Angesichts der rasanten Ausbreitung des Coronavirus befürchtet die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine "mögliche Pandemie". Zwar habe die Epidemie in ihrem Ursprungsland China ihren Höhepunkt bereits überschritten, die plötzliche Zunahme der Infektionsfälle im Iran, in Italien und Südkorea sei aber "zutiefst besorgniserregend", sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus in Genf.

Allein Italien, das in kürzester Zeit zum größten Ausbreitungsgebiet von Covid-19 in Europa wurde, meldete bis Montagabend sieben Todesfälle und 229 Infizierte. Bei den Todesopfern handelte es sich laut Zivilschutzchef Angelo Borrelli um ältere Menschen, die teilweise bereits unter Vorerkrankungen litten.

Im Kampf gegen das Virus ergriff die italienische Regierung drastische Maßnahmen: Elf Ortschaften, zehn in der Lombardei und eine in Venetien, wurden abgeriegelt. In Venedig wurde der traditionsreiche Karneval abgesagt, Fußballspiele und andere Großveranstaltungen wurden gestrichen. Schulen und Universitäten in allen betroffenen Regionen bleiben vorerst geschlossen. In Mailand, der Hauptstadt der Lombardei, waren auch die berühmte Scala-Oper und der Dom zu.

Italiens Gesundheitsminister Roberto Speranza berief für Dienstagnachmittag ein Krisentreffen mit seinen Kollegen aus den Nachbarländern ein. Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sagte seine Teilnahme zu. Spahn schloss zugleich weitere Schutzmaßnahmen in Deutschland nicht aus, sollte sich das Virus hierzulande weiter ausbreiten. Das Robert Koch-Institut testet bereits die im Zuge der Grippeüberwachung eingesandten Proben auf das Coronavirus.

Keine Aussetzung des Schengenabkommens geplant

Trotz der wachsenden Sorge vor dem Virus planten die 26 Staaten des Schengenraums nach Angaben der EU vorerst keine systematischen Grenzkontrollen. Die Grenzen zu Italien blieben zunächst weiter offen. Das Auswärtige Amt empfahl allen Italien-Reisenden allerdings, die Nachrichten zu verfolgen und sich in seiner Krisenvorsorgeliste einzutragen.

In der Nacht zu Montag führten die Vorsichtsmaßnahmen vor dem Coronavirus allerdings zu stundenlangen Verzögerungen im Zugverkehr. Nachdem bei zwei deutschen Reisenden in einem Eurocity aus Venedig nach München zwischenzeitlich der Verdacht auf den Erreger aufgekommen war, schlossen die österreichischen Behörden den Zugverkehr über die Brenner-Route. Der Verdacht bei den beiden Frauen bestätigte sich jedoch nicht, der Zugverkehr wurde wieder freigegeben.

Auf Mauritius mussten Dutzende Passagiere, die aus der Lombardei und Venetien stammten, stundenlang an Bord einer Alitalia-Maschine aus Rom bleiben. In Lyon im Südosten Frankreichs wurden die Passagiere eines Busses aus Mailand am Aussteigen gehindert, nachdem der Fahrer ähnliche Symptome wie bei einer Ansteckung mit dem Coronavirus gezeigt hatte.

China sagt Sitzung des Nationalen Volkskongress ab

Im Ursprungsland China, wo die Zahl der Toten auf mehr als 2.590 stieg, wurde unterdessen erstmals seit der Kulturrevolution die für Anfang März geplante Sitzung des Nationalen Volkskongresses verschoben. In China, wo bislang rund 77.000 Infektionen registriert wurden, erreichte die Epidemie nach Einschätzung der WHO zwischen dem 23. Januar und dem 2. Februar ihren Höhepunkt. Seitdem sei die Zahl der Neuansteckungen kontinuierlich zurückgegangen, sagte Tedros.

Doch in Südkorea, dem größten Verbreitungsgebiet des Coronavirus außerhalb Chinas, stieg die Zahl der Infektionen unterdessen auf mehr als 830. Zudem bestätigten Afghanistan, Bahrain, Kuwait, Oman und der Irak erste Infektionen.

Sorge bereitet auch die Lage im Iran, wo die Zahl der Todesopfer nach offiziellen Angaben von acht auf zwölf gestiegen ist – das wäre angesichts von nur 64 Infizierten eine extrem hohe Sterblichkeitsrate. Ein Abgeordneter aus der besonders betroffenen Stadt Ghom warf der Regierung vor, "nicht die Wahrheit" über das tatsächliche Ausmaß der Epidemie zu sagen. Laut der iranischen Nachrichtenagentur Ilna sprach er von 50 Toten allein in Ghom.