Das Klima zu schützen, bedeutet nicht nur, bedrohte Arten zu retten. Es bedeutet auch, die Gesellschaft vor schwerwiegenden Folgen des Klimawandels zu bewahren. Sich selbst, die eigenen Kinder und Enkelkinder. Denn mit steigenden Temperaturen, schwindenden Gletschern und intensiverem Extremwetter wird der Alltag für die Menschheit in Zukunft deutlich unwirtlicher.

Dürren und Hitzewellen werden die Gesundheit der Menschen zunehmend beeinträchtigen, vor allem in Europa und den Mittelmeerländern. Weil Pflanzen anders blühen und Arten in neuen Regionen heimisch werden, sind mehr Allergien zu erwarten. Erreger von Infektionskrankheiten und potenziell gefährliche Mikroorganismen werden sich weltweit ausbreiten. Das betrifft Menschen aller Altersgruppen in allen Ländern. Besonders leidtragend jedoch werden die Kinder kommender Generationen sein.

Wie sehr wird der fortschreitende Klimawandel die Lebensqualität beeinflussen? Und wie wird es deshalb um die Gesundheit bestellt sein – allen voran die Gesundheit der Kinder, die dieser Tage geboren werden? Rund 120 Expertinnen und Experten 35 verschiedener Forschungseinrichtungen haben Antworten auf diese Fragen gesucht und den aktuellen Wissensstand in einem Bericht zusammengefasst (The Lancet: Watts et al., 2019). 

Das Forscherteam hat anhand von 41 Schlüsselindikatoren Fortschritte und Veränderungen verfolgt. Die wesentlichen Erkenntnisse im Überblick:

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Um 6 Prozent sinkt die Weizenernte weltweit mit jedem Grad, das die globale Temperatur ansteigt.

Steigende Temperaturen machen Ernteausfälle wahrscheinlicher. Wie der Lancet-Report darlegt, können sich dann beispielsweise Pflanzenschädlinge besser ausbreiten, Wasser wird knapper und extreme Wetterereignisse, wie Dürren und Starkregen, setzen den Pflanzen zu. Wer künftig Landwirtschaft betreibt, muss sich darauf einstellen, dass große Teile der Reis-, Weizen- und Sojagewächse auf den Feldern beschädigt, gar zerstört werden.

Studien zufolge werden sich Ernten mit jedem Grad Celsius globaler Erwärmung weiter reduzieren. Eine erwartbare Folge sind Lebensmittelkrisen, weil es weniger Nahrungsmittel für immer mehr Menschen geben wird. Schon heute sind mehr als 800 Millionen Menschen unterernährt – weil es an Nahrung mangelt oder sie sich Lebensmittel nicht leisten können. Als in den Jahren 2007 bis 2008 während einer großen Nahrungsmittelkrise die Getreidepreise anstiegen, sei Brot in Ägypten beispielsweise um 37 Prozent teurer geworden, berichten die Wissenschaftler in dem Report. Besonders gefährdet dadurch: Kinder und Jugendliche, die beim Heranwachsen auf eine ausgewogene Ernährung angewiesen sind.

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In 152 von 196 Ländern waren seit Beginn des Jahrtausends mehr Menschen von Waldbränden betroffen.

Ein Kind, das heute zur Welt kommt, erlebt im Laufe seines Lebens wahrscheinlich häufiger Waldbrände, Überflutungen, Dürren und Stürme als der Nachwuchs früherer Generationen. Im Vergleich zum Zeitraum zwischen 2001 bis 2004 stieg zuletzt in 152 Ländern weltweit die Anzahl der Menschen, die Waldbränden und ihren Folgen ausgesetzt waren – vor allem in Indien und China, den bevölkerungsreichsten Ländern der Welt, so die Forschergruppe in Lancet. Immer wieder gibt es bei Waldbränden Tote, Menschen erleiden Verbrennungen oder haben noch Jahre später mit den Folgen des Brandrauchs, etwa mit Atemwegserkrankungen zu kämpfen.

