Intersexuelle Menschen galten lange als unnormal, als Personen, die korrigiert werden müssen – zur Not mit Klemme und Skalpell. Wer zwischen den Geschlechtern geboren wurde, gilt manchen bis heute noch als nicht richtiger Mensch. Erst langsam bricht die Vorstellung, dass sich das Geschlecht immer zuordnen lässt.

Ärzte entscheiden so oft schon gemeinsam mit den Eltern in den ersten Jahren oder direkt nach der Geburt, das Geschlecht eines intersexuellen Kindes anpassen zu lassen. Weder männlich noch weiblich, dies scheint für einige unerträglich zu sein. Dabei können Eltern und Medizinerinnen nicht wissen, in welche Richtung sich Geist und Körper eines Kindes entwickeln. Ein Gesetzesentwurf aus dem Bundesjustizministerium will Operationen nun verbieten, wenn sie medizinisch nicht notwendig sind.

Viele Interessenverbände begrüßen das. Doch worum geht es genau? Was heißt intersexuell? Wie viele Menschen wären von dem Gesetz betroffen? Und inwiefern hängt dies mit der Debatte um das dritte Geschlecht zusammen? ZEIT ONLINE beantwortet die wichtigsten Fragen.

Was ist Intersexualität?

Intersexualität bedeutet, dass die Summe der körperlichen Geschlechtsmerkmale eines Menschen nicht eindeutig den Kategorien Mann oder Frau zuzuordnen sind. Lange sprachen Ärztinnen und Ärzte deshalb von einer Störung der Geschlechtsentwicklung, wenn sie es mit Fällen von Intersexualität zu tun hatten. Der Begriff stieß schnell auf Kritik. Ein nicht eindeutig zuzuordnendes Geschlecht sei noch lange keine Störung, schreibt etwa der Bundesverband Intersexuelle Menschen. Inzwischen haben sich deshalb die Bezeichnungen "Varianten der Geschlechtsentwicklung" oder "Differences of Sexual Development" durchgesetzt, kurz DSD. DSD umfassen allerdings nicht nur Menschen auf dem gesamten Spektrum zwischen Mann und Frau, sondern beispielsweise auch Personen, die zwar eindeutig männlich oder weiblich sind, deren Geschlechtsorgane nur anders geformt sind als bei den meisten Menschen.

Intersexualität selbst kann sich ganz unterschiedlich äußern: Manche Personen werden mit einem sehr kleinen Penis oder einer übergroßen Klitoris geboren, die einem Penis ähneln kann. Das allein spricht aber noch nicht unbedingt für eine Intersexualität. Es kann sein, dass das Erbgut eines Menschen so vielfältig ist, dass sich sowohl männliche als auch weibliche Organe entwickeln. Manche Formen der Intersexualität lassen sich daher nicht an den äußeren Geschlechtsorganen ablesen. Die südafrikanische 800-Meter-Olympiasiegerin Caster Semenya wusste beispielsweise lange Zeit nicht, dass sie möglicherweise intersexuell ist. Sie könnte hyperandrogen sein, ihr Körper produziert also mehr Testosteron als die ihrer Mitläuferinnen.

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Wie viele Menschen sind intersexuell?

Das Bundesverfassungsgericht ging 2017 davon aus, dass etwa 160.000 intersexuelle Personen in Deutschland leben. Trotzdem definieren sich die Betroffenen häufig selbst als Mann oder als Frau. Das zeigt etwa eine Umfrage aus dem Jahr 2015, in der Forscher und Forscherinnen 1.040 DSD-Menschen befragten und auch ihr Geschlecht angeben ließen: Nur zwölf kreuzten an, intersexuell zu sein, der Rest identifizierte sich als Mann oder Frau. 

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Wie geht die Medizin mit "Varianten der Geschlechtsentwicklung" um?

Ab Mitte des 20. Jahrhunderts war es medizinische Praxis, intersexuelle Kinder so bald wie möglich nach der Geburt zu operieren und sie an ein Geschlecht anzupassen – entweder männlich oder weiblich. John Money, Sexualwissenschaftler und prominenter Verfechter der geschlechtsangleichenden OPs, war der Ansicht, dass sich Kinder psychisch besser entwickeln könnten, wenn sie eindeutig einem biologischen Geschlecht zuzuordnen wären. Damit lag er falsch.

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Welche Folgen können frühe medizinische Eingriffe haben?

