Australien brennt jedes Jahr. Aber diesmal ist alles anders: Selbst Regenwälder gehen in Flammen auf, so trocken ist ihr Holz. Das Ausmaß ist gewaltiger als sonst, größer die Zahl der Menschen, die fliehen müssen. 8,4 Millionen Hektar Land sind mittlerweile verbrannt, fast drei Mal die Fläche von Belgien. Die schlimmsten Brände seit Jahrzehnten schicken gigantische Rauchschwaden in die Luft. In Sydney verschwindet das Opernhaus im Rauch; Menschen laufen mit Atemmasken durch die Straßen.

Selbst die an Feuer gewöhnten Australier bekommen Angst – um ihren Besitz, aber auch um ihre Gesundheit. Wie schädlich sind Rauch und Hitze? ZEIT ONLINE beantwortet die wichtigsten Fragen.

Wie viele Menschen sind bereits gestorben?

Insgesamt sind seit September mindestens 25 Menschen an den Bränden oder ihren Folgen gestorben, allein 20 davon im Bundesstaat New South Wales, wo die Waldbrände und Buschfeuer besonders heftig sind. Unter den Toten sind auch mehrere Feuerwehrmänner, wie die Polizei berichtet.

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Wie gefährlich ist der Rauch?

Das hängt entscheidend von seinen Bestandteilen ab. Rauch ist meist eine Mischung aus schwebenden Partikeln und Flüssigkeiten. Beides kann gefährlich sein. Zunächst wirkt Rauch meist reizend. Eine laufende Nase, brennende Augen und Husten treten sehr häufig auf, verschwinden oft aber wieder, wenn man dem Rauch nicht mehr ausgesetzt ist. Gefährlicher ist Kohlenmonoxid (CO), das frei wird, wenn beispielsweise Holz unvollständig verbrennt. CO, ein geruchloses und durchsichtiges Gas, bindet an Hämoglobin, den Farbstoff der roten Blutkörperchen, die eigentlich Sauerstoff durch den Körper transportieren sollen. CO aber verdrängt den Sauerstoff. Das kann dazu führen, dass der Mensch innerlich erstickt. Erste Symptome sind Müdigkeit, Schwindel, Verwirrung oder Kopfschmerz. Übrigens: Auch bestimmte Feuermelder reagieren auf Kohlenmonoxid.* Das Gas ist vor allem für Menschen gefährlich, die sich in direkter Nähe der Feuer befinden. An den meisten Orten im Bundesstaat New South Wales, der besonders stark betroffen ist, sind die CO-Werte nicht erhöht, wie Luftmessstationen zeigen.

Anders sieht es mit der Feinstaubbelastung aus. Die ist vielerorts viel zu hoch. Vor allem die Level der sehr kleinen Partikel (kleiner als 2,5 Mikrometer) haben über die vergangenen Wochen und Monate gesundheitsschädliche Werte erreicht. In einer Stellungnahme vom 16. Dezember erklärten mehrere australische Ärzteverbände den Rauch aufgrund der Waldbrände zum Gesundheitsnotstand. Die Luftverschmutzung sei elf Mal so hoch wie das Niveau, das als "gefährlich" gelte. Feinstaub ist besonders für Menschen mit Lungenproblemen riskant, etwa solche mit einer chronischen Bronchitis oder Asthma. Bei ihnen kann der eingeatmete Feinstaub die schon verringerte Leistung der Lungen noch verschlechtern. Im schlimmsten Falle kann das tödlich enden. Aber auch für anfällige Menschen wie Kinder oder Ältere sind so stark erhöhte Feinstaubwerte gefährlich, wie das Gesundheitsministerium betont. Medienberichten zufolge soll am Donnerstag eine ältere Frau am Flughafen von Canberra an den Folgen einer Atemwegsreizung verstorben sein. 

Aber Feinstaub und Kohlenmonoxid sind nicht alles: Wenn die Flammen bewohnte Gebiete erreichen, entstehen noch andere toxische Gase, die Menschen schaden können, sagt der Notfallmediziner und Bundesfeuerwehrarzt Klaus Friedrich. "Blausäuredämpfe bilden sich bei Bränden in Gebäuden, zum Beispiel wenn Mobiliar verbrennt oder Fußböden aus PVC." Fingen Kabel Feuer, entstünden außerdem giftige Salzsäuredämpfe, die die Atemwege angreifen können.

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Wie kann man sich schützen?

