Wer mag, kann es sich dieser Tage mit einer Tüte Popcorn auf dem Sofa gemütlich machen und zwei verfeindeten Lagern wieder einmal dabei zuschauen, wie sie aufeinander losgehen: im Fernsehen, in Zeitungen, im Netz. Es ist schon erstaunlich, wie viel seit Monaten über das Impfen diskutiert wird. Nun, da das Masernschutzgesetz beschlossen ist und damit ab März Kitakinder, medizinisches Personal und Erzieherinnen, die nach 1970 geboren sind, gegen Masern geimpft sein müssen, werden die einen wieder rufen: Das ist ein unverzeihlicher Eingriff in das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit! Und was, wenn Impfungen doch schaden? Und die andere Seite wird breitbeinig dasitzen und sich mit der Impfpflicht bestätigt fühlen: Impflücken sind in Deutschland furchtbar bedrohlich und endlich tut der Staat was dagegen!

Dabei kocht die Kontroverse über. Wer sich die Argumente beider Seiten in Ruhe anschaut, wird schnell feststellen: Es ist alles halb so wild. Denn je mehr man liest und nachforscht, desto mehr heiße Luft entweicht aus der Impfdebatte, die vor allem von Emotionen bestimmt wird.     

Eine unnötige, aber keine flächendeckende Gefahr

Beginnen wir mit der Bedrohung: Ja, in Deutschland werden jedes Jahr Masernfälle registriert. Und nur einer davon ist unnötiger als der nächste, denn eine solche Infektion durchzumachen bringt nichts außer Ärger, gerade für Kinder oder Menschen, die immunschwach sind. Sie kann im schlechtesten Falle zu einer Lungen- oder Hirnhautentzündung führen und tödlich enden. Außerdem schwächt eine Maserninfektion (anders als eine Impfung) das Immunsystem über Jahre, wie neue Studien zeigen (Science: Mina et al., 2019 & Science Immunology: Petrov et al., 2019).

Eine flächendeckende Gefahr sind die Masern aber trotzdem nicht. 2016 gab es 325 Fälle, 2017 929, 2018 543 Fälle – einigermaßen überschaubar also. Und anders als im Rest von Europa oder den USA verzeichnet Deutschland auch keinen Anstieg an Infektionen (siehe Grafik).

Das liegt schlicht daran, dass die allermeisten Deutschen klug genug sind, sich impfen zu lassen. Sie haben verstanden, dass die Masernimpfung wirkt, schützt und sicher ist – und sie lassen sich auch nicht von Mythen verunsichern, die mancher in die Welt setzt. Die Impfquoten mögen nicht perfekt sein, unterirdisch sind sie aber noch viel weniger. 97 Prozent der Kinder in Deutschland sind geimpft, wenn sie in die Schule kommen, knapp 93 Prozent erhalten auch die zweite Masernimpfung, die für den vollständigen Schutz wichtig ist (Epidemiologisches Bulletin, 2017). Und, was noch viel wichtiger ist: Die Zahlen steigen seit Jahren langsam, aber kontinuierlich an. Genauso wie die Zahl der Menschen, die Impfungen unterstützen (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 2017).

Dass dem so ist, hat inzwischen anscheinend auch das Bundesgesundheitsministerium verstanden. Noch im Referentenentwurf hieß es, die "angestiegenen Fallzahlen" seien "auf fortschreitende Impfmüdigkeit" zurückzuführen. Im aktuellen Kabinettsentwurf hat man das gestrichen. Alle, die die Masern in Deutschland für eine epochale Bedrohung halten, dürfen also einmal durchatmen. Es ist nicht alles gut, aber eben auch nicht alles katastrophal.

Wer kämpft hier gegen wen?

Wer eine Pflicht ablehnt, hängt mitunter ohnehin wissenschaftlich widerlegten impfkritischen Ideen an. Ein Beispiel ist der Verein Ärzte für individuelle Impfentscheidung e. V., in dem viele anthroposophische und homöopathische Ärzte engagiert sind. Nichtsdestotrotz haben sie einen Punkt: Eine Impfpflicht ist ein starker Eingriff in die Persönlichkeitsrechte, namentlich das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Und auch Expertinnen und Experten machen darauf aufmerksam, dass ein solcher Eingriff mit Vorsicht zu genießen ist. So sagte Wolfram Henn, der die Ethikrat-Arbeitsgruppe zur Impfpflicht leitete und Professor für Humangenetik an der Uni des Saarlandes ist, ZEIT ONLINE bereits im Juni, dass Zwang derzeit nicht geboten sei. Auch wenn Impfen eine "moralische Pflicht" und ein "Musterbeispiel solidarischen Handelns" sei, weil es nicht nur einen selbst, sondern auch andere schütze.

Trotzdem muss man fragen: Wie dramatisch ist der Eingriff wirklich? Immerhin reden wir über einen Impfstoff, der millionenfach benutzt wurde und sich bewährt hat. Selbst in verschiedenen Bundesstaaten der USA, dem Kernland des Liberalismus also, gibt es längst Impfpflichten. Und außerdem wäre eine Impfpflicht bei Weitem nicht die einzige Zwangsmaßnahme, die die Medizin kennt. Menschen, die bestimmte ansteckende Erkrankungen haben, müssen namentlich gemeldet werden. Das Infektionsschutzgesetz sieht bei nicht einsichtigen Tuberkulosekranken und Menschen mit äußerst ansteckenden Erkrankungen längst eine Zwangsunterbringung vor. Und Menschen, die im Wahn andere gefährden, werden auch gegen ihren Willen behandelt – mit potenziell weitaus schlimmeren Konsequenzen als den kurzfristigen und harmlosen Nebenwirkungen einer Masernimpfung. Und das ergibt ja auch Sinn: Dort, wo das Individuum die Gesellschaft gefährdet, muss seine eigene Freiheit mitunter eingeschränkt werden. 

Die Debatte braucht ausgeruhte Stimmen

Ob man so auch bei der Impfpflicht argumentieren kann, müssen klügere und juristisch versiertere Menschen entscheiden. Und genau dazu wird es wohl auch kommen. Der Verein Ärzte für individuelle Impfentscheidung hat bereits eine Verfassungsklage angekündigt. Die Richter in Karlsruhe müssen also möglicherweise entscheiden, ob das Masernschutzgesetz rechtens ist, und die Wissenschaft wird zeigen müssen, wie viel die Impfpflicht bringt.

Bis dahin hätten in der Debatte vor allem die klugen und ausgeruhten Stimmen mehr Aufmerksamkeit verdient. Diejenigen, die sagen, dass eine Impfpflicht allein wenig Sinn mache. Man müsse stattdessen Erinnerungssysteme einführen, weil nun einmal gerade viele junge Erwachsenen, die die Impfpflicht nicht erreiche – ohne es zu wissen – nicht gegen Masern geimpft seien. Und man müsse es den Menschen einfacher machen, sich impfen zu lassen. Die gute Nachricht: An beidem wird gearbeitet. Künftig soll auf der elektronischen Patientenakte speicherbar sein, welche Impfungen ein Krankenversicherter bekommen hat. Außerdem sollen, das sieht das Masernschutzgesetz vor, in Zukunft auch Apotheker impfen dürfen.

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