Es kann einem schon seltsam vorkommen, was dieses Coronavirus auslöst. Einerseits berichten Medien wie ZEIT ONLINE jeden Tag über steigende Infektionszahlen, drastische Quarantänemaßnahmen in China, neue Verdachtsfälle. Und andererseits kommen jede Menge Experten zu Wort, die stets wiederholen: In Deutschland, gar in Europa, müsse sich derzeit niemand Sorgen machen. Wird in einem Satz Panik geschürt, nur um sie im nächsten wieder einzufangen? Nein, die Lage ist nur sehr komplex und ihr Ausgang ungewiss. Vier Gründe, warum dieser Ausbruch unsere volle Aufmerksamkeit verdient.

Wir wissen noch nicht, was auf uns zukommt

Das Coronavirus ist wahrscheinlich nicht viel schlimmer als Grippeviren, mutmaßen im Moment viele und wollen beruhigen. Aber dieser Vergleich ist kein guter. Zunächst ist die Virusgrippe keineswegs ungefährlich. Wer einmal selbst erkrankt ist – eine Woche hohes Fieber, reißende Gliederschmerzen, nachts heftiges Schwitzen, absolute Energielosigkeit –, weiß das. Jährlich sterben Tausende Menschen in Deutschland* an den Folgen, in schlimmen Jahren mehr als 20.000. Und doch sind die Impfquoten chronisch niedrig, weil viele, auch unbewusst, glauben, die Grippe zu kennen. 

Umgekehrt tendieren Menschen dazu, neue Gefahren wie das noch recht unbekannte Coronavirus erst einmal höher zu bewerten. Das lässt sich nicht auflösen, besonders nicht, weil darüber berichtet wird. Natürlich könnte sich herausstellen, dass das 2019-nCoV weniger schlimm ist als Influenzaviren. Aber was, wenn das Gegenteil der Fall ist und wie beim eng verwandten Sars-Virus jeder Zehnte, der die Diagnose bekommt, stirbt? Was, wenn Medien und Behörden dann nicht intensiv informiert hätten? Jeder, der den Vorwurf der Panikmache äußert, sollte sich selbst hinterfragen: Warum bin ich so sicher, dass das Virus harmlos ist? Experten nämlich sind es nicht.

Niemand weiß derzeit, was auf uns zukommt. Wir wissen noch schmerzhaft wenig: Bei wie vielen Menschen verläuft die Infektion mit 2019-nCoV schwer? Wie viele haben gar keine Symptome? Und sind Menschen schon ansteckend, wenn sie noch keine Symptome haben? Wie ansteckend sind Erkrankte? Auf all das gibt es allenfalls vorläufige Antworten.

Die nächsten Tage werden zeigen: Der Großteil der infizierten Menschen in China hat sich in der vergangenen Woche angesteckt. Und diese Menschen haben das Gröbste noch vor sich. Die bisherigen Studien zeigen, dass es im Schnitt ungefähr eine Woche dauert von den ersten Symptomen bis zu schweren Lungenproblemen (The Lancet: Huang et al., 2020). Das heißt: Sehr bald werden Tausende chinesische Patienten an den Punkt kommen, an dem sich herausstellt, ob die Erkrankung bei ihnen leicht oder schwer verläuft. Aus den 100 Toten werden bald mehr werden. Nur wie viele, das weiß gerade keiner.

Deutschland ist vorbereitet

Gleichzeitig bedeutet das aber auch: Niemand, der in Deutschland in eine U-Bahn steigt und nach einer Haltestange greift, muss sich Sorgen machen. Es gibt kein Killervirus, es gibt keinen Grund anzunehmen, dass hierzulande in wenigen Tagen die Krankenhäuser überlaufen werden. Eine Handvoll Fälle in Deutschland ändern nichts an der Situation. Und selbst wenn es mehr werden, was wahrscheinlich ist, gibt es keinen Grund zur Panik. Denn, wer wie ZEIT ONLINE und DIE ZEIT mit Experten – vom Flughafenarzt über den Virologie-Professor bis hin zu den Bundesbehörden wie dem Robert Koch-Institut – gesprochen hat, dem bietet sich ein eindeutiges Bild: Alle sind vorbereitet, alle wissen, was wer wann zu tun hat, niemand unterschätzt dieses Virus. Und allem Anschein nach lief nun auch bei den ersten vier Fällen, die am 28. Januar in Bayern gemeldet wurden, vorerst alles glatt. Binnen kürzester Zeit wurden sie getestet, nachdem klar war, dass eine Kollegin aus China, die zu Besuch war, infiziert war. Und wenige Stunden, nachdem der erste Test positiv ausfiel, waren schon 40 Kontaktpersonen gefunden und kontaktiert.


*Anmerkung der Redaktion: Natürlich bezog sich diese Zahl auf Deutschland. Wir haben das im Text nachträglich spezifiziert.