"Was, wenn das Ergebnis anders gewesen wäre? Wenn ich HIV-positiv wäre? Hätte ich mich dann getraut, das hier zu schreiben? Ich fürchte, die Antwort lautet Nein – und wünsche mir eine Welt, in der ich ohne Angst Ja sagen könnte." Mit diesen Zeilen endet ein Artikel, den ich vor sieben Jahren für den Tagesspiegel und ZEIT ONLINE geschrieben habe. Als Journalist habe ich Tausende Sätze geschrieben. Aber wenige haben mich so verfolgt wie diese. 

Ich hatte eine sehr persönliche Geschichte aufgeschrieben: Ein Mann, in den ich mich verliebt hatte, eine Reise in Brasilien, ein geplatztes Kondom, die Offenbarung meines Partners, dass er HIV-positiv ist und keine Medikamente nimmt, die Suche nach einer Post-Expositions-Prophylaxe, der Pille danach für Viren gewissermaßen. Am Ende machte ich einen Test, er war negativ. Ob ich über all das geschrieben hätte, wäre das Virus auch in meinem Blut nachgewiesen worden: Es schien eine theoretische Frage.

Und dann stehe ich ein paar Monate später an einem sonnigen Berliner Morgen in der Arztpraxis, warte auf das Ergebnis des empfohlenen Sechs-Monate-danach-Tests und der Arzt kommt rein und sagt: "Es tut mir leid, aber ich habe schlechte Nachrichten. Der HIV-Test ist positiv." 

Dieses flaue Gefühl im Magen, als sei jetzt alles vorbei

Als Kind habe ich einmal oben in meinem Zimmer mit Streichhölzern gezündelt, während meine Mutter unten vor der Haustür mit einer Nachbarin sprach. Ich stelle ein Streichholz mit dem Zündköpfchen auf die Reibfläche und dann schnipse ich es in den Papierkorb. Meistens erlischt es, ehe es in den Papierkorb fällt. Einmal nicht. Der Papierkorb geht in Flammen auf. Ich renne ins Bad. Zahnputzbecher. Wasser. Zimmer. Bad, Becher, Wasser. Das Feuer ist schnell aus. Aber die heiße Luft hat einige brennende Papierschnipsel hochgerissen und sie haben dort, wo sie gelandet sind, den Teppichboden versengt. Und während ich die Brandstellen anschaue und den teilweise geschmolzenen Papierkorb und während ich mich umdrehe, um die Treppen herunterzugehen und meiner Mutter zu beichten, was passiert ist, habe ich dieses flaue Gefühl im Magen, als sei jetzt alles vorbei.

So ähnlich fühlt sich das an, als ich die Praxis verlasse und die Treppen hinuntersteige. Etwas ist passiert und ich kann es nicht mehr rückgängig machen. Mein Verstand sagt mir, dass ich mich mit dieser Eventualität ausgiebig auseinandergesetzt habe. Dass ich weiß, was das bedeutet. Ich rufe einen meiner besten Freunde an, rede mit ihm, mache Pläne, arbeite. "Alles gut", denke ich. "Du kannst das."

Aber du kannst das nicht. Jedenfalls nicht immer. An diesem ersten Abend liege ich im Bett und plötzlich gibt es nichts mehr zu tun, nichts mehr, um mich abzulenken, nichts, um die Angst zurückzuhalten, und sie überspült mich einfach. Alles, was ich über das Virus weiß, wendet sich jetzt gegen mich. Ich weiß, was gerade passiert. Millionen winzige Viruspartikel schwimmen in jedem Mikroliter meines Bluts, dringen in meine Immunzellen ein, kopieren sich in das Erbgut und produzieren Millionen, Milliarden Kopien von sich selbst. Ich werde sie nie wieder loswerden. Zum ersten Mal in meinem Leben erlebe ich so etwas wie Panik. Ich bekomme Platzangst in meinem eigenen Körper. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass ich mich überschätze. Dass ich Wissen und Erleben verwechsle.

Ich bin Experte für Infektionskrankheiten. Ich habe molekulare Biomedizin studiert. Als Journalist berichte ich in den folgenden Jahren aus Liberia über Ebola oder aus Südkorea über MERS. Ich schreibe über Pilzinfektionen und Pärchenegel, Pest, Pocken und Cholera, über das wenig bekannte HTL-Virus ebenso wie über HIV.

Kai Kupferschmidt schreibt als Journalist viel über Viren. Auch über HIV. © Michael Pfister für ZEIT ONLINE

Aber ich bin ein Anfänger darin, mit HIV zu leben. Rational kann ich das alles verarbeiten und einschätzen. Aber emotional heißt HIV Aids. Und Aids heißt Angst, Ausgrenzung, Ablehnung. Ich weiß es zu dem Zeitpunkt noch nicht, aber ich habe eine steile Lernkurve vor mir. Und irgendwo hinten in den seltener besuchten Räumen meines Geistes werden immer wieder diese Worte widerhallen, die ich selbst geschrieben habe: "Wenn ich HIV-positiv wäre? Hätte ich mich dann getraut, das hier zu schreiben?" Wie eine Aufgabe, die mein jüngeres Ich meinem älteren Ich gestellt hat.

Einer der absurdesten Momente meines Lebens kommt in Innsbruck. Es ist Juni 2013 und ich bin in der Stadt, um den Medienpreis der Aids-Stiftung entgegenzunehmen. Für meine Geschichte von damals, die damit aufhört, dass ich einen HIV-Test zurückbekomme, der negativ ist. Nur bin ich jetzt positiv. Meine Familie und meine Freunde wissen das, bei der Preisverleihung weiß es niemand. 

Ich sitze in der ersten Reihe, während eine Fernsehmoderatorin die Laudatio auf mich hält. Sie spricht über jemand anderen. Jemanden, der Glück gehabt hat und negativ ist. Ich fühle mich, als würden sich in meinem Inneren diese beiden Leben, das Vorher und das Nachher, aneinander vorbeischieben wie zwei riesige Kontinente. Ich zittere. 

Und noch etwas: Die Zeit rennt mir davon. Ich müsste jetzt eigentlich meine Tabletten nehmen. Wie jeden Tag, immer zur selben Zeit. Doch die Preisverleihung dauert länger und länger.