Nein, rotes Fleisch ist nicht gut – Seite 1

Schlecht fürs Klima ist Fleisch sowieso. Aber macht es auch krank? Die Nachricht, man könne ruhig weiter so viel rotes Fleisch und Wurst essen wie bisher, ging kürzlich durch die Medien. Doch nur weil Studien die Schädlichkeit nicht belegt hätten, sei das kein Grund nichts zu ändern, schreibt Martin Smollich, Professor am Institut für Ernährungsmedizin der Universität Lübeck.

UPDATE: Dem Autor dieser Analyse ist bei der Interpretation zweier wichtiger Zahlen ein bedauerlicher Fehler unterlaufen – mit Folgen für die Argumentationslinie. Entsprechend wurde der Text an mehreren Stellen nachträglich umgeschrieben. Die Zahlen wurden korrigiert.

Es klang nach dem ultimativen Freispruch: "Esst ruhig weiter Fleisch" betitelte Spiegel Online die Meldung über eine Studie, die kürzlich im Magazin Annals of Internal Medicine (Johnston et al., 2019) erschien. "Vielleicht ist rotes Fleisch doch nicht ungesund", schrieb der BR, und auch ZEIT ONLINE überschrieb seinen Bericht zunächst ähnlich (Anm. der Red.: Der Titel wurde geändert). Tatsächlich hatten Forscherinnen und Forscher nach umfassender Studienanalyse vermeldet: Die Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Krebs oder Herzkreislauferkrankungen reichten nicht aus, um Menschen zu empfehlen, weniger rotes Fleisch zu essen. Nur ist der Verzehr deshalb harmlos? Führt es also nicht zu Darmkrebs und Herzinfarkten, große Mengen an Schwein, Rind oder Lamm zu essen?

Genau hierin liegt ein gewisses Missverständnis. Nur, weil etwas nicht belegt ist, muss nicht das Gegenteil stimmen. Und: Die Metaanalyse hat nicht etwa klar zeigen können, dass rotes Fleisch keine Gesundheitsfolgen habe. Sondern lediglich, dass die Effekte, die sich statistisch finden lassen, minimal sind. Und dass es mehr – und andere – Forschung bräuchte, hier Ursache und Wirkung wirklich genau zu verstehen.

Der Pharmazeut Martin Smollich ist Professor am Institut für Ernährungsmedizin der Uni Lübeck und außerordentliches Mitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. © M. Smollich

Zunächst einmal gibt es massenhaft Daten in der Ernährungsepidemiologie. Doch nicht alle davon sind gleichermaßen aussagekräftig (JAMA: Ioannidis, 2018). So werden nicht selten Daten von Menschen erhoben, die ein bestimmtes Ernährungsverhalten im Alltag haben, aber es fehlt die Kontrollgruppe, die anders aß. Zudem sind Beobachtungen des echten Lebens weniger aussagekräftig als ein Experiment unter Laborbedingungen. Häufig entspricht die Versuchsgruppe auch keinem repräsentativen Durchschnitt der Bevölkerung, sondern wurde gezielt gecastet, um etwas anderes als die Ernährung zu erforschen: eine Krankheit zum Beispiel. Nicht zuletzt hat auch die Teilnehmerzahl Einfluss auf die Aussagekraft einer Studie. Und selbst eine noch so sorgfältige Metaanalyse ist nicht frei von Störfaktoren: Schon allein wegen der immer auch subjektiven Auswahl, welche Arbeiten in ihr berücksichtigt werden.

Dieselben Daten, unterschiedliche Interpretation

Kein Wunder also, dass es zu Fleisch und seinen möglichen Folgen widersprüchliche Ergebnisse gibt: So liefern zahlreiche Studien signifikante Hinweise auf eine erhöhte Sterblichkeit unter Menschen, die viel Fleisch essen (Cell Metabolism: Levine et al., 2014). Die Internationale Krebsforschungsbehörde (IARC) klassifiziert verarbeitetes Fleisch als "krebserregend" sowie rotes Fleisch als "wahrscheinlich krebserregend für Menschen" (Lancet Oncology: Bouvard et al., 2015). Andere Studien, die sich teilweise auf dieselben Datengrundlagen berufen, sehen dagegen nur ein geringes oder gar kein erhöhtes Gesundheitsrisiko (European Journal of Clinical Nutrition: Kappeler et al., 2013; Meat Science: McAfee et al., 2010).

