Morgens ist es noch dunkel, wenn der Wecker klingelt, über den Tag begegnet man nur erkälteten Menschen mit Jacken, Mützen und Regenschirmen und auf dem Heimweg von der Arbeit dämmert es längst: Der Herbst ist da. Und damit für viele Menschen gleichzeitig auch die Saison der schlechten Laune, der Müdigkeit und des dauerpräsenten Wunsches, sich für die nächsten Wochen mit der Erklärung "Ich habe den Herbstblues!" auf dem Sofa einzurichten.

Einige Zeitgenossen mögen diese Art der schlechten Stimmung als eine jener vorübergehenden, eher harmlosen Malaisen sehen, die mit einer Depression nicht viel zu tun haben. Stichwort: Ferienblues, Wochenendblues, Weihnachtsblues. Für andere ist der Begriff "Herbstblues" sogar nichts als ein charmanter Versuch, der alltäglichen Grummeligkeit einen hübscheren Ausdruck zu geben. Doch der Psychiater Dietmar Winkler, Professor an der Universität Wien, widerspricht: "Der Herbstblues ist keineswegs ein Mythos." Denn tatsächlich kennt auch die Medizin die "saisonal abhängige Depression", abgekürzt SAD, also Englisch für "traurig". Sozusagen die Extremform des Herbstblues.

Der amerikanische Psychiater Norman Rosenthal entdeckte sie in den 1980er-Jahren, nachdem eine seiner Patientinnen aus dem winterlichen Jamaika-Urlaub Überraschendes berichtet hatte. Schon nach wenigen Tagen in der karibischen Sonne war ihre Depression verschwunden, sie fühlte sich so gut wie sonst nur im Sommer. Über eine Zeitungsannonce fand Rosenthal knapp 30 dreißig Männer und Frauen, die jeden Winter Ähnliches durchlebten. Sobald die Tage kürzer wurden und das Wetter schlechter, fühlten sie sich schlapp und niedergeschlagen. Alles kam ihnen grau und hoffnungslos vor. Sie wollten am liebsten nur noch schlafen, konnten sich schlecht konzentrieren und verspürten ständig heftigen Appetit auf Süßes. Mit den ersten warmen Frühlingstagen legte sich all das wieder (General Psychiatry: Rosenthal, 1984).

Nicht Regen oder Kälte, sondern Lichtmangel ist das Problem

An solch handfesten Winterdepressionen leidet nur einer von 50 Menschen. Das ergab eine Befragung von knapp 1.000 Österreichern und Österreicherinnen durch die Forschungsgruppe des Psychiaters Dietmar Winkler. Doch das, was wir Herbstblues nennen – also eine leichtere Form davon –, ist recht häufig: Es betrifft immerhin jeden Sechsten (European Psychiatry: Pjrek et al., 2016).

Dabei sind es nicht Kälte und verregnetes Wetter, die den Menschen zusetzen. Das Problem ist der Lichtmangel an den kürzer werdenden Herbsttagen. Für unsere innere Uhr, die dem Körper signalisiert, wann Tag und wann Nacht ist, bringt die abnehmende Helligkeit eine große Umstellung mit sich. Wenn die Fotorezeptoren auf der Netzhaut im Auge Tageslicht registrieren, schickt das Gehirn Befehle an die Zirbeldrüse, die in der Nacht das Schlafhormon Melatonin produziert: Stopp, es ist Tag, kein Melatonin mehr ausschütten! Ist es aber in Herbst und Winter noch dunkel, wenn wir schon wach sind, produziert die Zirbeldrüse unbeirrt weiter Melatonin. Wir kommen dann womöglich morgens schlechter aus dem Bett, sind müde, uns fehlt Energie und Antrieb. Bei Patienten mit einer Winterdepression ist dieser Effekt sehr deutlich messbar: In ihrem Blut lässt sich noch weit in den Tag hinein Melatonin nachweisen (JAMA Psychiatry: Wehr et al., 2001).

Für unsere Vorfahren war die Anpassung an die kalten Monate überlebenswichtig.
Dieter Kunz, Mediziner

Eine weitere mögliche Erklärung für schlechte Stimmungen in Herbst und Winter liefert der Botenstoffhaushalt des Gehirns. Sonnenlicht etwa kurbelt die Produktion des als Glückshormon bekannten Serotonins messbar an – während in der dunklen Jahreszeit davon deutlich weniger ausgeschüttet wird (The Lancet: Lambert et al., 2002). Auch im Stoffwechsel der Botenstoffe Dopamin, wichtig für Motivation und Antrieb, und Noradrenalin, das Wachheit und Aufmerksamkeit steuert, haben Wissenschaftlerinnen jahreszeitliche Schwankungen entdeckt (Brain Imaging in Behavioral Neuroscience: Praschak-Rieder et al., 2012).

Dabei war dieses physiologisch gesteuerte Energietief in der Menschheitsgeschichte nicht immer so lästig und sinnlos, wie es uns heute erscheinen mag. "Für unsere Vorfahren war die Anpassung an die kalten Monate überlebenswichtig", sagt der Mediziner Dieter Kunz von der Charité Berlin. Sich in die Höhle zurückzuziehen, sobald es draußen kalt und dunkel war, half beim Einsparen von Kraft, die der Körper fürs Warmhalten braucht. Eine Art "Winterschlaf light".