Seit Wochen versuchen Wissenschaftlerinnen und Forscher weltweit, aus dem neuen Coronavirus schlau zu werden, das erstmals in China auftauchte. Rasend schnell trugen sie Daten zusammen, entwickelten Tests und Diagnosen. Und dennoch: Vieles ist an der Lungenkrankheit, die der Erreger auslöst, noch ungeklärt. Experten nennen sie mittlerweile Covid-19. Wie geht der Ausbruch weiter, an dem bereits mehr als 1.100 Menschen gestorben sind? Bleibt die Epidemie vor allem für China ein Notfall oder wird sie bald unvorbereitete Länder treffen?

"Wir wissen es schlicht noch nicht", sagt Gérard Krause, Abteilungsleiter Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, ZEIT ONLINE. Nach wie vor fehlten wichtige Daten, um seriöse Vorhersagen machen zu können. Etwa darüber, wie viele Menschen pro Tag erkranken, wer besonders schwer betroffen ist oder sogar stirbt, ob das Virus nur durch Tröpfchen und Kontakt oder auch durch die Luft übertragen werden kann. Und ob es wirklich "super spreader" gibt – also Menschen, die besonders viele andere anstecken. Grundsätzlich seien aber drei Szenarien möglich, wie sich der Ausbruch eines neuen Erregers entwickelt:

Szenario 1: Es kommt zu einer Pandemie

Was wäre der denkbar schlimmste Verlauf, wenngleich der derzeit nicht wahrscheinlichste? Das neue Virus könnte in den kommenden Monaten um die Welt ziehen und dabei Tausende Menschen töten. So geschah es beispielsweise 1957, als weltweit 1,1 Millionen Menschen durch ein neues Influenzavirus (H2N2) starben. Passieren könnte das jetzt, wenn sich das neue Virus in Länder ausbreitet, in denen Infizierte nicht aufgespürt werden und Eindämmungsmaßnahmen nicht gut genug funktionieren. Von diesen Orten könnten dann ganz neue Ausbrüche ausgehen.

Der Epidemiologe Gabriel Leung von der Universität Hongkong geht im britischen Guardian sogar davon aus, dass das neue Coronavirus 60 bis 80 Prozent der Weltbevölkerung infizieren könnte. Seine Schätzung basiert auf der Annahme, dass ein Infizierter durchschnittlich 2,5 andere Menschen anstecken kann. "Man kann eine Pandemie nicht ausschließen", sagt auch Krause. Die Gefahr wäre dann nicht einmal unbedingt, dass das Virus selbst gefährlicher – fachsprachlich virulenter – wird. Die Sterblichkeit könnte im Verlauf des Ausbruchs sogar noch zurückgehen. "Aber wenn sehr, sehr viele Menschen leicht erkranken, erkranken immer noch viele schwer", erklärt Krause. Und das könne im Zweifel Hunderttausende Tote bedeuten.

Eine Forschergruppe um Leung hatte schon Ende Januar gewarnt, dass solche Ausbrüche in großen Städten weltweit nicht zu vermeiden sein könnten (The Lancet: Wu et al., 2020). Vor allem weil Infizierte, die noch keine Symptome haben, an andere Orte reisen und dort weitere Menschen anstecken können. "Es wird entscheidend sein, die Zahl von Infizierten ohne oder mit nur sehr milden Symptomen richtig zu schätzen", sagt der Harvard-Epidemiologe Pablo Salazar. Ebenso, herauszufinden, welche Infizierten das Virus besser übertragen als andere, wie es dazu kommt und wie sich das verhindern lässt.

Ob sich tatsächlich 60 bis 80 Prozent der Weltbevölkerung mit dem neuen Coronavirus anstecken, weiß derzeit niemand. Damit Experten die Gefahr besser einschätzen können, brauche es bessere Daten, sagt Krause. Allerdings räumt er ein: "Bei einer Epidemie dieser Intensität würde es wohl keinem Land der Welt gelingen, für jeden einzelnen Fall eine Angabe zu Erkrankungsbeginn, Alter, Geschlecht und vermutlichen Infektionsort verfügbar zu haben." Das aber seien nun einmal die Daten, die man für eine solide Risikoeinschätzung benötigt.

Epidemiologe Salazar rät, sich vor allem anzuschauen, was an Orten passiert, die gut auf einen Ausbruch vorbereitet sind und zudem intensive Verbindungen nach China haben – etwa Singapur. "Das ist wichtig, um zu verstehen, was passieren kann." Und sollte sich doch herausstellen, dass das neue Coronavirus sich nicht eindämmen lässt, dann drängen andere Fragen in den Vordergrund. Dann wird es darum gehen, den Schaden so gering wie möglich zu halten.

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Szenario 2: Das Virus läuft sich irgendwann tot

Expertinnen und Experten versuchen nach wie vor, den Ausbruch in China unter Kontrolle zu bringen. Die Regierung dort will das weiterhin mit drastischen Quarantänevorschriften erreichen, etwa durch komplette Reisebeschränkungen und Ausgangssperren für Hunderte Millionen Menschen.

"Die Hoffnung ist, dass die Maßnahmen Wirkung zeigen und die Infektionsketten irgendwann abreißen", sagt Krause. Dazu könnte es kommen, wenn viele Menschen eine Infektion mit dem neuen Virus überstanden haben, ihr Körper es also bekämpft hat. Dann geben sie den Erreger nicht mehr an andere weiter, das Virus stirbt langsam aus. So war es auch bei der Sars-Pandemie in den Jahren 2002 und 2003.