Diesem Durcheinander wollte ein internationales Forscherkonsortium namens NutriRECS nun erklärtermaßen ein Ende bereiten und fasste alle verfügbaren Daten in fünf Studien zusammen. In den ersten drei Metaanalysen werteten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Ernährungsweisen von gut sechs Millionen Frauen und Männern aus mehr als 100 Beobachtungsstudien aus. Und bei Menschen, die ihren Fleischkonsum ein bisschen reduzierten (Annals of Internal Medicine: Vernooij et al., 2019; Han et al., 2019; Zeraatkar et al., 2019), zeigte sich ein minimaler positiver Effekt. Verzichteten sie auf drei Portionen Fleisch pro Woche, sank ihr Risiko, frühzeitiger zu sterben, um bis zu 1,5 Prozent*; das Sterberisiko infolge von Krebs sank um bis zu 1,8 Prozent*. (*Korrekturhinweis: An dieser Stelle hieß es zunächst, das Risiko sei um 15 bzw. 18 Prozent gesunken.)

Ist Fleischessen gut, nur weil es lecker ist?

Hinzu kam eine vierte Analyse, die "einen geringen oder keinen Effekt auf kardiovaskuläre Endpunkte, Krebshäufigkeit und Krebsinzidenz" fand (Zeraatkar et al., 2019). Eine der hierfür berücksichtigten Studien (Women’s Health Initiative WHI) hatte allerdings derart viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer, dass sie das Gesamtergebnis dominierte. Ausgerechnet in dieser WHI-Studie aber war gar kein Effekt von Fleischreduktion untersucht worden, sondern nur die Auswirkungen einer fettreduzierten Diät. Eine fünfte Übersichtsarbeit des NutriRECS-Konsortiums schaute sich lediglich an, ob Menschen gerne Fleisch essen. Das vereinfachte Fazit: "Fleisch sollte deshalb gegessen werden, weil es schmeckt." (Valli et al., 2019)

Das Bild, das alle fünf NutriRECS-Analysen zeichnen: In dreien lassen sich leichte, aber keine signifikanten Vorteile für die Gesundheit bei nur mäßig reduziertem Fleischkonsum feststellen. Eine vierte zeigte einen geringen bis gar keinen Effekt. Die fünfte Review ist gar keine brauchbare Datenanalyse. Die NutriRECS-Autoren haben sich angesichts dieser Ergebnisse dazu durchgerungen, Menschen zu empfehlen, Fleisch in Mengen wie bisher zu konsumieren. Allerdings weisen sie selbst darauf hin, dass dies eine nur sehr schwache Empfehlung sei – auf einer wackeligen Datengrundlage.

Ein Hauptproblem: Es gebe kaum randomisierte kontrollierte Doppelblindstudien (siehe Kasten) zu dem Thema – und diese sind schließlich der Goldstandard wissenschaftlicher Erkenntnis, weil sie kausale Zusammenhänge offenlegen können.

Ernährungsforschung ist immer beobachtend

Das Haken hieran ist nur: Zahlreiche Fragestellungen lassen sich aus ethischen oder methodischen Gründen gar nicht in Form solcher geforderten Studien untersuchen. Nehmen wir eine Reanimation bei Herzstillstand oder Lungenkrebs durch Tabakrauch: Es gibt einfach keine Placebozigaretten und niemand lässt sich zufällig in eine Rauchergruppe einteilen, um anschließend jahrzehntelang zu rauchen. Auch die Zufallseinteilung von Patienten mit Herzstillstand in die Gruppen "wird reanimiert" und "wird nicht reanimiert" ist aus ethischen Gründen unmöglich. Doch obwohl es diese Studien nicht gibt, ist die Schädlichkeit von Tabakrauch zweifelsfrei belegt – ebenso wie die Vorteile einer Wiederbelebung.

Ähnliches gilt für Ernährungsstudien: Es ist schlicht unmöglich, Menschen für eine Fütterungsstudie über Jahrzehnte in ein Labor zu sperren, in dem sie nach dem Zufallsprinzip entweder Wurst oder Placebowurst – was auch immer das sein sollte – bekommen, während sich die übrige Ernährung der beiden Gruppen nicht unterscheidet.