Das Beste ist, möglichst wenig Rauch einzuatmen. Die Behörden und Medizinerinnen und Mediziner raten dazu, lieber in geschlossenen Räumen zu bleiben, auch Klimaanlagen und Luftreinigungsmaschinen können helfen. "Das wichtigste Ziel ist, die Bevölkerung möglichst frühzeitig aus der akuten Gefährdungszone herauszubegleiten, also zu evakuieren", erklärte der Feuerwehrmediziner Hans-Richard Paschen ZEIT ONLINE im August. So würden medizinische Notfälle verhindert. Und genau das passiert in Australien gerade in großem Maße: Menschen, die in der Nähe eines Feuers wohnen, wurden und werden evakuiert. 

"Medikamente zur Vorbeugung von Gesundheitsschäden gibt es aber nicht", sagt Friedrich. Das heißt nicht, dass Mediziner nicht helfen können. Menschen, bei denen der Rauch einen Asthmaanfall ausgelöst hat oder eine akute Verschlechterung der Lungenfunktion, können im Krankenhaus behandelt werden. Das häufigste Symptom ist Atemnot. Oft sammelt sich durch das Einatmen der reizenden Gase Flüssigkeit in der Lunge und erschwert das Luftholen. Dagegen verabreichen Ärztinnen und Ärzte hochdosierten Sauerstoff, manchmal auch vermengt mit Medikamenten, die die Bronchien weiten, oder Cortisolpräparate. In besonders schweren Fällen kann es sogar nötig sein, Patienten zu intubieren und künstlich zu beatmen.

Schon im Dezember hatte der Direktor für Umweltgesundheit von New South Wales, Richard Broome, erklärt, dass die Zahl der medizinischen Behandlungen von Atemwegsproblemen ein Viertel über dem Durchschnitt lag. Eine Beobachtung, die laut der englischen Zeitung The Guardian auch der Notfallmediziner David Caldicott aus Canberra macht. Es seien aber nicht allein die Lungen der Menschen, die litten, sagte Caldicott: "Ich glaube man darf den psychologischen Einfluss nicht unterschätzen, den der Rauch, aber auch die existenzielle Bedrohung des Feuers mit sich bringt." 

Ein weiteres Problem bei der Behandlung: Nicht selten vergehe geraume Zeit, bis sich Patienten in Krankenhäusern behandeln ließen, sagt der Feuerwehrarzt Friedrich. "Weil viele bis zuletzt ihr Hab und Gut nicht zurücklassen wollen und deshalb dem Rauch über Tage oder Wochen ausgesetzt sind."

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Was bringen Atemmasken?

Auch Atemmasken können helfen. Bisher empfiehlt die australische Regierung sie jedoch nur für Menschen, die besonders anfällig sind: Lungenkranke, Ältere oder Kinder. Und für Menschen, die draußen arbeiten müssen oder in von Bränden betroffene Gebiete zurückkehren. Die australische Regierung teilte am Samstag mit, dem an New South Wales grenzenden Bundesstaat Victoria eine halbe Million Masken zur Verfügung zu stellen.

Es gibt verschiedene Arten von Atemmasken, vom einfachen OP-Mundschutz bis hin zu sogenannten Pressluftatmern: Atemschutzgeräte, die aus einer Druckluftflasche frische und kühle Luft bereitstellen. Die australische Regierung empfiehlt für die Bevölkerung sogenannte P2-Masken, die man auch bei Abbrucharbeiten benutzt und die Feinstäube aus der Luft filtern.

Derartige Masken helfen wohl, seien aber nicht perfekt, sagt Feuerwehrarzt Friedrich. Er empfiehlt P3-Atemschutzmasken, die die Luft noch besser filtern und in der Regel mit einem Ausatemventil ausgestattet sind, das den Atemwiderstand verringert. Wirklich "ausreichend", um die Lunge vor Schadstoffen jeder Art zu schützen, seien jedoch nur die Pressluftatmer, mit denen Feuerwehrleute ausgestattet sind. Aber selbst diese stoßen an ihre Grenzen, wenn so große Flächen wie jetzt in Australien brennen. Nach etwa einer halben Stunde nämlich müssten die meisten Geräte wieder mit Frischluft aufgefüllt werden. Woher aber soll die mitten im Waldbrandgebiet kommen? "Die Feuerwehrleute füllen sich den Brandrauch unweigerlich mit ab", sagt Friedrich.

Der Experte weiß aber auch, dass es unrealistisch ist, dass die meisten nun betroffenen Menschen derartige Atemgeräte bekommen. Mit normalen P2- oder P3-Atemmasken sei vielen Menschen kurzfristig schon gut geholfen, sagt er. Und im Akutfall sei sogar ein feuchtes Tuch, das man sich vor Mund und Nase hält, besser als gar nichts. 

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Und was ist mit der Hitze?

