Im Juli berichtete ZEIT ONLINE, dass es Forschern des Biotech-Unternehmens Intervene Immune erstmals gelungen sein könnte, Menschen biologisch zu verjüngen. Was das hieße? Ihre Lebenserwartung könnte um zweieinhalb Jahre gestiegen sein und die Gefahr abgenommen haben, dass sie eine Krankheit des Alters – Schlaganfall, Krebs oder Demenz – bekommen. Mithilfe einer Mischung aus drei Medikamenten wollen die Forscher den Alterungsprozess bei neun Probanden umgekehrt haben – mit dem menschlichen Wachstumshormon HGH, der sexualhormonähnlichen Substanz DHEA und dem Diabetesmittel Metformin.

Noch ist die Forschung äußerst vorläufig. Es gab keine Kontrollgruppe und nur wenige Probanden. Zukünftige Studien müssen zeigen, wie gut die Therapie wirklich ist und wie viele Nebenwirkungen sie hat.

Würde sich jedoch bestätigen, was die Forscher gefunden haben, wäre es eine Sensation – mit weitreichenden ethischen und gesellschaftlichen Folgen. Dieser Tage erscheint die Studie, die ZEIT ONLINE in ihrer finalen Fassung vorliegt, in der Fachzeitschrift Aging Cell. ZEIT ONLINE hat mit ihrem Hauptautor gesprochen.

ZEIT ONLINE: Herr Fahy, sind Sie der erste, dem es vermeintlich gelungen ist, den Alterungsprozess bei Menschen umzukehren?

Greg Fahy: Soweit ich weiß schon.

ZEIT ONLINE: Das Hauptziel Ihrer Studie war es, den Thymus zu regenerieren, ein Organ des Immunsystems, das hinter dem Brustbein sitzt und früh im Leben verkümmert. Das sollte das Immunsystem älterer Menschen stärken und sie so vor Infektionen und Autoimmunerkrankungen schützen. Haben Sie erwartet, dass das Auswirkungen auf das biologische Alter haben könnte?

Fahy: Ich hatte stets wissenschaftliche Berichte im Hinterkopf, die von anderen Forschern weitestgehend ignoriert worden waren. Sie zeigen, dass man bei alten Tieren gewisse Alterserscheinungen umkehren kann, zum Beispiel in der Leber oder dem Gehirn, wenn man ihnen den Thymus eines Jungtiers einpflanzt. Deshalb war ich die ganze Zeit optimistisch, dass eine Thymusregeneration auch systemische Anti-Aging-Effekte haben würde.

Greg Fahy ist Pharmazeut und Altersforscher. Zusammen mit dem Biotechnologen Robert Brooke hat er das Unternehmen Intervene Immune gegründet, das die vorliegende Studie durchgeführt hat. © privat

ZEIT ONLINE: Um den Effekt auf das biologische Alter zu messen, nutzten sie epigenetische Uhren (einen ausführlichen Bericht dazu lesen Sie hier). Diese sollen anhand typischer altersabhängiger Veränderungen des Erbguts das biologische, also wahre Alter messen und gelten als sehr präzise. Wie sicher sind Sie, dass nicht nur Blutzellen, sondern auch andere Organe, das Gehirn etwa, sich verjüngt haben?

Wir stehen noch ganz am Anfang, es gibt noch viel zu überprüfen.

Fahy: Die Ergebnisse der epigenetischen Uhren lassen Rückschlüsse darauf zu, was in anderen Organen passiert, den Muskeln und dem Gehirn, beispielsweise. Grundsätzlich sollten wir eine Verjüngung nicht nur in den Blutzellen sehen, sondern überall im Körper.

ZEIT ONLINE: Gibt es noch andere Hinweise darauf, dass sich der gesamte Organismus der neun Männer verjüngt hat?

Fahy: Ja, die Nierenfunktion der Probanden hat sich im Laufe der Studie verbessert. Außerdem sehen wir, dass ein bestimmter Blutmarker, das Verhältnis von Monozyten zu Lymphozyten, angestiegen ist. Wir wissen, dass das ein Schutz vor den großen Killerkrankheiten des Alters sein kann: vor mindestens acht verschiedenen Krebsformen, vor Schlaganfällen, vor Herzerkrankungen und Arteriosklerose. Aber natürlich: Wir stehen noch ganz am Anfang, es gibt noch viel zu überprüfen.

ZEIT ONLINE: Das stimmt. Bisher ist die Forschung noch nicht weit fortgeschritten. Sie haben die Medikamente noch nicht einmal an Frauen getestet.

Fahy: Es gab zu Beginn der Studie kaum Untersuchungen zur Wirkung von Wachstumshormonen bei Frauen. Außerdem war die Zahl der Teilnehmenden so klein, dass wir sie nicht noch in Subgruppen einteilen wollten. An der nächsten Studie werden aber auch Frauen teilnehmen. Und ich bin zuversichtlich, dass wir die gleichen Effekte auf den Thymus und die Alterung sehen werden.