Helmut Hartl empfängt in einer Prachtvilla im Münchner Stadtteil Schwabing gegenüber einer Ballettschule, Mädchen mit rosa Röckchen laufen durchs Treppenhaus. Erwarten würde man hier eine Dermatologiepraxis für Schönheitsproblemchen, doch Hartl ist auf Menschen mit HIV spezialisiert. Schon vor 25 Jahren behandelte er Aidskranke, zu einer Zeit, als HIV auch hierzulande noch ein Todesurteil war. Zum Welt-Aids-Tag blickt er mit uns zurück.

ZEIT ONLINE: Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Aidspatienten?

Helmut Hartl: Ich habe 1991 als Medizinstudent ein Praktikum in einer Schwerpunktpraxis für Menschen mit HIV gemacht. Dort gab es einen Patienten, dessen Schicksal mich berührt hat. Er war Mitte Zwanzig, genau wie ich. Und seine Erkrankung verlief forsch. Er kam in die Praxis, schwer krank mit einer Lungenentzündung, wie man sie nur bekommt, wenn das Immunsystem vom HI-Virus schon massiv geschädigt ist.

ZEIT ONLINE: Starb er an Aids?

Hartl: Ja. Aber erst bekam er viele dieser unschönen nach einem Wiener Dermatologen benannten Kaposi-Sarkome, ein recht untrügliches Zeichen für eine Aidserkrankung. Diese lila-roten Flecken auf der Haut – eine Form von Krebs – sehen wir heute fast gar nicht mehr. Spätestens wenn sie diese Flecken bekamen, wussten die Männer damals: Jetzt bin ich HIV-positiv. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit werde ich an Aids sterben. Es gab zwar einige, die lange mit dem Virus im Blut überlebten. Bei anderen, wie dem jungen Mann den ich behandelte, schritt die Krankheit sehr schnell voran, sie starben innerhalb weniger Jahre.

ZEIT ONLINE: Waren es nur schwule Männer, die damals mit HIV in die Praxis kamen?

Hartl: Nein, es kamen auch Drogengebrauchende, Frauen und Bluter, die sich an Blutkonserven angesteckt hatten. Wie in Amerika auch waren die Risikogruppen bald erkannt. Bei uns waren und sind schwule Männer bis heute am stärksten betroffen.

ZEIT ONLINE: Wie sind Sie als junger Arzt damit umgegangen, diese jungen Menschen sterben zu sehen?

Hartl: Natürlich war ich traurig. Aber ich habe versucht, die professionelle Distanz zu wahren. Ich kann nicht jeden so nah an mich heranlassen. Ein Freund hat mir einmal geraten: Überlege dir, wo du dich bei der Beerdigung hinsetzen würdest: Ganz vorn neben Bruder und Schwester des Verstorbenen? In die Mitte? Oder doch besser nach hinten?

ZEIT ONLINE: Sie studierten damals Medizin, wurden später Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten und spezialisierten sich auf HIV. Persönlich waren sie außerdem Teil der Gruppe mit dem statistisch höchsten Ansteckungsrisiko: homosexuelle Männer.

Hartl: Ja, ich bin selbst schwul. In meinem privaten Umfeld erkrankte der ein oder andere. Mir sind einige Menschen verloren gegangen, aber zum Glück wenig enge Freunde. Wir wussten damals, dass wir uns mit Kondomen schützen können. Anders war es für die Jahrgänge vor uns: Es brauchte ein paar Jahre, bis sich herauskristallisiert hatte, dass es sich um ein Virus handelte, das über Blut und Sperma und beim Sex übertragen wird.

ZEIT ONLINE: Die ersten Berichte über Aids gab es 1981. Damals berichtete die Seuchenschutzbehörde der USA, die CDC, über fünf homosexuelle Männer mit einem außergewöhnlichen Pilzbefall der Lunge, der nur vorkommt, wenn die Körperabwehr stark geschwächt ist (CDC: Morbidity and Mortality Weekly, 1981; New England Journal of Medicine: Durack, 1981). 1983/1984 konnte man das Virus dann isolieren. Wann haben Sie das erste Mal von HIV und Aids gehört?