Die Feuer selbst brennen mit Temperaturen von mehreren Hundert Grad. In ihrer Nähe sterben Menschen ohne Schutzanzug innerhalb von Sekunden. Aber die Brände erhöhen auch die Umgebungstemperatur. Und die hat in Australien in den letzten Wochen ohnehin Rekordwerte erreicht: 40, teilweise sogar 50 Grad Celsius waren keine Seltenheit. Mit den Temperaturen steigt der Flüssigkeitsbedarf, denn Menschen schwitzen mehr und atmen schneller, weil das Herunterkühlen des Körpers den Kreislauf beansprucht. "Betroffen sind vor allem ältere Menschen, weil sie häufig sowieso schon nicht genug trinken", sagt Friedrich. Ihr Risiko zu dehydrieren, sei deshalb stark erhöht.

Vor allem aber kämpfen diejenigen mit der Hitze, die täglich stundenlang mit höchstem Einsatz die Feuer zu löschen versuchen: Feuerwehrleute. Sie haben Arbeitstemperaturen von 70 bis 80 Grad Celsius, sagt Friedrich. Um sich vor der Hitze zu schützen, tragen sie dicke Jacken, dazu kommt noch, dass sie ständig den mehr als zehn Kilogramm schweren Pressluftatmer mit sich herumschleppen müssen – eine körperliche Höchstleistung. "Während eines achtstündigen Einsatzes können Feuerwehrleute etwa 10 bis 15 Liter Flüssigkeit verlieren, die sie durch Trinken wieder auffüllen müssen", sagt Friedrich.

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Welche Folgen sind langfristig zu erwarten?

Bei großen Bränden gelangen kleinste Feinstaubteilchen bis tief in die Atemwege. Bis zu einem gewissen Grad kann sich die Lunge selbst reinigen, aber einige Partikel lagern sich ab und verbleiben im Gewebe. Dort können sie Entzündungen hervorrufen und in den Blutstrom übergehen. Bei Menschen, die dauerhaft extrem feinstaubbelastete Luft einatmen, beobachten Wissenschaftler häufiger Lungen-, Herz- und Nierenerkrankungen sowie Schlaganfälle oder Typ-2-Diabetes. Das trifft allerdings eher auf längere Zeiträume zu. 

Über die konkreten gesundheitlichen Folgen von Waldbränden hingegen gibt es wenige Langzeitstudien. Und die wenigen, die existieren, nahmen vor allem Kinder in den Blick. In einer kürzlich veröffentlichten Arbeit untersuchten Forscherinnen und Forscher um Fay Johnston von der Universität Tasmanien etwa, welche Auswirkungen ein Feuer in einem Kohletagebau hatte. In der Nähe lebende Menschen waren dem Rauch des Feuers über sechs Wochen ausgesetzt (Environmental Epidemiology: Willis et al. 2019). Die Rauchbelastung war dabei ungefähr so hoch wie in den Teilen Sydneys, die momentan am stärksten betroffenen sind. Das Ergebnis der Studie, das allerdings auf Beobachtungen der Eltern beruht: Kinder, die dem Rauch im Mutterleib ausgesetzt waren, hatten zwei bis vier Jahre später ein höheres Risiko für Atemwegsinfektionen.

Für eine andere Studie fanden Forscher der University of California in Davis heraus, dass junge Rhesusaffen, die 2008 in der Nähe der großen Waldbrände in Kalifornien gelebt hatten, mit drei Jahren eine schlechtere Lungenfunktion als Tiere hatten, die den Rauch nicht eingeatmet hatten (American Journal of Respiratory Cell and Molecular Biology: Black et al., 2017). Studien zu den Langzeitfolgen von Waldbränden für erwachsene Menschen jedoch sind rar.

Etwas klarer ist die Datenlage, was Kohlenmonoxid angeht. Eine Vergiftung kann gravierende Langzeitfolgen haben. So zeigen Studien, dass Menschen, die eine solche Vergiftung durchgemacht haben, noch Jahre später häufiger Schlaganfälle bekamen (European Journal of Internal Medicine: Lin et al., 2016), eine höhere Sterbewahrscheinlichkeit aufwiesen, häufiger depressiv wurden und kognitiv eingeschränkt waren (American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine: Rose et al., 2017). Auch der Mediziner Friedrich sagt, man wisse schon lange, dass Menschen, die lange oder wiederholt hohen Konzentrationen von Kohlenmonoxid ausgesetzt sind, neurologische Spätschäden davontragen können, die zum Beispiel zu Wesensveränderungen führen könnten.

Einen Schwerpunkt zu den Feuern in Australien finden Sie hier.

*Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version klang es so, als wären CO-Feuermelder die am weitesten verbreitete Form von Rauch- und Feuermeldern. Das stimmt nicht. Wir haben den Text angepasst und bitten die Ungenauigkeit zu entschuldigen.

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