Immer mehr Erwachsene unter 50 Jahren erkranken an Darmkrebs. Dies ergab eine Studie der US-amerikanischen Krebsgesellschaft, die im Fachblatt Gut veröffentlicht wurde. Bei über 50-Jährigen sei hingegen die Zahl an Darmkrebserkrankungen gesunken. 

Schon seit Längerem gab es Hinweise auf steigende Darmkrebsraten bei Erwachsenen unter 50. "Die bisherigen Studien zu dem Thema haben sich aber nur mit einzelnen Ländern oder Regionen beschäftigt", erklärt der Epidemiologe und Ernährungswissenschaftler Michael Hoffmeister vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, der selbst nicht an der Studie beteiligt war. 

Die Studienautorinnen lieferten zum ersten Mal einen globalen Überblick über die Darmkrebsrate bei 20- bis 49-Jährigen sowie bei Erwachsenen ab 50 Jahren. Insgesamt flossen Daten aus insgesamt 43 Ländern in die Ergebnisse ein. 

Auch Deutsche unter 50 Jahren erkranken zunehmend an Darmkrebs

In Südkorea erkrankten zwischen 2008 und 2019 pro Jahr durchschnittlich 12,9 von 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern unter 50 Jahren. Damit liegt das Land an der Spitze bei den Erkrankungsraten jüngerer Erwachsener. Die wenigsten Erkrankungen hat die Stadt Chennai in Indien mit nur 3,5 jüngeren Erkrankten pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Deutschland liegt mit 7,7 Erkrankten im oberen Mittelfeld.  

Allerdings wies die Studienleiterin Rebecca Siegel darauf hin, dass das Darmkrebsrisiko bei jüngeren Menschen noch immer niedriger sei als bei Älteren. Zum Beispiel liegt die Tumorrate bei über 50-Jährigen in der Slowakei bei 192,5 Fällen pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Damit hat die Slowakei die höchste Darmkrebsrate bei über 50-Jährigen. Dagegen hat die indische Stadt Chennai auch bei älteren Erwachsenen die wenigsten Darmkrebserkrankten.

Michael Hoffmeister warnt dennoch: "Die Zahlen bei jüngeren Erwachsenen sind sehr beunruhigend." Laut der Studie ist demnach innerhalb eines Jahrzehnts die Zahl der Darmkrebserkrankungen bei unter 50-Jährigen in 19 der 36 untersuchten Ländern gestiegen. Interessant ist, dass in neun der 19 Ländern gleichzeitig die Darmkrebsrate bei älteren Erwachsenen konstant geblieben oder gar gesunken ist. Dabei handelt es sich vor allem um industrielle Länder mit vergleichsweise hohem Einkommen, nämlich Australien, Dänemark, Deutschland, Großbritannien, Kanada, Neuseeland, Schweden, Slowenien und die USA.

Hingegen sind in 14 der 36 Länder die Darmkrebsraten bei Erwachsenen unter 50 Jahren über die Jahre stabil geblieben. In drei Ländern sind sogar weniger junge Menschen an Darmkrebs erkrankt.

Fertigprodukte und Fast Food als mögliche Ursachen

Warum jüngere Erwachsene zunehmend von Darmkrebs betroffen sind, weiß man nicht genau. Die Studienautorinnen vermuten einen Zusammenhang mit dem vermehrten Konsum von Fast Food und Fertigprodukten. So hätten auch viele andere Länder den westlichen Lebens- und Ernährungsstil übernommen. Ebenso im Verdacht steht die häufigere Antibiotikabehandlung bei Kindern. 

"Besonders plausibel ist unter den diskutierten Ursachen das Übergewicht", sagte Epidemiologe Hoffmeister. Dennoch sei auch das noch Spekulation. Im Moment seien aber begründete Vermutungen in alle Richtungen hilfreich, weil auf ihnen weitere Studien aufbauen könnten, um die zugrunde liegenden Faktoren zu identifizieren und Maßnahmen zu ergreifen.

Den Rückgang der Darmkrebsrate bei Erwachsenen über 50 Jahren in vielen Industrieländern begründet Hoffmeister mit einer verbesserten Vorsorge. "Das Darmkrebsscreening, das in vielen Ländern für ältere Erwachsene etabliert ist, spielt bei diesem Rückgang eine große Rolle", so Hoffmeister. In Deutschland werde zum Beispiel zu Darmspiegelungen und Stuhluntersuchungen ab dem Alter von 50 Jahren aufgerufen. Dadurch könnten Krebsvorstufen frühzeitig erkannt und behandelt werden, was wiederum Darmkrebsfälle vermeide. 

In den meisten Industrieländern wird das Screening ab einem Alter von 50 bis 60 Jahren angeboten. "Eine Vorverlegung des Screenings wird international intensiv diskutiert", erklärte Hoffmeister. Die Autorinnen und Autoren der aktuellen Studie empfehlen, dass Ärztinnen und Ärzte Erwachsene unter 50, bei denen Darmkrebs in der Familie aufgetreten ist oder die selbst Symptome zeigen, vorsorglich mit den etablierten Screeningmethoden untersuchen sollten. Diese Empfehlung gilt auch schon offiziell in vielen Ländern, etwa in Deutschland.