Nach Recherchen der Süddeutsche Zeitung und des Bayerischen Rundfunks nutzt jede zweite Klinik in Deutschland ein Medikament zur Einleitung von Wehen, das in der Geburtshilfe eigentlich nicht zugelassen ist. Das könne in Einzelfällen zu schweren Komplikationen bei Mutter und Kind führen – bis hin zum Tod von Babys, berichten die Medien.

Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) bestätigte, dass Risiken bekannt seien, wenn das Medikament Cytotec außerhalb des durch die Arzneimittelbehörden zugelassenen Gebrauchs verordnet werde. Die Anwendung werde aber unter anderem von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) weiter empfohlen.

Cytotec ist in Deutschland als Magenmedikament zugelassen. Im Rahmen der Therapiefreiheit können Ärzte die Tablette aber auch als Wehenauslöser einsetzen, wenn eine Schwangere vorher zustimmt.

In Einzelfällen seien nach der Gabe von Cytotec schwere Gehirnschäden wegen einer Sauerstoffunterversorgung des Kindes aufgetreten, heißt es in den Medienberichten. In seltenen Fällen sei die Gebärmutter der Frauen gerissen. Mehrere Babys in Deutschland und Frankreich seien laut Gutachten, Fallberichten und Gerichtsurteilen gestorben. In beiden Ländern gibt es laut den Berichten Klagen vor Gericht.

Dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) lagen bis Ende Oktober 2019 insgesamt 74 Verdachtsmeldungen unerwünschter Arzneimittelwirkungen im Zusammenhang mit Cytotec bei der Geburtseinleitung vor. Darunter sei ein Todesfall: Ein Neugeborenes sei vier Tage nach der Geburt durch eine Lungenblutung gestorben. Die Mutter hatte Cytotec und ein weiteres Präparat (Misodel) zur Geburtseinleitung erhalten.

Pharmahersteller nahm Medikament 2006 vom deutschen Markt

Für Angehörige der Heilberufe ist bei solchen Todesfällen allerdings eine Meldepflicht nach den Regelungen des Arzneimittelgesetzes nicht vorgesehen. Die Zahlen könnten also auch höher liegen als dem BfArM bekannt. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe gibt es Alternativen zu Cytotec.

Laut Süddeutscher Zeitung nahm der Hersteller Pfizer das Medikament schon 2006 vom deutschen Markt, weil es zu oft außerhalb des vorgesehenen Anwendungsbereiches verwendet wurde.

Betroffene, die einen Geburtsschaden in Verbindung mit Cytotec vermuten, können sich an ihre Krankenkasse wenden, um den Fall prüfen zu lassen oder die Nebenwirkung selbst unter www.nebenwirkungen.pei.de an die deutsche Überwachungsbehörde melden. Laut dem Zeitungsbericht reicht für eine Meldung der Verdacht, ein Zusammenhang muss nicht bewiesen werden.