Geworben wird schon länger mit ihnen: den aluminiumfreien Deos. Denn viele Menschen haben Angst davor, dass aluminiumhaltige Stoffe durch die Poren der Haut in den Körper gelangen und dort Schaden anrichten – von Demenz ist die Rede oder von Krebs.

Es ist eine Angst, die viele Medien mit teilweise unseriöser Berichterstattung und mancher Wissenschaftler mit steilen Thesen verstärkt haben. In der 2012 zunächst von Arte ausgestrahlten Doku Die Akte Aluminium wird einer Brustkrebspatientin geraten, ihr Alu-Deo wegzuwerfen, und zwar sofort. So als sei der Deoroller an ihrem Krebs schuld. Und in der Wissenschaftssendung Quarks kommt ein Wissenschaftler zu Wort*, der Interessenkonflikte hat und für laute Sprüche bekannt ist. Doch dazu später mehr.

Vor Kurzem warnte das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) vor den Risiken von Aluminium im Körper. Wer auf Alu in Lebensmitteln, Kosmetika, Zahn- und Sonnencremes sowie Deos verzichte, "minimiere [...] mögliche Gesundheitsrisiken". Die Stellungnahme des BfR wurde breit medial aufgenommen. "So gefährlich ist Aluminium für unseren Körper", hieß es beim Fernsehsender RTL. Am Ende der Gesundheitssendung Visite des Norddeutschen Rundfunks hieß es gar: "Und besonders wichtig: Auf Deos mit Aluminium verzichten".

Das Problem dabei: Viele unabhängige Experten halten die Warnungen für maßlos übertrieben – und glauben nicht, dass Alu-Deos ein Gesundheitsrisiko darstellen. Recherchen von ZEIT ONLINE und dem Onlinemagazin MedWatch zeigen, dass sogar eine von der EU eingesetzte Expertengruppe den Einschätzungen des BfR widerspricht. Die Aufnahme von Aluminium über die Haut sei so gering, dass niemand sich sorgen müsse. Es gebe schlicht keinen Grund, auf Alu-Deos zu verzichten.

Was sind die Fakten?

Aluminium ist das dritthäufigste Element der Erdkruste. Wir nehmen es über die Nahrung, Wasser und über aluminiumhaltiges Geschirr auf, über Verpackungen und Kosmetikprodukte. In sehr hohen Dosen kann es dem Körper schaden. Das Leichtmetall kann sich in verschiedenen Verbindungen in Organe des Körpers einlagern. Ist es einmal dort, kann es nur schwer wieder ausgeschieden werden. Es scheint auf Zellebene giftig zu sein: Niere, Leber und Knochen können Schaden nehmen (EFSA: Aguilar et al., 2008). Alu kann auch ins Gehirn gelangen. Immer wieder spekulierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler deshalb, dass es mit der Entstehung von neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer-Demenz oder der ALS zusammenhängen könnte (Biomedicine & Pharmacotherapy: Prakash et al., 2016). Das mag gruselig klingen, aber bislang gibt es keinerlei verlässliche Belege, dass es diese Krankheiten auslösen könnte. Und wie bei den allermeisten Substanzen gilt: Die Dosis macht das Gift.

Damit Menschen wirklich krank werden, braucht es enorme Dosen Aluminium. Dosen, die am ehesten noch Menschen mit Nierenerkrankungen erreichen, die Alu nicht mehr ausreichend gut ausscheiden können. Bei ihnen kann sich der Stoff in verschiedenen Organen sammeln. Kleine Mengen Aluminium hingegen schaden wohl nicht, sagt David Borchelt, Neurowissenschaftsprofessor der University of Florida, der an einer Übersichtsarbeit zur Schädlichkeit von Aluminium beteiligt war (Journal of Toxicology and Environmental Research: Krewski et al., 2011). Ihm seien keine Daten bekannt, die zeigen würden, dass das Aluminium, das wir über Essen, die Luft, Kosmetika oder Deos zu uns nehmen, "das Risiko erhöht, irgendeine Krankheit zu bekommen".

Aus Sicherheitsgründen hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) vor zehn Jahren (Aguilar et al., 2008) trotzdem eine Grenze festgelegt, bis zu der Aluminium als sicher gilt: Ein Milligramm Alu pro Kilogramm Körpergewicht und Woche (ein 70 Kilo schwerer Mann sollte dementsprechend nicht mehr als 70 Milligramm Alu pro Woche zu sich nehmen). Davon sind die meisten Deutschen aber weit entfernt, wie das BfR in seinem eigenen Bericht schreibt. Im Schnitt nehmen Deutsche nach den Schätzungen des Bundesinstituts gerade einmal die Hälfte dieser Menge zu sich. Und selbst, wer die Grenze gelegentlich überschreite, habe nicht direkt mit Gesundheitsschäden zu rechnen, erklärt Hans Drexler, Direktor des Instituts für Umweltmedizin an der Uni Erlangen-Nürnberg.

Warum also die Warnung?

Es ist vor diesem Hintergrund schon erstaunlich, warum das BfR so deutlich vor Aluminium warnt. Noch erstaunlicher ist die Warnung vor Alu-Deos. Denn der allergrößte Teil des Alus gelangt wohl über die Nahrung in unseren Körper, über unverarbeitete Lebensmittel wie Obst und Gemüse etwa oder über Getreideprodukte und Kakao. "Die Aluminiumaufnahme über Deos ist so gering, dass sie im Grundrauschen der alltäglichen Aufnahme über Luft und Nahrung untergeht", sagt Hans Drexler dazu.

Das BfR sieht das freilich anders. Es schreibt: "Aluminiumhaltige Antitranspirantien und weißende Zahnpasten tragen erheblich zur Gesamtmenge an aufgenommenem Aluminium bei." Doch sind die Schätzungen des Instituts an mehreren Stellen spekulativ – und sie basieren teils auf alten Studien mit wenigen Probanden: So verwendeten in einer Untersuchung von 2001 zwei einzelne Versuchspersonen einmalig ein Deo mit einer speziellen, radioaktiven Aluminiumverbindung, bei denen die Aufnahme über die Haut nachverfolgt werden konnte. Das BfR spricht bei der Beschreibung seines Vorgehens selbst teils von "großen Unsicherheiten".