Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat trotz rasanter Zunahme von Infektionen mit einem neuartigen Virus in China vorerst keine "gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite" ausgerufen. Ein Rat von Expertinnen und Experten, der die WHO berät, sah zunächst keinen Anlass dafür. Das Gremium wolle aber weiter tagen. Der WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus hat jedoch die Kappung der Transportwege in und aus der Millionenstadt Wuhan als eine "sehr, sehr starke Maßnahme" gelobt. Dies zeige die Bereitschaft der chinesischen Behörden, die Risiken für das In- und Ausland zu minimieren.

Man werde am Donnerstag weiter darüber befinden, ob doch ein internationaler Notstand ausgerufen werden müsse, sagte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus. Damit wären schärfere Maßnahmen zur Bekämpfung des Ausbruchs verbunden. Dazu kann auch gehören, dass Reisende auf Krankheitssymptome geprüft werden sollen, und dass medizinisches Personal besser geschützt werden soll.

Die Expertinnen und Experten hatten seit dem Nachmittag darüber beraten, ob wegen des Ausbruchs eine globale Gesundheitskrise erklärt werden sollte. Sie empfahlen einen besseren Informationsaustausch zwischen den Staaten.

Verkehrsverbindungen nach Wuhan gekappt

Wie das chinesische Staatsfernsehen berichtet, würden ab Donnerstagmorgen wichtige Verkehrsverbindungen von und nach Wuhan gekappt. In der Provinzhauptstadt war das Virus erstmals im Dezember aufgetreten. Ab dem Morgen würden der Flughafen und Bahnhöfe gesperrt sowie Bus-, U-Bahn und Fährenverbindungen ausgesetzt. Wie der staatliche Fernsehsender CCTV am Mittwoch unter Berufung auf den Krisenstab in Wuhan berichtete, darf die Bevölkerung die Stadt ab Donnerstag um 10 Uhr (Ortszeit, 03.00 Uhr MEZ) nur noch mit einer Sondergenehmigung verlassen. Zudem wurden die Menschen aufgefordert, nur noch mit Schutzmasken in die Öffentlichkeit zu gehen. Wer in Hotels, Restaurants, Einkaufszentren oder Parks keine Maske trage, werde bestraft, berichtete die Zeitung China Daily.

Unterdessen ist die Zahl der Toten in China weiter gestiegen. In der Provinz Hubei seien bis Mittwochmittag 17 Todesfälle registriert worden nach zuvor neun, berichtete das staatliche Fernsehen unter Berufung auf örtliche Behörden. Das Virus wurde insgesamt bei knapp 600 Menschen nachgewiesen, wie die chinesische Gesundheitsbehörde berichtete. 

Das Virus hat sich von der Millionenstadt Wuhan in Hubei auf weitere Metropolen ausgeweitet, darunter Peking, Shanghai, Macau und Hongkong. Zwischenzeitlich wurden auch im Ausland Fälle des Virus nachgewiesen. In Thailand sind laut Behördenangaben vier Erkrankte registriert worden, in den USA, Taiwan, Südkorea und Japan jeweils einer. In Mexiko wurde am Mittwoch ein Verdachtsfall geprüft. Das Robert-Koch-Institut schätzt das Risiko für die Bevölkerung in Deutschland indes gegenwärtig als gering ein.

Reisehinweise für China werden derzeit laufend aktualisiert

Auch der EU-Präventionsbehörde ECDC zufolge sei das Risiko, dass der Erreger in die Europäische Union eingeschleppt werde, derzeit moderat. Die Behörde nahm damit eine Höherstufung vor – zuerst war das Risiko noch als niedrig eingestuft worden. Das teilte das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten mit. Mit dem erhöhten Reiseverkehr zum chinesischen Neujahr Ende des Monats wachse jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass Fälle auch in der EU auftauchen, betonte die ECDC-Direktorin Andrea Ammon. Sie warnte, dass noch unklar sei, wie gefährlich das Virus wirklich ist. "Mehr epidemiologische Daten sind dringend erforderlich, um ein besseres Verständnis des Virus zu gewinnen", so die Expertin.  

Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums teilte mit, dass die Bundesregierung die Ausbreitung des Coronavirus "aufmerksam" verfolge. Das Risiko für die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland sei aber derzeit "sehr gering". Zudem sei Deutschland "gut vorbereitet". Nach den Erfahrungen mit Epidemien wie Sars oder Ebola sei auch die internationale Abstimmung gut. Das Sars-Virus war Anfang der Nullerjahre ausgebrochen, in China und Hongkong kamen damals 650 Menschen ums Leben. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes erklärte, dass die Reisehinweise für China derzeit laufend aktualisiert würden.

Impfstoff frühestens in einem Jahr

Die Entwicklung eines Impfstoffes gegen die neue Lungenkrankheit wird nach Einschätzung der globalen Impfallianz Gavi mindestens ein Jahr dauern. Noch seien die Gefahren durch das Coronavirus auch schwer abzuschätzen, sagte der Gavi-Geschäftsführer und Epidemiologe Seth Berkley der Deutschen Presse-Agentur. "Die gute Nachricht ist, dass Forscher das Genom des Virus bereits sequenziert und veröffentlicht haben. Das hat es mehreren Organisationen rund um die Welt möglich gemacht, mit der Arbeit an einem Impfstoff zu beginnen", sagte er. 

Impfstoffe, die gegen Coronaviren schützen, seien weitaus leichter zu entwickeln als Vakzine gegen Krankheiten wie Malaria oder HIV. "Trotzdem wird es bis zu ersten klinischen Versuchen Monate dauern und mindestens ein Jahr, bevor ein Impfstoff zur Anwendung verfügbar ist", sagte Berkley.