Fast jeder dritte erwachsene Hongkonger hat Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Das zeigte eine in der Fachzeitschrift The Lancet veröffentlichte Studie (Ni et al., 2020). Rund jeder Zehnte weise demnach Symptome einer beginnenden Depression auf. Den Wissenschaftlern der Universität Hongkong zufolge ähneln die Zahlen jenen in Kriegsgebieten oder nach Terroranschlägen. Seit Monaten wird in Hongkong teilweise gewaltsam gegen die Regierung protestiert.

1,9 Millionen der insgesamt 7,4 Millionen Hongkonger weisen laut der Studie PTBS-Symptome auf – sechs Mal mehr als nach den letzten großen Demokratieprotesten in Hongkong im Jahr 2014. Im März 2015 waren demnach fünf Prozent der Menschen betroffen, im September/November 2019 etwa 32 Prozent. Der Anteil der Menschen mit Anzeichen einer beginnenden Depression stieg von zwei Prozent im Jahr 2014 auf rund elf Prozent.

Hongkonger, die Onlinenetzwerke nutzen, um sich über die politischen Ereignisse zu informieren, haben der Studie zufolge zudem ein höheres Risiko, an Depression oder PTBS zu erkranken.

Es könnten weitaus mehr Menschen betroffen sein

Laut den Wissenschaftlern könnten noch weitaus mehr Menschen betroffen sein. Die Studie berücksichtigte Minderjährige nicht, welche einen großen Teil der Demonstrierenden ausmachen. "Hongkong hat zu wenige Ressourcen, um mit dieser übermäßigen Zahl psychisch Erkrankter fertig zu werden", sagte der Mediziner Gabriel Leung, der die Studie mit leitete.

Die Wissenschaftler werteten mehrere Umfragen aus den Jahren 2009 bis 2019 mit insgesamt 18.000 Befragten aus. Dabei handelt es sich den Angaben zufolge um die weltweit größte und längste Studie zu den Auswirkungen sozialer Unruhen auf die psychische Gesundheit.

Vor knapp sieben Monaten hatten in Hongkong Massenproteste gegen die pekingtreue Regierung unter Carrie Lam begonnen. Bei den Demonstrationen kam es immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstrierenden. Die Beamten gingen mit Tränengas und Gummigeschossen gegen die Aktivisten vor, einige Protestteilnehmer warfen unter anderem Benzinbomben.