Hartl: Das muss 1983 oder 1984 gewesen sein, als ich 17 oder 18 war. Die ersten Zeitungsartikel erschienen über die neue Krankheit und ich hielt ein Referat darüber im Englischleistungskurs. Mediziner hatten nichts gegen das Virus in der Hand und mussten zusehen, wie HIV-Positive im Laufe weniger Jahre sterben. In dieser Zeit merkte ich selbst, dass ich schwul bin. Aids war ein reales Bedrohungsszenario.

ZEIT ONLINE: 1985 machte die damalige Gesundheitsministerin Rita Süssmuth etwas, das es in der Medizin selten gibt: Sie ließ bundesweit die Broschüre Was Sie über Aids wissen sollten verschicken. Haben Sie die bekommen?

Hartl: Ja, ich erinnere mich daran. Sie zeigte mir als schwulem Mann auch, was man beim Sex alles machen kann. Ich war auf dem Land groß geworden und hatte bis dahin keine sexuellen Erfahrungen gemacht.

Ich habe seinerzeit in meiner Homoblase ganz glücklich gelebt.

ZEIT ONLINE: Meinrad Koch, damals Leiter der Virologie des Robert Koch-Instituts, ging selbst in Discos und Schwulenclubs und klärte über die Erkrankung auf. Brauchte es das?

Hartl: Natürlich war Aufklärung wichtig. Aber das Thema war Mitte der Achtziger schon sehr präsent. Egal, ob ich in München ins schwule Kulturzentrum Sub gegangen bin oder in Bars, überall lagen Flyer herum. Das Gute an Frau Süssmuth und Herrn Koch war, dass sie Patienten empowern wollten, sie motivieren, sich selbst und andere zu schützen. Sie gehörten zu der Fraktion, die gesagt hat: Das sind Menschen und man kann sich seine Sexualität nicht aussuchen, damit wird man geboren, genau wie Linkshänder oder Rothaarige. Frau Süssmuth hatte ein anderes Bild von Patientenversorgung und der sozialen Verantwortung als zum Beispiel Peter Gauweiler.

ZEIT ONLINE: Der war 1987 CSU-Chef und sagte, HIV werde "schlimmer als Tschernobyl", Homosexuelle und Prostituierte müssten zwangsgemeldet und unter Quarantäne gestellt werden.

Hartl: Er hat versucht, HIV und Aids mit Repressalien beizukommen. Er wollte die Menschen bestrafen, medizinisch kontrollieren und zum Verzicht auf Sex zwingen. Und natürlich fanden auch manche Ärzte: Der Gauweiler hat recht, sperrt sie doch ein!

ZEIT ONLINE: Haben Sie sich gegen diese Diskriminierung von Homosexuellen und HIV-Positiven gewehrt?

Hartl: Ja, als schwuler Chor haben wir gegen Diskriminierung angesungen. Wir haben viel demonstriert, gegen Gauweiler und Hans-Peter Uhl, sein Pendant in der Stadt München. Ich hatte damals auch schon Kontakt zu Thomas Niederbühl, der 1996 der erste deutsche Stadtrat einer schwul-lesbischen Wählergruppe wurde. Er ist bis heute Geschäftsführer der Aids-Hilfe in München.

Eine Handvoll Volltrottel gab es 1986, die gibt es heute und die wird es immer geben.

ZEIT ONLINE: Haben HIV und Aids die Homophobie der deutschen Gesellschaft ihrer Ansicht nach verstärkt?

Hartl: Es gibt und gab natürlich Diskriminierung. Damals noch mehr als heute. Ich glaube, das Gesellschaftsbild ist viel liberaler geworden. Aber ich habe seinerzeit in meiner Homoblase ganz glücklich gelebt. Natürlich gab es mal einen blöden Spruch oder einen Stinkefinger aus einem vorbeifahrenden Auto. Aber ansonsten habe ich von Alltagshomophobie wenig mitbekommen.

ZEIT ONLINE: Wir reden dennoch von einer Zeit, in der der Kommunikationsdirektor des damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan Aids "die Rache der Natur an schwulen Männern" nannte.

Hartl: Derartige Aussagen gibt es auch heute noch: von der AfD oder von Kreationisten. Eine Handvoll Volltrottel gab es 1986, die gibt es heute und die wird es immer geben. Im Nachhinein habe ich den Eindruck, dass die Debatte, die Gauweiler losgetreten hat, auch etwas Gutes hatte: Ohne sie hätten wir in Deutschland nicht so offen über Schwulsein und Homosexualität gesprochen.