Berlin, 12. Juli 2010, Geburtsklinik Neukölln. Es ist der Tag, an dem die Zwillinge einer 27-Jährigen in der 32. Woche per Kaiserschnitt geholt werden. Noch bevor es losgeht, haben Eltern und Ärzteteam eine Entscheidung getroffen: Eines der beiden Mädchen soll leben, das andere nicht. Denn nur eines der Ungeborenen ist gesund. Das andere hat ein viel zu kleines Gehirn. Es würde schwer behindert sein, aber wahrscheinlich lebensfähig.

Einen Fötus im Mutterleib durch eine Spritze durch die Bauchdecke der Mutter ins Herz des Ungeborenen zu töten, sodass eine Totgeburt folgt – das ist in seltenen und speziellen Fällen in Deutschland als Spätabtreibung straffrei. Doch in diesem Fall gehen die Oberärztin und der Chefarzt noch einen Schritt weiter. Sie öffnen den Bauch der Schwangeren, holen das gesunde Kind heraus, klemmen die Nabelschnur des kranken Kindes ab und spritzen ihm erst dann eine tödliche Kaliumchloridlösung. Sie hätten das gesunde Ungeborene schützen wollen, werden sie später sagen. Denn beide Föten teilten sich eine Plazenta – eine besondere Situation einer Zwillingsschwangerschaft, bei der es zu einem ungewollten Blutaustausch kommen kann. Nicht auszuschließen also, dass das Mädchen ohne Hirnschaden durch das Gift aus der Spritze ebenfalls gestorben wäre.

Berlin, 19. November 2019, Landgericht Berlin. Das gesunde Mädchen ist neun. Seine Zwillingsschwester ist tot. Ihre Eltern sind heute als Zeugen geladen. Die Ärzte von damals stehen vor Gericht. Ein Pfleger der Berliner Geburtsstation hatte sie 2013 angezeigt. Der Richter ist sich sicher: Es war Totschlag, das Ungeborene im eröffneten Mutterleib zu töten, keine Spätabtreibung im Sinne des Gesetzes. Ein Jahr und sechs Monate Gefängnis auf Bewährung lautet die Strafe für die leitende Oberärztin, drei Monate mehr für den ehemaligen Chefarzt. Rechtskräftig ist das noch nicht.

Wann ist ein Kind ein Kind?

Der Fall, der durch alle Instanzen bis zum Bundesgerichtshof gehen könnte, ist juristisch kaum strittig. Mit der ersten Wehe oder dem Schnitt in den Bauch beginnt laut Gesetz die Geburt und das heißt: Alles danach ist Kindstötung, kein Schwangerschaftsabbruch mehr. "Es ist ein befremdlicher Fall, die Ärzte scheinen nicht einmal Grundkenntnisse des Medizinrechts gehabt zu haben", sagt Gunnar Duttge, Professor an der Uni Göttingen und Experte für strafrechtliches Medizin- und Biorecht.

Doch ethisch ist es komplizierter: Der tragische Fall wirft uns zurück auf die ganz großen Fragen der Menschwerdung: Wann wird aus einer befruchteten Eizelle ein schützenswertes Leben? Wann eine Person mit Rechten? Und kann es richtig sein, ein Leben zu opfern, um ein anderes zu schützen?

Am Anfang steht die befruchtete Eizelle

Alles beginnt damit, dass ein Spermium in eine Eizelle eindringt. Als die Zwillingsmutter Ende 2009 schwanger wird, wächst aus der befruchteten Eizelle zunächst ein Embryo heran. Er teilt sich noch mal zu zwei erbgleichen Embryonen. Es ist der Beginn einer Schwangerschaft mit eineiigen Zwillingen, die beide von derselben Plazenta versorgt werden. "Streng genommen genießt schon die befruchtete Eizelle ein Lebensrecht", sagt Gunnar Duttge. "Der Embryo ist schon vor der Einnistung in die Gebärmutter von Gesetzes wegen kein bloßes Objekt, sondern Subjekt in seiner frühesten Form." Das zeige ja schon das Embryonenschutzgesetz, das es nicht erlaubt, wahllos mit Embryonen zu experimentieren.

Und das Bundesverfassungsgericht urteilte, dass das "Leben im Sinne der geschichtlichen Existenz eines menschlichen Individuums jedenfalls vom 14. Tag nach der Empfängnis an" gelte, also auf jeden Falle ab dem Moment, in dem sich die befruchtete Eizelle in der Gebärmutter einnistet.*

Acht Zellen – so schützenswert wie ein ausgewachsenes Ungeborenes?

Die "Frage nach dem Beginn des menschlichen Lebens" sei von derjenigen "nach dem Beginn der moralischen Schutzwürdigkeit" aber zu unterscheiden, erklärte die Ethikerin Dagmar Fenner von der Uni Basel schon 2013 in einem grundsätzlichen Artikel der Bundeszentrale für Politische Bildung.

In anderen Worten: Dass das Leben mit der Befruchtung der Eizelle oder mit der Einnistung der Eizelle in die Gebärmutter ein paar Tage später beginnt, bedeutet nicht, dass man Embryonen, die aus acht Zellen bestehen, genauso schützen muss wie ein ungeborenes Kind wenige Sekunden vor Einsetzen der Wehen. 

