Nach mehreren Todesfällen nach einer Lebensmittelvergiftung wurde der nordhessische Wurstbetrieb Wilke am 1. Oktober vorerst geschlossen. Die Menschen hatten sich mit Listerien infiziert – Bakterien, die in Fleisch aus dem Betrieb festgestellt wurden. Noch immer läuft ein weltweiter Rückruf von Wilke-Produkten. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Tötung. Das Wichtigste zu den Keimen und ihren Folgen auf einen Blick:

Woran sind die Erkrankten gestorben?

In Hessen sind zwei Menschen, die mit Listerien infiziert waren, nach dem Verzehr von Produkten der Firma Wilke gestorben. Laut eines Gutachtens des RKI im Landkreis Waldeck-Frankenberg, über das die Berliner Morgenpost berichtet, sei die Infektion bei diesen beiden zu 99,6 Prozent die Todesursache. In Niedersachsen erkrankten drei weitere Menschen, bei denen ähnliche Keime festgestellt wurden: Diese sind genetisch eng verwandt mit den Listerien, die in den Wilke-Waren nachgewiesen wurden. Eine dieser drei Personen starb an einer Erkrankung, die zunächst nichts mit der Lebensmittelvergiftung zu tun hatte, bei dem weiteren Verstorbenen konnte die Infektion nicht eindeutig als Todesursache festgestellt werden.

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Was sind Listerien?

Listerien sind kleine, stäbchenförmige Bakterien. Sie vermehren sich sehr leicht, kommen überall in der Umwelt vor – und nicht alle davon machen krank. Für Infekte bei Menschen ist vor allem das Bakterium Listeria monocytogenes verantwortlich. Es löst eine seltene, aber vergleichsweise gefährliche Lebensmittelinfektion aus: die Listeriose. Detaillierte Informationen zu den aktuellen Fällen und Hintergrund zu Listerien hat das Robert Koch-Institut (RKI) am 9. Oktober aktuell veröffentlicht.

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Wie machen die Bakterien Menschen krank?

Listerien gelangen über das Essen in den Magen-Darm-Trakt. Der ist deshalb auch als Erstes von den Beschwerden betroffen. Für gesunde Erwachsene stellt die Infektion in der Regel keine Gefahr dar. Meist verläuft sie ohne Symptome, manchmal treten Fieber und grippeähnliche Beschwerden sowie Erbrechen und Durchfall auf. Bei einem leichten Verlauf klingt all das innerhalb weniger Tage von alleine ab. Die Gefahr einer schweren Erkrankung besteht vor allem für immungeschwächte Menschen. In seltenen Fällen können sich die Listerien auch bei Gesunden weiter im Körper ausbreiten. Erreichen die Keime die Blutbahn, ist eine Blutvergiftung möglich.

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Wer ist besonders anfällig?

Vor allem ältere Menschen können an der Infektion mit den Keimen sterben. 2017 wurden von der Europäischen Lebensmittelbehörde (Efsa) etwas mehr als 2.400 Fälle registriert. Die am stärksten betroffene Gruppe waren ältere Menschen, insbesondere über 84 Jahre. "In dieser Altersgruppe lag die Sterblichkeit bei Listeriose bei 24 Prozent – insgesamt verlief die Infektion in der EU bei jedem zehnten Patienten tödlich", schreibt die Efsa. Auch Menschen mit einem geschwächten Immunsystem sind anfälliger für eine schwer verlaufende Listeriose.

Auch für Ungeborene sind die Keime gefährlich: Die Erkrankung verläuft zwar bei Schwangeren in der Regel mit unauffälligen grippeähnlichen Symptomen, trotzdem besteht die Möglichkeit, dass die Erreger über den Mutterkuchen auf das Baby im Bauch übertragen werden: Fehl- oder Frühgeburten können die Folge sein. Säuglinge entwickeln bei einer Infektion häufig eine Hirnhautentzündung, die tödlich enden kann.

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Wie steckt man sich damit an?

Eine Listerien-Infektion wird in erster Linie durch den Verzehr von kontaminierten Lebensmitteln verursacht. Grundsätzlich können sich Menschen auch durch den direkten Kontakt zu infizierten Tieren oder Menschen anstecken. Listerien werden dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) zufolge hauptsächlich auf einer Vielzahl tierischer Lebensmittel nachgewiesen. Dazu zählen Fleisch, Fleisch­er­zeug­nisse wie Wurst, Fisch, Fischerzeugnisse wie Räucherfisch und Milchprodukte. Auch auf pflanzlichen Lebensmitteln wie vorgeschnittenen Salaten wurden die Keime bereits gefunden.

