Wer an Masern erkrankt, kann nicht nur grippeähnliche Symptome, hellrote, ineinanderfließende Flecken und in manchen Fällen eine Hirnhautentzündung bekommen. Der Körper kann sich danach langfristig nur schlechter gegen andere Erreger wehren – nicht bloß Wochen später, sondern oft noch jahrelang. Was zu dieser Schwächung des Immunsystems führt, war bislang unzureichend verstanden. Zwei Studien liefern nun starke Hinweise dafür, wie das Virus das Immunsystem nachhaltig beeinflusst: Indem es bestimmte Zellen zerstört, lässt es die körpereigene Abwehr bereits bekannte Angreifer vergessen (Science: Mina et al., 2019 & Science Immunology: Petrov et al., 2019).

Für zwei bis drei Jahre ist das Immunsystem nach einer Erkrankung geschwächt. Darauf hatten frühere Studien des Impfforschers Michael Mina bereits hingedeutet. Mit seinem Team konnte er vor einigen Jahren den Zusammenhang herstellen, dass Kinder mit einem gestörten Immungedächtnis ein erhöhtes Risiko haben, eine Lungenentzündung, Gehirnentzündung und andere Infektionskrankheiten zu bekommen (Science: Mina et al., 2015). Doch warum? Was genau macht das Virus mit dem Immunsystem?

Das haben Minas Forschergruppe und ein weiteres Team um die Immunologin Velislava Petrova nun unabhängig voneinander untersucht. Sie nutzten unterschiedliche Methoden, kamen jedoch zu demselben Schluss: Eine Maserninfektion zerstört zahlreich verschiedene, im Laufe des Lebens gebildete Antikörper. In der Folge verliert das Immunsystem einen Großteil seiner Erinnerungen und statt Erreger direkt abwehren zu können, muss es selbst bereits erfolgreich überstandene Infektionen wieder durchstehen, um die Antikörper erneut zu bilden. Die Körperabwehr leidet gewissermaßen an Amnesie.

Beide Gruppen haben mit Blutproben von 77 ungeimpften Kindern aus den Niederlanden vor und nach einer Maserninfektion gearbeitet. Petrova und Kollegen sequenzierten dabei die Gene der Oberflächenrezeptoren der B-Zellen – einer Gruppe von Blutzellen, die unter anderem spezifische Antikörper produziert, um sich gegen Viren oder Bakterien wehren zu können.

Ein Grund mehr, weshalb Impfen so wichtig ist

Nach einer Maserninfektion erhole sich das Immunsystem nur oberflächlich, sagte Klaus Überla, Direktor des Virologischen Institutes am Universitätsklinikum Erlangen dem Science Media Center (SMC). "Die neuen Untersuchungen weisen nun darauf hin, dass die Schädigung Monate bis Jahre anhalten und zu einem generell erhöhten Infektionsrisiko führen könnte. Dies erklärt, wieso Kinder, die Masern durchgemacht haben, für bis zu fünf Jahre ein höheres Erkrankungs- und Todesfallrisiko aufweisen." Obwohl sich die Gesamtheit der Abwehrzellen rasch wieder erhole, sei deren Zusammensetzung nach der Infektion verändert, sagte der Oberarzt und Immunologe Johannes Trück vom Universitäts-Kinderspital Zürich dem SMC. "Teile des vormals durch Impfungen oder Durchmachen der Erkrankungen gestärkten Immungedächtnisses wurden dabei ausgelöscht und müssen neu aufgebaut werden."

Laut der Forscher, die nicht an den Studien beteiligt waren, steht damit fest: Die aktuellen Studien belegen die Notwendigkeit, konsequent gegen Masern zu impfen. Zwar wird mit einem Lebendimpfstoff geimpft, dennoch führt die Impfung zu keiner Schwächung des Immunsystems. Bislang gibt es weder epidemiologische noch immunologische Hinweise darauf. "Im Gegenteil, Mina et al. zeigen in ihrer Arbeit, dass im Gegensatz zu Kindern mit Maserninfektion das Immunsystem von kleinen Kindern durch eine Masernimpfung gestärkt wird", sagte Kinderarzt Trück.

Die Impfung ist sicher und effektiv

Ärztinnen sollten Kinder zweimal gegen Masern impfen, das empfiehlt die Ständige Impfkommission. Der erste Piks sollte zwischen 11 und 14 Monaten, der zweite zwischen 15 und 23 Monaten erfolgen. Verpflichtend ist das in Deutschland allerdings nicht, die Debatten darüber dauern an.

Obwohl erwiesen ist, dass die Impfung sicher und wirksam ist, sind nicht alle Kinder geimpft. Bundesweit haben 2,3 Prozent der Kinder in den ersten sechs Lebensjahren keine der empfohlenen Impfungen bekommen. Nur 89 Prozent bis 93 Prozent der Erstklässler tragen den Schutz schätzungsweise in sich. Vor allem bei der entscheidenden zweiten Masernimpfung gibt es große regionale Unterschiede.

Wirksam und sicher – das heißt nicht ohne Nebenwirkungen. So kann eine Impfung durchaus unerwünschte Folgen haben. Häufig sind harmlose Reaktionen, ein Hautausschlag gehört dazu, ebenso Fieber. Sehr selten sind ernste Komplikationen. Wer nicht weiß, ob er oder sie gegen Masern geschützt ist, kann sich nachimpfen lassen. Das gilt auch für Erwachsene.

Dem Robert Koch-Institut wurden für 2018 insgesamt 543 Masernerkrankungen übermittelt, im laufenden Jahr sind es bislang mehr als 300 Fälle.

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