"Der aktuelle Ausbruch läuft nun aber doch heftiger ab als bei Sars", sagt Krause. Das liege daran, dass das neue Virus 2019-nCoV offenbar besser übertragbar sei als SARS-CoV. Vielleicht sei dies aber auch wegen der hohen Bevölkerungsdichte in der zentralchinesischen Metropole Wuhan der Fall. Dort tauchte der Erreger erstmals Ende Dezember auf.

Woher kam das neue Coronavirus?

Das Coronavirus 2019-nCoV tauchte erstmals im Dezember 2019 auf einem Fisch- und Wildtiermarkt im zentralchinesischen Wuhan auf.

Erschwert wird die Situation dadurch, dass niemand genau weiß, wie rasch und leicht Infizierte ohne Symptome das Virus verbreiten können. In der vergangenen Woche meldeten Medien – auch ZEIT ONLINE –, dass eine solche Übertragung möglich ist. Hintergrund war eine Studie zu den ersten deutschen Fällen im New England Journal of Medicine, wonach eine Chinesin auf Dienstreise mehrere Mitarbeiter eines Autozulieferers angesteckt haben soll, während sie noch keine Symptome hatte. Im Nachhinein stellte sich aber heraus, dass sie doch schon leichte Beschwerden hatte. Trotzdem gehen viele Forscherinnen und Forscher davon aus, dass solche asymptomatischen Übertragungen stattfinden.

Umso wichtiger ist es, das Virus in den jetzt schon betroffenen Städten in China einzudämmen und kleinere Ausbrüche schnell unter Kontrolle zu bringen. Tatsächlich scheint die Situation außerhalb der stark betroffenen Provinz Hubei auch recht stabil. "Ich glaube, dass sich das Virus ohne die Maßnahmen wahrscheinlich wesentlich schneller verbreitet hätte", sagt Krause.

Erst wenn zwei Inkubationszeiten lang keine neuen Fälle auftreten, könne man davon ausgehen, dass das Virus nicht mehr in der Bevölkerung zirkuliert. Derzeit gehen Forscherinnen und Mediziner davon aus, dass die Inkubationszeit – also die Zeit von der Infektion bis zu den ersten Symptomen – bis zu 14 Tage betragen kann. Es dürften also einen Monat keine neuen Fälle auftreten. Krause aber hält das derzeit für unrealistisch: "Es ist schwer vorstellbar, dass es jetzt einfach aufhört."

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Szenario 3: Das Virus verhält sich wie eine normale Grippe

"Das ist vielleicht das realistischste Szenario", wenn es nicht gelingen sollte, den Ausbruch des neuen Coronavirus in China aufzuhalten, sagt Krause. Infizierte könnten so aus China ausreisen, ohne dass bekannt ist, dass sie das Virus in sich tragen, und dann "unter dem Radar" weitere Menschen anstecken. Das würde nicht zwangsläufig eine Katastrophe bedeuten. Der Erreger könnte auf Dauer in der Bevölkerung zirkulieren und ab und zu – zum Beispiel in der kühleren Jahreszeit – kleine oder größere Ausbrüche vor allem unter älteren oder chronisch kranken Menschen verursachen. Ein solches saisonales Muster ist auch von anderen Coronaviren bekannt, die Menschen befallen können.

Zwar wurden außerhalb Chinas bisher nur verhältnismäßig wenige Fälle registriert. Aber genau das gibt manchen Experten zu denken. Sie fragen sich, ob das wirklich alle Fälle sein können. In Kambodscha etwa gibt es bislang nur einen dokumentierten Fall, obwohl das Land über Direktflüge mit Wuhan verbunden war. Auch Thailand hat bisher weniger Fälle gemeldet als erwartet. Der Chef der Weltgesundheitsorganisation, Tedros Adhanom Ghebreyesus, twitterte kürzlich, ihm bereite Sorge, dass in einigen Fällen auch Menschen das Virus verbreiten, die vorher nicht in China gewesen waren. Obwohl es bisher nur wenige Fälle seien, könne das darauf hindeuten, dass der Erreger außerhalb Chinas schon weiter verbreitet ist als angenommen. "Es könnte sein, dass wir nur die Spitze des Eisbergs sehen", sagte er.

"Staatliche Gesundheitsmaßnahmen können einen Ausbruch nur bis zu einem gewissen Grad eindämmen", sagte der Harvard-Epidemiologe Pablo Salazar ZEIT ONLINE. "Wenn das Virus sehr leicht übertragen wird und das zumeist unentdeckt geschieht, können wir wahrscheinlich nicht viel tun – selbst in Ländern, die gut auf Ausbrüche vorbereitet sind."

In so einer Situation wäre es umso wichtiger, bald einen Impfstoff bereitzuhalten. Forscherinnen und Forscher weltweit arbeiten derzeit an einer Vakzine. Bis sie entwickelt, an Menschen getestet und zugelassen ist, dürfte es voraussichtlich Monate dauern. "Für den jetzigen Ausbruch ist das sicher zu lange, aber ein Impfstoff könnte extrem wichtig werden, um bei künftigen Ausbrüchen schneller reagieren zu können", sagte Orin Levine ZEIT ONLINE, der bei der Gates-Stiftung unter anderem das Impfprogramm leitet.

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