"Wir müssen jetzt die Fälle senken. Sonst schaffen wir es nicht" – Seite 1

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Was vor einer Woche noch unmöglich schien, ist jetzt Realität: Die Corona-Pandemie verändert das Leben in Deutschland grundlegend. Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik gilt eine weltweite Reisewarnung. Bürgerinnen und Bürger sollen zu Hause bleiben. Kinos, Kneipen und Geschäfte sind geschlossen, Kitas und Schulen haben zu. Es ist der Beginn einer harten Zeit, von der niemand genau weiß, wie lange sie dauern wird. In dieser Zeit der Verunsicherung brauchen wir Fakten, an denen wir uns festhalten können, und seriöse Wissenschaftler, die sie uns erklären. Der Virologe Christian Drosten ist zum Erklärer dieses Ausbruchs geworden. Seinen Podcast im NDR hören jeden Tag Zehntausende. ZEIT ONLINE hat Drosten in seinem Büro im Institut für Virologie an der Berliner Charité getroffen.

ZEIT ONLINE: Das Leben, wie wir es kennen, verändert sich gerade. Herr Drosten, machen Sie sich eigentlich Sorgen?

Christian Drosten: Tatsächlich verdränge ich die Situation gerade zum Teil, wie viele andere auch. Ich hoffe für meine Familie und mich, dass es uns schon nicht treffen wird. Was aber ganz anders kommen kann. Und wieder andere blenden die neue Realität sogar komplett aus.

ZEIT ONLINE: Auf Sie aber hören die Menschen im Land, Ihr Wort hat derzeit Gewicht. Was macht diese Rolle mit Ihnen?

Im Labor Berlin auf dem Gelände des Charité-Campus Virchow wird ein Großteil der Rachenabstriche von Berliner Patienten auf das neue Coronavirus untersucht. Links erfasst eine Mitarbeiterin die Anforderungsscheine mit Informationen zu den Patienten. In der Molekulardiagnostischen Plattform (rechtes Bild) werden Proben aufbewahrt, die noch untersucht werden müssen. © Jacobia Dahm für ZEIT ONLINE

Drosten: Ich bin da einfach so hineingeraten. Und langsam wird mir das alles ein bisschen zu viel: die Medienanfragen, die Beratung der Politik. Ich bin kein Politiker, sondern Wissenschaftler. Ich erkläre gern, womit ich mich auskenne. Wissenschaftliche Erkenntnisse müssen für alle transparent kommuniziert werden, damit sich jeder ein Bild von der Situation machen kann. Aber ich sage auch deutlich, wo die Grenzen meines Wissens sind. Das habe ich immer getan.

ZEIT ONLINE: Das Land fährt gerade herunter. Kitas und Schulen sind seit dieser Woche bundesweit geschlossen. Reagiert die Politik im Moment angemessen?

Drosten: Wenige der Entscheidungen der letzten Tage waren rein evidenzbasiert, viele waren vor allem politisch und bestimmt richtig. Sie sind zum Teil sicher auch unter dem Eindruck der strikten Maßnahmen in den Nachbarländern zustande gekommen. Aber wie dem auch sei: Ich habe den Eindruck, in allen Bundesländern ist jetzt ein Schalter umgelegt. Jetzt ist eine Entscheidung gegen Veranstaltungen getroffen und eine Entscheidung gegen Kita- und Schulbetrieb.

ZEIT ONLINE: Sie hatten – wie man hört – einen großen beratenden Anteil daran, dass die Schulen geschlossen wurden. War es die richtige Entscheidung, das jetzt zu tun?

Drosten: Das weiß ich nicht. Es wird sich wahrscheinlich erst später herausstellen, ob es der richtige Zeitpunkt war. Ich habe immer angemahnt, dass auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus anderen Disziplinen gehört werden müssen. Und dass eine solche Entscheidung außerhalb des Kompetenzbereichs eines epidemiologisch gebildeten Virologen liegt, der ich bin. Ich sehe meinen Job nicht darin, die Wahrheit zu verkürzen, sondern darin, die Aspekte der Wahrheit zu erklären, aber auch Unsicherheiten zuzulassen und zu sagen: Das weiß man so nicht – und dass dann eine politische Entscheidung nötig ist. Und solange es als politische Entscheidung kommuniziert wird, finde ich das in Ordnung.