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Was macht Listerien so gefährlich?

Listerien sind besonders gut darin, alle möglichen Zellen im Körper von Infizierten zu befallen (F1000Research: David/Cossart, 2019), seien es Leber-, Darm- oder Blutzellen. Schlimmstenfalls schaffen es die Keime sogar, eine Entzündung des Gehirns (Enzephalitis), der Hirnhaut (Meningitis) oder beides auszulösen. Solche schwerwiegenden Komplikationen können dann tödlich enden. Nach Informationen des RKI enden im Durchschnitt etwa sieben Prozent der Listeriose-Erkrankungen tödlich. Die Listeriose gehört in Deutschland zu den meldepflichtigen Erkrankungen mit der höchsten Sterberate.

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Wo kommen die Bakterien her?

In der Umwelt sind sie nahezu überall verbreitet – und neben denen, die Krankheiten auslösen, gibt es viele Listerien-Arten, die für den Menschen harmlos sind. Bis zu zehn Prozent aller Menschen haben Listerien im Darm, die sie mit ihrem Stuhl ausscheiden. Dasselbe gilt für viele Säugetierarten. Die Bakterien sind darüber hinaus in der Erde, auf Pflanzen, in Abwässern und auch im landschaftlichen Sektor zu finden– insbesondere im Tierfutter.

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Wie kommen die Keime in die Wurst?

Prinzipiell können Lebensmittel auf dem gesamten Weg von der Produktion bis zum Verzehr mit Listerien verunreinigt werden: Das beginnt bei der Mast und Schlachtung von Tieren oder dem Anpflanzen und Ernten von Gemüse, geht weiter über die Verarbeitung und den Transport, die Verpackung und Lagerung bis in den Handel. Auch im Supermarkt an der Wursttheke kann es zum Keimbefall kommen, etwa wenn Schneidemaschinen nicht sauber sind oder Fleisch ohne Handschuhe angefasst wird. Sind die Einkäufe zu Hause, herrscht auch hier noch Keimgefahr: Nicht gewaschene Hände, verunreinigte Schneidebretter, alte Spülschwämme, die falsche Lagerung oder die Verarbeitung von rohem Fisch, Fleisch oder Käse zusammen mit Lebensmitteln, die nicht gebraten oder gekocht werden: All das sind Risikofaktoren.

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Was war das Problem bei der Firma Wilke?

Warum Waren des Fleischbetriebs aus Nordhessen Listerien enthielten, ist bisher öffentlich nicht bekannt. Ein Untersuchungsbericht der "Task-Force Lebensmittelsicherheit" des Landes Hessen ist bis auf Weiteres unter Verschluss und wurde an die Staatsanwaltschaft Kassel übergeben. Diese ermittelt wegen fahrlässiger Tötung, äußerte sich aber bisher nicht zu den Ermittlungen. Medienberichten zufolge standen zunächst die Schneidemaschinen der Firma unter Verdacht, an denen Keime nachgewiesen worden sein sollen.

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Welche Produkte sind aktuell betroffen?

  • Eigenmarken der Firma Wilke (mit dem Identitätskennzeichen DE EV 203 EG) – auf der Webseite Supermarkcheck.de lassen sich anhand dieser Kennzeichen Hersteller feststellen.
  • Haus am Eichfeld, Metro Chef, Service Bund Servisa, CASA, Pickosta, Sander Gourmet, Rohloff Manufaktur, Schnittpunkt, Korbach, ARO, Findt, Domino

Auf Forderung der Verbraucherorganisation Foodwatch hatte das hessische Umweltministerium diese Listen veröffentlicht. Die Organisation kritisierte jedoch, dass unklar sei, ob Wilke auch an die Lebensmittelindustrie zur Weiterverarbeitung geliefert habe, sodass Waren im Umlauf sein könnten, die nicht auf der Liste vermerkt wurden. Das Umweltministerium hatte eine Antwort an Foodwatch angekündigt. Das Ministerium sagte aber auch, dass eine Liste, wie sie gefordert werde, nicht existiere. Mittlerweile wurde eine Verbraucherhotline mit der Nummer 0615 – 112 60 82 zur Rückrufaktion der Firma Wilke eingerichtet. Sie ist laut Umweltministerium von montags bis donnerstags zwischen 8 Uhr und 16.30 Uhr sowie freitags zwischen 8 Uhr und 15 Uhr erreichbar.