Die katholische Kirche und konservative Ethiker halten das Acht-Zell-Embryo für genauso schützenswert wie einen Fötus in der 32. Schwangerschaftswoche. Schließlich sei das Wunder des menschlichen Lebens schon angelegt – jede befruchtete Eizelle habe das Potenzial, ein Mensch zu werden. Und weil der Prozess vom Embryo zum Neugeborenen eben kontinuierlich und nicht schrittweise verlaufe, sei es unmöglich, eine zeitliche Grenze zu ziehen.

Je reifer, desto schützenswerter

Liberalere Ethiker sehen das anders. Für viele wächst der "moralische Status im Laufe der Schwangerschaft", beschreibt Dagmar Fenner. Dieser und die Menschenwürde seien an gewisse Fähigkeiten gekoppelt, etwa daran, ob ein Lebewesen fühlen kann, ob ein Ungeborenes außerhalb des Mutterleibs lebensfähig wäre oder sich seiner Selbst bewusst ist (Journal of Medical Ethics: Gillon, 2001). 

Hinzu kommt, dass das Leben eines Ungeborenen und das der werdenden Mutter untrennbar verbunden sind. Die Plazenta etwa besteht aus einer Mischung aus embryonalen und mütterlichen Zellen. Erkennt man einen Embryo also als Teil der Frau an, kann man den Konflikt zwischen dem Lebensrecht des Ungeborenen und dem Selbstbestimmungsrecht der Schwangeren als inneren Konflikt der Frau betrachten. Sie ist es auch, die den Risiken der Schwangerschaft, den Gefahren der Geburt ausgesetzt ist (Journal of Medical Ethics: Hewson, 2001). Liberale Ethiker argumentieren: Die Frau allein hat das Recht, über ihren Körper zu bestimmen und das schließt das Ungeborene mit ein.

Die seltsame Zwölf-Wochen-Regelung

Die Fristenregelung, die heute in Deutschland gilt, ist ein Kompromiss. Bis zu zwölf Wochen nachdem eine Eizelle befruchtet wurde, darf eine Frau in Deutschland straffrei eine Schwangerschaft beenden lassen, wenn sie sich vorher beraten lässt (ausführliche Informationen dazu finden Sie hier). Aber warum gerade zwölf Wochen? Hat das noch immer mit der Idee der Sukzessivbeseelung zu tun, wie sie schon Aristoteles beschrieb (siehe Kasten)? "Eher nicht", sagt Medizinrechtler Duttge. Politisch habe man einen Zeitrahmen ausgehandelt, der so lang ist, dass die Frau die Schwangerschaft bemerkt und noch Zeit hat, sich ihre Entscheidung durch den Kopf gehen zu lassen.

Auf einem "biologischen Faktum" fuße das alles nicht, sagt Duttge. In der Tat unterscheidet sich ein Fötus in der dreizehnten Schwangerschaftswoche kaum von einem in der zwölften. Das Herz beginnt schon einige Wochen vorher zu schlagen (Geburtshilfe und Perinatalmedizin: Rath, 2010); bis das Ungeborene lebensfähig ist, dauert es einige Wochen länger (Jama Pediatrics: Mehler et al., 2016) und Schmerz empfindet es aller Wahrscheinlichkeit nach erst ab der 27. oder 28. Woche (Jama: Lee et al., 2005).

Auch die Frau, die 2010 in Berlin ein Mädchen per Kaiserschnitt bekam und die Zwillingsschwester töten ließ, hätte die Schwangerschaft theoretisch bis zur zwölften Woche beenden lassen können. Für die Ärzte, die sie damals in Hamburg-Eppendorf behandelten, wäre das legal gewesen. Und zwar selbst dann, wenn dabei auch das Leben des gesunden Ungeborenen beendet worden wäre. Genauso hätten die Mediziner versuchen können, nur den hirngeschädigten Fötus abzusaugen – mit allen Risiken für den anderen. Dazu hätte aber damals schon klar sein müssen, dass einer der Föten nicht voll entwickelt ist.

Ob all diese Optionen bestanden haben, wissen wir nicht. Gut möglich, dass so früh in der Schwangerschaft noch gar nicht klar war, wie sich das Gehirn des zweiten Zwillings entwickeln würde. Beide teilten sich eine Plazenta. Ihre Blutkreisläufe waren offenbar verwoben, berichtet unter anderem der Spiegel. Weil der eine mehr Nährstoffe bekam als der andere, bildete sich dessen Gehirn wohl nicht mehr vollständig aus. Die Föten waren "auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden", sagte der Pränatalmediziner und Gutachter Peter Kozlowski im Prozess in Berlin. Erst in der 29. Schwangerschaftswoche kam die Frau Medienberichten zufolge ins Klinikum nach Neukölln mit dem Wunsch nach einer Spätabtreibung des nicht gesunden Fötus.

*Anmerkung der Redaktion: An dieser Stelle schien das Urteil des Bundesverfassungsgerichts fälschlicherweise der Beurteilung von Gunnar Duttge zu widersprechen. Dies ist nicht der Fall, wir haben ein "jedoch" entfernt.