Medizinerinnen und Mediziner kritisieren eine vor Kurzem erschienene Studie, die bewiesen haben will, dass der Konsum von E-Zigaretten zu Lungenerkrankungen wie Asthma oder COPD führe. "Die Studie hat gravierende methodische Mängel", sagte etwa Daniel Kotz, Professor für Suchtforschung und klinische Epidemiologie am Uniklinikum Düsseldorf. Ihre Schlussfolgerungen seien falsch.

Die Studie, über die auch ZEIT ONLINE berichtet hat, hatte 19.000 Menschen über einen Zeitraum von drei Jahren beobachtet (American Journal of Preventive Medicine: Bhatta et al., 2019). Zu Beginn der Studie hatte keiner von ihnen eine diagnostizierte Lungenerkrankung, innerhalb von zwei Jahren waren es mehr als 1.000. Am häufigsten erkrankten erwartungsgemäß Raucher. Aber auch Dampfer erkrankten 30 Prozent häufiger als abstinente Menschen. Und besonders häufig erkrankten Menschen, die sowohl E-Zigaretten dampften als auch Tabakzigaretten rauchten.

Grundsätzlich seien derartige prospektive Kohortenstudien "geeignet, um die mit E-Zigaretten verbundenen Gesundheitsgefahren zu analysieren", sagte Ute Mons, Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Trotzdem äußert sie erheblich Zweifel an der Studie. Diese sei methodisch nicht geeignet, um einen Zusammenhang zwischen E-Zigaretten-Konsum und Lungenerkrankungen zu zeigen. Das habe zwei Gründe: Erstens sei der Beobachtungszeitraum viel zu klein. Lungenerkrankungen wie die COPD und Asthma entstehen über einen Zeitraum von vielen Jahren und werden oft erst mit Verzögerung diagnostiziert. Mons: "Es ist daher höchst wahrscheinlich, dass Erkrankungen, die im Laufe des Beobachtungszeitraums diagnostiziert wurden, bereits vor Studienbeginn bestanden haben."

Ist alles genau anders herum?

Zweitens hätten die Autoren nicht ausreichend berücksichtigt, wie viel die Menschen vor Beginn der Studie geraucht hätten, erklärt Mons. Genau das sei aber der größte Risikofaktor für Lungenerkrankungen. Alles in allem sei davon auszugehen, dass der beobachtete "Effekt teilweise oder gar vollständig auf das frühere Rauchverhalten zurückzuführen ist". Daniel Kotz erklärt die Ergebnisse der Studie damit, dass der Großteil der E-Zigaretten-Dampfer wegen Lungenproblemen mit dem Rauchen aufgehört hätte. "Es besteht also ein umgekehrt kausaler Zusammenhang."

Mons und Kotz kritisieren, dass die Ergebnisse und die Berichterstattung über die Studie irreführend seien und wissenschaftliche Standards nicht eingehalten worden wären. "Tabakraucherinnen und Raucher sollten [...] sich nicht verunsichern lassen: E-Zigaretten sind nach wie vor wesentlich weniger schädlich als Tabak und helfen bei der Tabakentwöhnung."

Ähnliches hatte auch einer der Co-Autoren der Originalstudie, Stanton Glantz, gesagt. "Ein konsequenter Umstieg von normalen Zigaretten auf E-Zigaretten kann das Risiko für Lungenkrankheiten senken." Katrin Schaller vom Deutschen Krebsforschungszentrum rät Menschen, die mit dem Rauchen aufhören wollen, zu einer Verhaltenstherapie gemeinsam mit Nikotinerstatzprodukten, bevor sie auf E-Zigaretten umsteigen.

Die Studie steht in keinem Zusammenhang zu den mysteriösen Fällen akuter Lungenerkrankungen in den USA (Lesen Sie mehr dazu hier). Dort waren laut der US-Gesundheitsbehörde CDC bis 10. Dezember 52 Menschen nach dem Gebrauch von E-Zigaretten gestorben, 2.409 wurden im Krankenhaus behandelt. Der Markt an E-Zigaretten-Liquids ist in Deutschland deutlich stärker reguliert als in den USA. Ähnliche Fälle sind hierzulande nicht bekannt.