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Wo könnten noch Keime drin stecken?

Trotz einer weltweiten Rückrufaktion können sich Verbraucherinnen und Verbraucher nicht sicher sein, keine Wilke-Wurst auf dem Teller zu haben. Die Ware ging auch undeklariert in Restaurants, Kantinen oder an Wursttheken in den Verkauf – hier sind die betroffenen Produkte nicht so leicht zu erkennen. Die Kunden würden nun "sicherheitshalber gebeten, im Zweifelsfall bei den jeweiligen Verkaufsstellen nachzufragen, ob dort Produkte der Firma Wilke verkauft wurden", teilte das hessische Verbraucherschutzministerium mit.

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Welche Läden haben Wurstwaren aus dem Sortiment genommen?

Neben dem Möbelkonzern Ikea haben bereits acht Betriebe in Duisburg den Verkauf aller Produkte des Herstellers umgehend gestoppt. Auch Betriebe in Rheinland-Pfalz sind mit Wurst von Wilke beliefert worden und haben diese aus dem Sortiment genommen. Bereits vergangene Woche hatte der Großhändler Metro mitgeteilt, Wilke-Produkte und Eigenmarken mit Wilke-Fleisch aus den Regalen genommen zu haben. Die Kaufland-Kette sagte, Produkte des hessischen Unternehmens in Filialen in Schwalmstadt, Korbach und Biedenkopf im Verkauf gehabt zu haben. Lidl, Aldi, Rewe und Penny teilten mit, nie von Wilke beliefert worden zu sein.

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Wie häufig sind solche Infektionen generell?

Die Zahl der Listeriose-Erkrankungen schwankt pro Jahr zwischen 300 und 600 Fällen in Deutschland. 2014 wurden 608 Erkrankungen gemeldet. Im Jahr 2015 gab es einen großen Ausbruch von Listeriose in sechs Gemeinschaftseinrichtungen in Paderborn, bei der 144 Kinder und zehn Erwachsene erkrankten. Im Jahr 2017 wurden 771 Fälle in Deutschland gemeldet.

In Spanien gab es in diesem Sommer ebenfalls einen Listeriose-Ausbruch. Mindestens vier Tote und 216 Infizierte sollen nach Behördenangaben gezählt worden sein, sieben Schwangere haben ihre ungeborenen Babys verloren. In Dänemark hatten sich Ende 2013, Anfang 2014 zudem 20 Menschen mit Listerien infiziert, zwölf Menschen starben an den Folgen.

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Wie kann man sich schützen?

Nach Schätzung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) sind ein Drittel der Listeriose-Fälle auf die Vermehrung von Listeria monocytogenes in Lebensmitteln zurückzuführen, die zu Hause zubereitet oder im Kühlschrank aufbewahrt werden. Einige der wichtigsten Tipps, um Infektionen im Haushalt zu vermeiden: Hände waschen, rohe Lebensmittel rasch verarbeiten und im Kühlschrank verpackt lagern und Fleisch- und Fischgerichte vollständig durchgaren. Einen ausführlichen Ratgeber, wie sich Infektionen mit Keimen in der Küche vermeiden lassen, hat das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) hier zusammengestellt.

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Was kann man also sicher essen?

Der Großteil der Wilke-Waren in Deutschland dürfte aus dem Verkehr gezogen sein. Nachdem der Fall am vergangenen Mittwoch bekannt wurde, nahmen viele Unternehmen die Produkte aus den Regalen. Trotzdem ist wegen der fehlenden Transparenz der Handelskette nicht auszuschließen, dass sich weiterhin Wilke-Produkte im Umlauf befinden. Verbraucherinnen und Verbraucher sollten im Supermarkt an der Fleischtheke gezielt nachfragen. Besonders ältere Menschen und Schwangere sollten Produkte aus Rohmilch und Rohwurst sowie Rohfleisch und auch Erzeugnisse aus Rohfisch vermeiden. Das gilt auch, wenn die Waren geräuchert sind. Vakuumverpackte Lebensmittel sollten am besten vor dem Mindesthaltbarkeitsdatum und vor allem zügig nach dem Öffnen verzehrt werden. Wichtig ist außerdem, dass Obst, Gemüse und Kräuter stets gut gewaschen werden.

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