Bayern will ein Gutachten beauftragen, das klärt, ob Homöopathie helfen könnte, Antibiotika einzusparen. Warum das unnötig und wissenschaftlich Unsinn ist, erklärt der Mediziner Christian Lübbers in diesem Gastbeitrag. Er setzt sich aktiv dagegen ein, dass Mittel ohne echten Wirksamkeitsnachweis von Kassen bezahlt oder von Medizinerinnen empfohlen werden.

Auf dem kommenden Parteitag der Grünen hätte es eine Sternstunde der Aufklärung geben können. Hätte. Denn ein klares Bekenntnis zur evidenzbasierten Medizin und eine klare Kritik an den gesetzlichen Sonderrechten der Homöopathie, wie die Grüne Jugend sie gefordert hatte, wird es nicht geben.

Wenn es nach dem Bundesvorstand geht, soll auf dem Parteitag, der dieses Wochenende in Bielefeld stattfindet, nicht inhaltlich über das Thema Homöopathie diskutiert werden – wohl aus Angst vor hitzigen Debatten. Stattdessen soll eine Kommission eingerichtet werden. Es wird sich zeigen, ob das etwas bringt oder ob die Grünen damit ähnlich einknicken wie kürzlich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Der rechnete die Kosten für Homöopathika klein und entzog sich mit einem lapidaren "so okay" einer weiteren Diskussion.

Christian Lübbers ist niedergelassener Hals-Nasen-Ohren-Arzt und Sprecher des Informationsnetzwerks Homöopathie. Daneben ist er Vorsitzender des Vereins Twankenhaus, der sich für eine bessere Medizin engagiert. © Nora Cordova, Weilheim

Und tatsächlich darf man ja fragen, warum man nicht alles beim Alten belässt. Schließlich gibt es in der Medizin schon genügend Probleme. Aber ganz so einfach ist es eben nicht. Die Homöopathie mag weder das gravierendste noch das teuerste und gefährlichste Problem unseres Gesundheitswesens sein. Aber sie ist das Problem mit der klarsten Sachlage (Australian Government NHMRC, 2015).

Und auf kein anderes Thema reagieren Menschen mit einer solchen Irrationalität. Wenn es hier nicht gelingt, Konsequenzen aus einer eindeutigen Faktenlage zu ziehen, wie soll es dann gelingen, andere Probleme anzugehen? Probleme, bei denen die Faktenlage weitaus komplexer ist: zum Beispiel eine schwindende Gesundheitskompetenz, eine besorgniserregende Zahl von Impfverweigerern und fragwürdige IGeL-Zusatzleistungen in Arztpraxen.

Kommen wir also zur Faktenlage: Forscherinnen und Forscher haben in elf systematischen Übersichtsarbeiten keine ausreichende Evidenz dafür gefunden, dass Homöopathie bei irgendeinem Krankheitsbild besser als der Placeboeffekt wirkt. Und wie sollten sie auch? Zuckerkügelchen ohne Wirkstoff können keine arzneiliche Wirkung haben.

Homöopathie ist weder Naturheilkunde noch Arzneimitteltherapie

Warum verschwendet der Bayerische Landtag trotzdem 400.000 Euro, um zu erforschen, ob Globuli dabei helfen können, Antibiotika einzusparen? Wieso steckt er das Geld nicht in nachhaltige Maßnahmen, um Antibiotikaresistenzen zu reduzieren, beispielsweise das Aufklärungsprogramm der Kassenärztlichen Vereinigung? Dieses Programm soll dafür sorgen, dass Antibiotika nur verschrieben werden, wenn sie auch wirklich nötig sind. Ein zentraler Teil davon ist es, Patienten darüber aufzuklären, dass unser Immunsystem mit normalen Infekten meist ganz allein fertig wird.

Man kann nicht oft genug darauf hinweisen, dass Homöopathie weder Arzneimitteltherapie noch Naturheilkunde ist. Wie kommt es also, dass selbst Ärztinnen und Ärzte Homöopathika empfehlen? Oft genug, um Zeit zu sparen. Es ist oft einfacher, dem Patienten ein Scheinmedikament in die Hand zu drücken, als ihm länglich zu erklären, dass bei einem banalen viralen Infekt gar keine Medikamente gegeben werden müssen. Der Patient wird sozusagen mit Globuli bis zur Spontanheilung vertröstet.

Natürlich gibt es auch Ärzte, die tatsächlich von einer arzneilichen Wirkung der Homöopathie überzeugt sind. Aber das sind weit weniger, als man denkt. Nur 5.500 der fast 400.000 Ärztinnen und Ärzte in Deutschland praktizieren unter der Zusatzbezeichnung Homöopathie. Diese können sich viel Zeit für ihre Patienten nehmen, ohne den wirtschaftlichen Druck der Kassenarztpraxis zu spüren, denn Homöopathie wird selbst bei Kassenpatienten fast immer als Privatleistung oder über Selektivverträge mit deutlich höheren Honoraren als üblich abgerechnet.