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9 der zehn günstigsten Jahre für die Ausbreitung von Dengue-Fieber lagen in diesem Jahrtausend.

Der Klimawandel begünstigt auch die Ausbreitung von Krankheitserregern in Europa und Nordamerika, die bisher überwiegend in den Tropen Infektionen ausgelöst hatten. Viele dieser Infektionskrankheiten treffen Kinder deutlich härter als Erwachsene, Malaria etwa, Durchfallerkrankungen oder das Dengue-Fieber. "Kinder sind besonders anfällig für die Gesundheitsrisiken eines sich wandelnden Klimas, weil sich ihr Körper und das Immunsystem noch entwickeln", sagte Nick Watts, einer der Hauptautoren des Lancet-Reports, in einer Pressemitteilung.

Aufgrund von Präventionsprogrammen und einer besseren medizinischen Versorgung starben zwar in den vergangenen Jahren immer weniger Menschen an den Folgen, immer mehr infizierten sich gar nicht erst. Doch dem Bericht zufolge könnte der Klimawandel diese Erfolge zunichtemachen. 

Unter anderem, weil ein wärmeres Klima die Lebensbedingungen der Erreger und ihrer Wirte begünstigt. Mücken beispielsweise haben größere Überlebenschancen, wenn es wärmer ist, tragen dann wahrscheinlicher Erreger in sich und sind stechfreudiger. Ein anderes Beispiel: Vibrio-Bakterien, die Durchfallerkrankungen und Wundinfektionen verursachen können. Die Studienautoren listen eine Reihe von Hinweisen dafür auf, dass eine Übertragung von Erregern dieser Krankheiten in Zukunft wieder wahrscheinlicher werden könnte. Die Zahl der Tage, an denen sich das Bakterium zum Beispiel in der Ostsee gut verbreiten kann, habe sich seit den Achtzigerjahren verdoppelt, schreiben die Forscherinnen und Forscher.

Schon der bisherige Temperaturanstieg hat dazu geführt, dass neun der zehn günstigsten Jahre für die Ausbreitung von Dengue-Fieber in diesem Jahrtausend lagen. Eine Folge: In Südostasien sterben immer mehr Menschen an den Folgen einer solchen Infektion. Waren es zuletzt rund zwei Menschen pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner, waren es in den Neunzigerjahren noch etwa ein Drittel weniger.

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Weltweit waren rund 220 Millionen Menschen, die älter als 65 Jahre sind, im Jahr 2018 Hitzewellen ausgesetzt.

Seit Jahren müssen immer mehr Menschen mehrere Tage lang im Jahr extreme Hitze ertragen. Während die meisten damit recht gut umgehen können, kann es für Kinder und Senioren gefährlich sein. Junge und alte Menschen können ihre Körpertemperatur nämlich nicht so gut regulieren wie gesunde Erwachsene. Je heißer es ist, desto wahrscheinlicher droht ein tödlicher Hitzschlag. Das vergangene Jahr stellte einen Rekord aus dem Jahr 2015 ein, mit 220 Millionen Menschen über 65 Jahren weltweit, die über einen längeren Zeitraum besonders hohen Temperaturen ausgesetzt waren.

Klimanotfall - "Wenn es so weiterläuft, steht die Welt in Flammen" Wann begreift die Welt den Klimanotfall? Wir haben fünf Forscher gefragt, wie es sich anfühlt, wenn ihre Warnungen verpuffen. Im Video sprechen sie über ihre Emotionen. © Foto: Sven Wolters

Insgesamt zeigt der Bericht, dass die Folgen der globalen Erwärmung schon heute an vielen Orten der Welt für Millionen Menschen Gesundheitsfolgen haben, allen voran Kinder und alte Menschen.

Lesen Sie in diesem Schwerpunkt mehr zum Klimawandel, seinen Ursachen und Folgen.