Cannabis ist bis heute ein illegales Rauschmittel, aber mittlerweile auch eine erlaubte Arznei. Ärztinnen und Ärzte dürfen es schwerkranken Menschen in Ausnahmefällen verordnen. Möglich ist das in Form von getrockneten Blüten oder Extrakten sowie als Arzneimittel mit den Wirkstoffen Dronabinol und Nabinol, wenn eine "nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf oder auf schwerwiegende Symptome besteht". So heißt es im Gesetz. Nun aber deutet eine Analyse mehrerer Studien darauf hin: Cannabissubstanzen helfen wohl nicht gegen Depressionen oder Angststörungen.

Seit 25 Jahren wird intensiv an Therapiemöglichkeiten mit Cannabis geforscht. Zwar gilt grundsätzlich, dass die Mittel nicht heilen, sondern höchstens Symptome lindern können. Doch die Aussicht, Krämpfe, Entzündungen, Ängste und Übelkeit mithilfe der Droge erfolgreich bekämpfen zu können, ist vielen Antrieb genug. Von besonderem Interesse sind medizinisches Cannabis und zwei Inhaltsstoffe, die Cannabinoide Cannabidiol (CBD) und Tetrahydrocannabinol (THC) – zu Letzteren zählen auch die künstlich geschaffenen chemischen Verbindungen Dronabinol und Nabinol, die in Deutschland auf Kosten der Krankenkassen erhältlich sind. 

Bei psychischen Störungen keine Empfehlung möglich

Doch in welchen Fällen helfen die Cannabinoide tatsächlich? Ein Forscherteam des australischen Nationalen Drogen- und Alkoholforschungszentrums der Universität New South Wales hat das anhand von 83 Studien überprüft. Das Ergebnis: "Es mangelt an Beweisen dafür, dass die Substanzen der Hanfpflanze das Leben von Menschen mit Depressionen, Angst- sowie Aufmerksamkeitsdefizitstörungen, Tourettesyndrom, posttraumatischer Belastungsstörung oder Psychosen verbessern", schreiben Nicola Black, Emily Stockings und ihre Kollegen im Magazin TheLancet Psychiatry. Auch gebe es bloß Hinweise mit schlechter Qualität dafür, dass pharmazeutisches THC – mit oder ohne CBD – zu einer leichten Verbesserung der Symptome von Menschen mit Angststörungen führt, die noch andere medizinische Probleme haben.

Das Forscherteam wertete Publikationen aus, die zwischen 1980 und Mitte 2018 erschienen sind. Zudem hatten Black und Stockings laufende Untersuchungen begutachtet, die noch vor einer Veröffentlichung stehen. Der Großteil der für brauchbar befundenen Studien beschäftigte sich mit Depressionen und Angststörungen. Thematisiert wurden aber auch das Tourettesyndrom, ADHS, posttraumatische Belastungsstörungen und Psychosen. Insgesamt gab es Informationen von rund 3.000 Patientinnen und Patienten – mehr als 80 Prozent davon hatten eine diagnostizierte Depression. 

"Es gibt nur unzureichende Beweise, um Richtlinien zur Behandlung von mentalen Störungen mit Cannabinoiden zu schaffen", schreibt das Team deshalb in seiner Schlussfolgerung. Weitere, qualitativ hochwertige Studien seien notwendig, die direkt den Effekt untersuchen. "Mediziner und Konsumenten sollten sich über die wenigen Beweise für die Wirksamkeit und potenzielle Risiken von Nebeneffekten bewusst sein", heißt es weiter.

Hilfe vor allem bei Schmerzen oder Appetitlosigkeit

Ärztinnen und Ärzte nutzen Cannabinoide allerdings längst nicht nur, um die Folgen psychischer Krankheiten zu lindern. Nach jetziger Kenntnis können die Stoffe beispielsweise Patienten mit chronischen Schmerzen bei Multipler Sklerose, Neuropathie, Rheuma und Krebs helfen. Bei Menschen, die eine Anorexie haben, können sie den Appetit anregen, ebenso bei jenen, die wegen HIV/Aids, Tumorerkrankungen oder Alzheimer Gewicht verloren haben. Und Patientinnen, die Cannabinoide während einer Chemotherapie bekamen, berichteten von weniger Übelkeit und Erbrechen (Deutsches Ärzteblatt International: Grotenhermen et al. 2012 und Pharmacological Review: Pacher et al. 2006).

Weil solche Studienergebnisse als überzeugend gelten, wurde schwerkranken Patienten in Deutschland der Zugang zu Cannabis und Cannabisextrakten als Medikamente mit dem Bundesgesetzblatt vom März 2017 erleichtert. Es kann seitdem auf Kosten der Krankenversicherung verordnet werden. Die Kassen müssen dem aber zustimmen. Voraussetzung ist laut Gesetz, dass alle üblichen Therapien ausgeschöpft sind. Vor der Gesetzesänderung waren die gesetzlichen Kassen nur in Einzelfällen für die teure Therapie aufgekommen.

Ursprünglich rechneten Gesetzgeber und Krankenkassen mit knapp 700 Patienten pro Jahr, die eine Cannabistherapie benötigen. Die Nachfrage ist jedoch deutlich größer. So hatte eine Umfrage der größten gesetzlichen Krankenkassen Techniker, Barmer und AOK-Bundesverband bereits Anfang Januar 2018 gezeigt, dass ihre Versicherten allein in den ersten zehn Monaten 13.000 Anträge für eine Hanftherapie gestellt hatten. Rund zwei Drittel seien genehmigt worden.

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