ZEIT ONLINE: Werden die Maßnahmen wirken?

Drosten: Sie werden die Dynamik der Übertragung hoffentlich einschneidend verändern. Es kann sein, dass man das bis Ostern schon beurteilen kann. Vielleicht sehen wir dann schon, dass wir weniger Infizierte haben, als man es nach dem jetzigen exponentiellen Wachstum erwarten würde. Dass die Kurve flacher wird. Auf die Todesrate wird das aber erst einmal weniger Auswirkungen haben. Weil die Menschen, die in der Zeit bis Ostern sterben werden, jetzt zum Teil schon infiziert sind oder sich in den nächsten Tagen anstecken. Dazu kommt: Die Entscheidungen, die jetzt getroffen wurden, haben ja nicht sofort einen Effekt, sondern erst nach ein paar Tagen. So langsam sind bestimmte Dinge eingeschliffen, haben Menschen eine Betreuung für ihre Kinder organisiert, haben immer mehr Leute verstanden, dass man sich nicht mehr in Gruppen treffen soll. Es wird ein bisschen dauern, bis sich das eingeübt hat.

ZEIT ONLINE: Nun wird auch über eine Ausgangssperre diskutiert. Auch weil womöglich noch nicht jeder verstanden hat, dass er zu Hause bleiben sowie soziale Kontakte reduzieren soll, auch um andere zu schützen.

Drosten: Ich glaube, dass in diesen Tagen der Groschen fällt. Die Maßnahmen sind noch recht frisch, aber jetzt wird es den meisten klar werden. Einige Unverbesserliche wird es immer geben. Klar, die gibt es in China nicht – dort werden sie verbessert. Aber ich bin froh, dass wir nicht in so einer Gesellschaft leben. Und ich bin mir auch nicht sicher, ob es für das Gesamtbild der Epidemie nötig ist, noch den allerletzten Unverbesserlichen rauszufischen.

ZEIT ONLINE: Sie würden also auch angesichts von Corona-Partys nicht sagen: Ab jetzt darf niemand mehr raus?

Drosten: Wer bin ich denn, dass ich so etwas sagen könnte? Ich kann als Virologe in meinem Fach bis zu einem bestimmten Punkt sagen, so ist es. Andere Dinge sind nicht mehr in meinem Bereich. Da bin ich nicht mehr Wissenschaftler, sondern nur noch Privatperson. Ich habe kein Mandat von irgendeinem Wähler. Ich glaube aber, dass durch die Schließung von Kneipen und Gastronomie, die Absage von Großveranstaltungen und das Schließen von Kitas und Schulen in Kombination schon ganz viel erreicht ist. Es geht darum, den größten Anteil der Kontakte zu verhindern.

Christian Drosten, Leiter der Virologie an der Berliner Charité und Deutschlands bekanntester Corona-Erklärer © Jacobia Dahm für ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Wie beurteilen Sie, wie Deutschland den Beginn dieses Ausbruchs bewältigt hat?

Drosten: Ich glaube, dass Deutschland seinen Ausbruch sehr früh erkannt hat. Wir sind zwei oder drei Wochen früher dran als ein paar Nachbarländer. Das haben wir geschafft, weil wir so viel Diagnostik machen, so viel testen. Sicher haben wir in dieser ersten Phase auch Fälle verpasst, das ist immer so. Aber ich glaube nicht, dass wir ein größeres Ausbruchsgeschehen übersehen haben. Für diese These spricht auch, dass wir die Fälle in Deutschland erwartungsgemäß ansteigen sehen. Aber wir sehen auch, dass wir weniger Todesfälle haben als andere Länder. Man könnte also denken, dass wir nicht allzu weit entfernt von der Gesamtheit der Fälle sind. Wir sehen sicherlich längst nicht alle Fälle, aber im Verhältnis mehr als andere Länder, die weniger testen.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel Italien?

Drosten: In Italien wird wohl vor allem getestet, wer ins Krankenhaus aufgenommen wird. Weil die Leute dort wissen, dass es sowieso nicht genug Tests gibt, bleiben sie auch bei Symptomen erst mal zu Hause, und wenn sie dann schlechter werden, gehen sie direkt ins Krankenhaus. Dort kommen sie dann schon mit Atemnot an und müssen eigentlich schon auf die Intensivstation. Und zu diesem Zeitpunkt werden sie dann zum ersten Mal getestet. Deshalb ist auch das Durchschnittsalter der erfassten Fälle in Italien viel höher als bei uns. Ich gehe davon aus, dass sehr viele jüngere Italiener infiziert sind oder schon waren, ohne je erfasst worden zu sein. Das erklärt auch die vermeintlich höhere Sterblichkeit durch das Virus dort.

