteilen zu können", sagte eine Sprecherin der Charité. 

Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) fordert eine umfassende Aufklärung. In einem Gespräch mit der Bild sagte der Finanzminister, die zuständigen Behörden müssten nun alles tun, um herauszufinden, ob es eine Ursache für die Fehlbildungen gibt, die man bekämpfen könne. Das stehe den Eltern und betroffenen Kindern zu. Die beiden Grünen-Abgeordneten Bettina Hoffmann, Sprecherin für Umweltgesundheit, und Kirsten Kappert-Gonther, Sprecherin für Gesundheitsförderung, forderten ebenfalls eine rasche Aufklärung: "Die Bundesregierung sollte zügig prüfen, ob ein Nationales Fehlbildungsregister umsetzbar ist, wie es finanziert werden kann und wie es im Einklang mit dem Datenschutz umgesetzt werden könnte", so die Politikerinnen.

Das Bundesgesundheitsministerium hingegen äußerte sich zunächst nicht weitergehend: "Bevor wir jetzt über Ursachen und Konsequenzen spekulieren, warten wir die Untersuchungsergebnisse ab. Wo wir können, werden wir die Aufklärungsarbeiten unterstützen", sagte ein Ministeriumssprecher.

Fehlbildungen bei Säuglingen können sehr unterschiedliche Ursachen haben. Medizinerinnen und Mediziner gehen davon aus, dass etwa ein bis zwei Prozent aller Neugeborenen mit einer Fehlbildung zur Welt kommen. In etwa einem Viertel der Fälle gibt es genetische Faktoren oder chromosomale Ursachen. Deutlich seltener sind Fehlbildungen aufgrund von Umwelteinflüssen, Medikamenten oder Drogen. Meistens bleibt der Grund für eine Fehlbildung aber unbekannt.

Meist bleibt die Ursache unbekannt

Etwa eines von 1.000 Babys hat eine angeborene Handveränderung. Diese können aber sehr verschieden sein. In manchen Fällen sind sie nur minimal und können mit einer einfachen Operation behandelt werden, in anderen Fällen sind sie schwerer, etwa wenn die Hand oder Teile des Armes ganz fehlen.

Handdeformationen können durch Medikamente, Umweltgifte, aber auch Infektionen der Mutter ausgelöst werden, die früh in der Schwangerschaft stattfinden. Denn die Extremitäten bilden sich zwischen dem 24. und 36. Entwicklungstag nach der Befruchtung heraus. Das ist ein Zeitpunkt, zu dem manche Frauen mitunter noch nicht einmal wissen, dass sie schwanger sind.

In anderen Fällen gibt es somatische Ursachen, etwa wenn die Extremitäten des Fötus durch die Nabelschnur abgeschnürt werden, was zu einer verminderten Entwicklung der betroffenen Gliedmaße führen kann. Das Gleiche kann auch durch sogenannte Amnionbänder entstehen. Dann reißt die innerste Schicht der Eihaut, ein Strang kann sich bilden, was für die Glieder des Ungeborenen zur Gefahr werden kann. Normalerweise werden solche Amnionbänder aber im Rahmen der Ultraschalluntersuchungen entdeckt und können operativ entfernt werden.