Tatsächlich gibt es Personen, die in ihrer Kindheit an den Geschlechtsorganen operiert wurden und damit glücklich leben (Krämer/Sabisch, 2017 Pdf). Gleichzeitig können geschlechtsangleichende OPs aber auch das Gegenteil bewirken, nämlich Geist und Körper dauerhaft beschädigen: Depressionen, Traumatisierungen, aber auch Probleme beim Sex oder Wasserlassen sind nur einige aus einer langen Liste an potenziellen Problemen. Seit Anfang der Nullerjahre haben sich diverse Organisationen, unter anderem auch die Bundesärztekammer, dafür ausgesprochen, Intersex-OPs nur sehr restriktiv durchzuführen. Forscher und Forscherinnen an der Ruhr-Universität in Bochum fanden aber heraus, dass die Häufigkeit von normangleichenden OPs nicht abnimmt (Hoenes et al., 2019 Pdf). 2016 operierten Ärzte mehr als 2.000 Kinder unter zehn Jahren an den Genitalien. Und das, obwohl die OPs aus medizinischer Sicht nicht immer notwendig wären.

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Was passiert bei geschlechts- oder normangleichenden Operationen?

Bei geschlechtsangleichenden Operationen muss man zwischen zwei verschiedenen Szenarien unterscheiden: Hat der Patient weder eindeutig männliche noch weibliche Genitalien, können Ärzte ein Geschlechtsorgan chirurgisch erzeugen. Dieses Verfahren nennt sich geschlechtszuordnend. Hat jemand Geschlechtsteile, die zwar nicht der Norm entsprechen, sich aber eindeutig zuordnen lassen, spricht man von geschlechtsvereindeutigenden Eingriffen.

Da Intersexualität verschiedene Ausprägungen hat, gibt es ganz unterschiedliche Verfahren. Zu den häufigsten Operationen zählt die Korrektur der Harndrüse, wenn sie beispielsweise an der Unterseite statt an der Spitze des Penisses austritt, und die Konstruktion oder Rekonstruktion einer Vulva.

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Was soll künftig gesetzlich geregelt werden?

Das Bundesjustizministerium hat einen Gesetzesentwurf vorgelegt, wonach geschlechtsangleichende OPs bei Kindern künftig verboten sein sollen – außer, die OP verhindert eine Gesundheits- oder sogar Lebensgefahr beim Kind. So können fehlgebildete Hoden oder Eierstöcke beispielsweise das Tumorrisiko erhöhen. Tritt das Gesetz in Kraft, dürfen Eltern also keine Operationen mehr an ihrem Kind erlauben, die das biologische Geschlecht aus rein kosmetischen Gründen korrigieren oder sogar verändern. Erst, wenn das Kind 14 Jahre alt ist, soll es, zusammen mit den Eltern und mit der Genehmigung von einem Familiengericht, selbst entscheiden dürfen, ob und welche geschlechtsanpassenden Operationen es haben will.

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Was unterscheidet Interpersonen von Transpersonen?

Intersexuelle Menschen lassen sich medizinisch weder eindeutig in weiblich, noch in männlich einteilen. Das muss allerdings nicht zwingend heißen, dass sie sich deshalb mit keinem dieser Geschlechter identifizieren können. Transpersonen hingegen haben eindeutig weibliche oder männliche Geschlechtsmerkmale, fühlen sich aber so, als würden sie im falschen Körper leben. Ihr physisches Geschlecht stimmt nicht mit dem psychischen überein. Und dies kann sich auch zwischen den Polen von männlich und weiblich bewegen oder schwanken.

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Was hat Intersexualität mit der neuen Geschlechtskategorie "divers" zu tun?

Personen, die sich weder als Mann noch als Frau definieren, haben seit Oktober 2017 das Recht, sich als "divers" in das Geburtenregister eintragen zu lassen. Intersexuelle können so ihre geschlechtliche Identität korrekt angeben, statt nur eine Lücke in der Zeile zu lassen.

Transpersonen hingegen, deren geschlechtliche Identität nicht mit dem körperlichen Geschlecht übereinstimmt, mit dem sie geboren wurden, dürfen die Kategorie "divers" nicht in Anspruch nehmen.* Das zumindest stellte das Bundesinnenministerium klar. Wollen Transpersonen ihren Geschlechtseintrag ändern, gelten für sie eigentlich die Regelungen im Transsexuellengesetz. Interessenverbände kritisieren aber, dass die Regelungen zum dritten Geschlecht für alle Menschen mit "Varianten der Geschlechtsentwicklung" geschaffen wurden, ohne zu definieren, welche Personengruppen das beinhaltet. Sie argumentieren, dass der Begriff durchaus auch Transpersonen meinen kann. Tatsächlich nutzten Menschen die neue Regelung im Personenstandsregister auch, um ihr Geschlecht von männlich zu weiblich oder umgekehrt zu ändern. Zuletzt hatten im Jahr 2019 bis Ende März insgesamt 220 Menschen eine solche Änderung beantragt. Wie viele davon Transpersonen waren, ist allerdings nicht bekannt.

*Anmerkung der Redaktion: Dieser Absatz wurde nachträglich überarbeitet und die aktuellen gesetzlichen Regelungen genauer beschrieben.

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