Beobachtungsstudien sind zwar methodisch relativ schwach, aber sie sind die besten Studien, die wir für bestimmte Fragen haben können. So wie die Tabakhersteller über Jahrzehnte erklärt haben, der kausale Zusammenhang der Krebsentstehung durch Rauchen sei nicht eindeutig nachgewiesen, so tun dies heute die Verteidiger des Fleischkonsums.

Aus der Beobachtung lassen sich aber durchaus Hinweise auf Kausalzusammenhänge ableiten, sofern gewisse Dinge stimmen: Wenn es einen linearen Zusammenhang zwischen der Menge eines Lebensmittels, etwa Ballaststoffen, und der Häufigkeit einer Erkrankung, etwa Darmkrebs, gibt. Wenn Labor- und Tierversuchsdaten in die gleiche Richtung deuten wie Beobachtungsstudien bei Menschen. Wenn Studien in verschiedenen Bevölkerungsgruppen und Ländern zu ähnlichen Ergebnissen kommen. Und wenn die biologischen Zusammenhänge plausibel sind. Legt man an Ernährungsstudien hingegen dieselben Maßstäbe wie an Studien zum Wirksamkeitsnachweis von Arzneimitteln an, gibt es für praktisch keine Ernährungsempfehlung irgendeine Form von Evidenz.

Richtig wäre gewesen, gar nichts zu empfehlen

So zu tun, als müsste man die Erforschung unseres Essens so wie die von Medikamenten behandeln, ist also wenig hilfreich.* Irreführend ist außerdem, dass die fünf Arbeiten im Abstract als "Empfehlungen für Ernährungsleitlinien" (Dietary Guideline Recommendations) bezeichnet werden, als sei hier eine echte Leitlinie für Mediziner und Gesundheitsbehörden erarbeitet worden. Tatsächlich handelt es sich nicht um ein Gremium von Fachgesellschaften, wie dies für Leitlinienempfehlungen üblich ist.

In den Medien untergegangen ist auch, dass sich die Autorengruppe selbst nicht einig war: Von den 14 Mitgliedern des Entscheidungsgremiums waren immerhin drei der Ansicht, man müsse den Menschen empfehlen, weniger Fleisch zu essen. Der Empfehlung, so weiterzumachen wie bisher, liegt außerdem ein logischer Fehler zugrunde: Denn wie soll eine schlechte, nicht ausreichende Studienlage – wie die Autoren sie als Argument heranziehen – diese Empfehlung untermauern? Richtig wäre in so einem Fall gewesen, gar nichts zu empfehlen. Tatsächlich bewerteten die Forscher den Evidenzgrad dieser Empfehlung selbst als "gering". Kein Wunder also, dass unmittelbar nach der Veröffentlichung zahlreiche Gegendarstellungen namhafter Wissenschaftlerinnen und Institutionen erschienen, unter anderem vom World Cancer Research Fund und vom deutschen Max-Rubner-Institut.

Überhaupt nicht untersucht wurde, wie sich eine vegane oder vegetarische Ernährung auswirkt. Nur zu schauen, was dreimal Fleisch pro Woche weniger ausmacht, ist so, als würde man untersuchen, ob es das Krebsrisiko eines Kettenrauchers senkt, wenn er drei Zigaretten pro Tag weniger raucht. Selbst wenn sich dabei ein Unterschied feststellen ließe, wäre dieser wohl minimal. Wäre das Grund genug, zu behaupten, Rauchen sei gar nicht so schädlich? Und Rauchern zu empfehlen, weiterzumachen?

Viel Fleisch ist ganz sicher nicht gesund

Ab welchem Grad von Evidenz jeder Einzelne sein Verhalten ändert, ist eine persönliche Entscheidung. Und Gründe, auf Fleisch zu verzichten, gibt es neben den Gesundheitsrisiken genug: das Klima zum Beispiel. Oder die Qualen der Massentierhaltung.

Der Autor dieses Artikels bloggt auf ernaehrungsmedizin.blog. Dieser Artikel ist eine redigierte Version einer seiner Blogbeiträge.

*Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes wurde ein Interessenkonflikt angedeutet, da die Texas A&M von Geldern aus der Agrarwirtschaft gefördert wird. Dies ist zwar richtig, betrifft aber nur einen der 19 Autorinnen und Autoren. Alle anderen forschen an unzweifelhaft unabhängigen Einrichtungen, etwa dem Cochrane-Zentrum Barcelona, der Uni Freiburg oder der Harvard-Universität.