Vier Kontinente hat das neue Coronavirus schon erreicht: Von China aus haben Menschen es in andere Teile Asiens getragen, nach Australien, Europa und Nordamerika. In Afrika aber ist es noch nicht angekommen. Doch was, wenn? Der Erreger, der schon 500 Menschen getötet und Zigtausende infiziert hat, würde hier auf Länder treffen, deren Gesundheitssysteme so schwach sind wie vielleicht nirgendwo anders auf der Welt. Im schlimmsten Falle könnte das eine Epidemie mit Hunderttausenden Infizierten und vielen Tausenden Toten bedeuten. Denn viele Regionen im Afrika südlich der Sahara haben schon heute große Probleme: Epidemien von Malaria, HIV und Tuberkulose und eine Zunahme von chronischen Erkrankungen wie Diabetes und Bluthochdruck schwächen nicht nur die Menschen, sondern überlasten Länder, in denen es an Kliniken, Ärztinnen, Pflegern und medizinischer Versorgung fehlt.

Auch wenn sie sich mit Zahlen und Vorhersagen schwertun, viele Experten haben vor diesem Szenario große Angst. Auf der Sitzung des Exekutivrats der Weltgesundheitsorganisation WHO am 3. Februar sei die Stimmung unter den afrikanischen Mitgliedstaaten sehr nervös gewesen, berichten Anwesende. Und John Nkengasong, der die erst vor drei Jahren gegründete Seuchenschutzbehörde der Afrikanischen Union leitet, sagte ZEIT ONLINE zwischen zwei Telefonkonferenzen: "Wir sind mit einer beispiellosen Gefahr konfrontiert."

Verdachtsfälle gab es schon

Noch bei der Sars-Epidemie 2003 waren die Staaten von Afrika südlich der Sahara weitestgehend verschont geblieben, nur Südafrika registrierte einen einzigen Fall. Beim neuen Coronavirus aber sollte niemand hoffen, dass es so glimpflich abläuft – zu eng sind die Verbindungen zwischen China und vielen afrikanischen Staaten geworden. Hunderttausende chinesische Gastarbeiter arbeiten auf dem afrikanischen Kontinent, Tausende afrikanische Studentinnen und Studenten reisen jährlich mit einem Uni-Stipendium nach China. Der Flugverkehr von Afrika nach China und zurück hat sich in den vergangenen zehn Jahren versiebenfacht.

Viele Länder des Kontinents haben starke wirtschaftliche Beziehungen zu China. Kenia und Äthiopien etwa. Für Äthiopien ist China mit einem Handelsvolumen von mehr als fünf Milliarden US-Dollar der wichtigste Wirtschaftspartner. In Kenia sponserte die chinesische Regierung eines der größten Infrastrukturprojekte in der Geschichte des Landes, einen Hochgeschwindigkeitszug, der die Hauptstadt Nairobi mit der Küstenmetropole Mombasa verbindet. Der Zug ist Teil der Neuen Seidenstraßeninitiative, die der chinesische Präsident Xi Jinping 2013 ins Leben rief. Um weltweit Handelsstützpunkte aufzubauen, investiert China Billionen Euro in Infrastrukturprojekte.

Und sowohl in Äthiopien als auch in Kenia gab es vergangene Woche gleich mehrere Coronavirus-Verdachtsfälle, erzählt Michel Yao, der bei der WHO Afrika für Notfallprogramme zuständig ist, am Telefon. "Wir hatten schon viele Alarme", sagt Yao. Das sei aber ein gutes Zeichen, denn es zeige, dass die Überwachungssysteme an vielen Orten funktionierten.

Südsudan oder Nigeria – das macht einen großen Unterschied

Aber stimmt das? Oder gibt es in einzelnen afrikanischen Staaten längst Fälle, die niemand registriert hat? Ein 2019 erschienener Bericht des Global Preparedness Monitoring Boards zumindest fand weltweite Lücken in der Vorbereitung auf Epidemien und eine Untersuchung des Center for Health Security der Johns Hopkins Universität zeigte: Die am schlechtesten vorbereiteten Länder finden sich fast alle in Afrika. Eigentlich mangele es an allem: an Laboren, um Erreger nachzuweisen, an Isolationsräumen und an Personal.

Aber der Reihe nach: Um eine Epidemie möglichst schon im Keim zu ersticken, braucht es zunächst gute Meldesysteme. Denn je schneller Fälle aufgespürt werden, desto weniger Menschen können die Infizierten anstecken. John Nkengasong sagt, die Afrikanische Seuchenschutzbehörde habe bereits eine Taskforce eingerichtet, die die Länder dabei unterstützen soll. Außerdem solle jedes Land eine schnelle Eingreiftruppe vorhalten, und schon heute würde an allen Flughäfen nach Infizierten gesucht, mit Fragebögen und Temperaturscannern. Ein derartiges Screening würde wegen des seit eineinhalb Jahren andauernden Ebola-Ausbruchs im Kongo ohnehin durchgeführt. 

Wie gut diese Maßnahmen im Falle eines Coronafalles wirklich greifen, ist aber schwer zu sagen. Es hängt sicher auch davon ab, welches Land in Subsahara-Afrika es mit den ersten Coronavirusfällen zu tun bekommt. Manche Länder – wie etwa Ghana oder Nigeria – sind darauf besser vorbereitet als Regionen, in denen Krieg herrscht und Regierungen instabil sind, etwa der Südsudan oder die Zentralafrikanische Republik. Dort etwa dürfte das Virus nahezu freie Bahn haben.