Was kann der Einzelne angesichts des Ausbruchs des neuen Coronavirus tun? Wie sich wappnen für den Fall, dass der Lungeninfekt aus China auch in Europa zur Epidemie wird? Der Chef des britischen Wellcome Trust, der weltweit zweitreichsten Stiftung zur Förderung medizinischer Forschung, twitterte bereits vor einigen Tagen: "Eine Sache, die helfen würde, ist, sich gegen Grippe impfen zu lassen."

Zunächst erscheint das merkwürdig. Denn eine Grippeschutzimpfung schützt nicht vor einer Infektion mit dem Virus namens 2019-nCoV, das sich von der Stadt Wuhan aus seit dem Jahreswechsel in China und über Ländergrenzen hinweg ausbreitet. Vereinzelt ist es schon nach Europa eingeschleppt worden. Auch in Deutschland hat sich ein Mensch mit dem Erreger infiziert.

Die Idee hinter dem Aufruf von Jeremy Farrar zur Grippeimpfung war eine andere: Weil die Symptome einer echten Grippe (siehe Kasten) und der durch das Coronavirus ausgelösten Lungenkrankheit zu Beginn ähnlich sein können, würden Influenza-Patientinnen und -Patienten im Zweifelsfall schnell zu Corona-Verdachtsfällen. Mit allen Folgen, die das hätte. Auch sie müssten dann isoliert und auf den Erreger, der sie infiziert hat, getestet werden. Nicht zuletzt würden die Betroffenen in Angst und Schrecken versetzt. Insofern könnten Grippeschutzimpfungen den Druck auf das Gesundheitssystem mildern, den der neue Erreger entfalten könnte, sollte er auch bei uns zu einer Epidemie führen. Kurz gesagt: Je milder die Grippesaison, desto weniger zusätzliche Probleme hätten Seuchenbekämpfer.


Ähnlich sieht es das Robert Koch-Institut (RKI), auch wenn dessen Präsident Lothar Wieler die Empfehlung, sich gegen Grippe impfen zu lassen, bei einem Presseauftritt mit Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Dienstag auf besondere Risikogruppen beschränkte. Diejenigen, für die die Ständige Impfkommission (Stiko) seines Instituts ohnehin eine Grippeschutzimpfung empfehle, sollten diese jetzt bitte auch wahrnehmen, sagte er.

Gemeint sind damit Menschen ab 60 Jahren, Schwangere, chronisch Kranke und auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Bewohner von Alten- oder Pflegeheimen sowie Personen mit stark erhöhtem Risiko, sich und andere mit einer Influenza anzustecken – also zum Beispiel medizinisches Personal oder Menschen in Einrichtungen mit viel Publikumsverkehr.

Es gibt keinen Anlass zur Panik.
Georg Nüßlein, Gesundheitspolitiker der CSU

Unterstützung bekommt das RKI dabei von Politikerinnen und Politikern. "Eine Grippeimpfung macht immer Sinn, das gilt jetzt erst recht", sagte der für Gesundheitspolitik zuständige stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Union, Georg Nüßlein (CSU) im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Ob die Stiko deswegen ihre Impfempfehlungen auf alle Bürger und Bürgerinnen ausweiten solle, müssten die Fachleute selbst entscheiden.

"Wir haben derzeit keinerlei Anlass für Zwangsmaßnahmen oder Eingriffe irgendeiner Art. Es gibt keinen Anlass zur Panik", betonte Nüßlein. Insbesondere die Hausärztinnen und Hausärzte sollten Patienten aber jetzt verstärkt auf den Grippeschutz hinweisen. "Das dient auch dem Sicherheitsgefühl und dem Wohlbefinden der Menschen", sagte Nüßlein.

Ähnlich sieht es seine SPD-Kollegin, Fraktionsvize Bärbel Bas. "Eine Grippeimpfung ist sinnvoll. Aus meiner Sicht sollten sich mehr Menschen impfen", sagte sie ZEIT ONLINE. Einen Grund, die Grippe-Impfempfehlung auszuweiten, sieht die Politikerin allerdings nicht. Den Aufwand, einen Menschen mit Verdacht auf eine Coronaviren-Infektion zu testen, sei überschaubar: "Wenn Symptome einer Infektion mit dem Coronavirus vorliegen und die betroffene Person in den letzten 14 Tagen in einem Risikogebiet in China war oder Kontakt zu einer erkrankten Person hatte, dann wird diese Person unter Einhaltung hygienischer Maßnahmen wie einem Mund-Nase-Schutz auf den Coronavirus getestet", sagte Bas. 

Ein Test liefere dann in wenigen Stunden ein Ergebnis und sei auch in Deutschland ausreichend verfügbar. Den Test könnten auch Menschen machen, die in der chinesischen Provinz Hubei waren – von deren Hauptstadt Wuhan aus hatte sich der Erreger im Januar weiter ausgebreitet – oder Kontakt zu einer nachgewiesen infizierten Person hatten, auch wenn sie noch keine Symptome hätten.