Corona-Krise - "Wir fahren das öffentliche Leben nahezu vollständig herunter" Bayern verhängt landesweite Ausgangsbeschränkungen zur Eindämmung des Coronavirus. Diese gelten ab Freitagnacht für vorläufig zwei Wochen, sagte Ministerpräsident Söder. © Foto: Reuters TV

ZEIT ONLINE: Wie lange kommen wir hierzulande mit dem Testen noch hinterher?

Drosten: Irgendwann wird das nicht mehr möglich sein. Wir können einfach nicht so schnell die Testkapazitäten erhöhen, wie die Zahl der Fälle steigt. Dann kommen zwei Dinge zusammen: Manche von denen, die jetzt schon krank sind, werden an Covid-19 sterben. Und weil wir nicht mehr alle testen können, werden wir auch nicht mehr alle in der Statistik haben. Dann wird unsere Fallsterblichkeit auch steigen. Es wird so aussehen, als wäre das Virus gefährlicher geworden, aber das ist ein statistisches Artefakt, eine Verzerrung. Sie zeigt, was jetzt schon beginnt: Wir verpassen immer mehr Infektionen.

ZEIT ONLINE: Was kann man dagegen tun?

Drosten: Man muss Abkürzungen nehmen. Wenn eine Person im Haushalt positiv getestet wurde, könnten wir den ganzen Haushalt als positiv definieren – auch ohne Test. Weil man einfach weiß, dass es so eintreten wird: Ist ein Familienmitglied infiziert, steckt es alle anderen an. Sagt man gleich, die sind alle positiv, spart man sich viel Testaufkommen. Stellen Sie sich vor, Sie sind infiziert, und am nächsten Tag muss sich Ihre Frau dann in die Schlange stellen. Und dann schlägt der Test vielleicht noch nicht an und sie muss noch mal kommen. Das ergibt doch keinen Sinn. Da ist es besser, dass die ganze Familie direkt in Heimisolierung bleibt. In den Niederlanden wird dieser Weg schon gegangen und ich werde das jetzt auch in Gesprächen mit Gesundheitsämtern in Deutschland vorschlagen.

ZEIT ONLINE: Welche Möglichkeiten gibt es noch?

Drosten: Man wird irgendwann Verdachtsfälle nur anhand von Symptomen melden und sich dann auch in den Statistiken mehr daran orientieren. Gleichzeitig wird man die Tests, die man hat, auf Risikogruppen fokussieren müssen. Wenn eine ansonsten gesunde Studierende in ihrer Quarantäne auf dem Sofa Netflix guckt, muss ich als Hausarzt nicht wissen, ob sie positiv ist oder nicht. Die soll da einfach sitzen und wieder gesund werden. Aber wenn mein Patient von 70 Jahren krank wird und zu Hause isoliert ist, dann würde ich ihn gern testen, um dann alle zwei Tage anzurufen und zu fragen, wie es mit der Luft ist. Damit er früh genug ins Krankenhaus eingeliefert werden kann und nicht schon mit verklebter Lunge in die Ambulanz kommt, von wo er dann direkt auf die Intensivstation muss.

ZEIT ONLINE: Werden wir bald Tests haben, die schneller sind als die jetzigen?

Drosten: Einige sind schon kommerziell verfügbar, das sind meist solche, die Antikörper nachweisen. Sie haben wahrscheinlich eine sehr variable Qualität. Und sie schlagen erst nach zehn Tagen an, denn erst dann haben die Patienten Antikörper gebildet. In den ersten zehn Tagen sind diese Tests sozusagen blind. Da wird man warten müssen, bis Antigentests entwickelt sind, die direkt ein Virusprotein nachweisen. Das kann man sich vom Format her vorstellen wie einen Schwangerschaftstest – und so schnell wird auch die Auswertung gehen. Wenn die Tests gut anschlagen, dann können sie die aktuellen komplett ersetzen. Dann sind die Warteschlangen weg. Ich hoffe, dass es vielleicht im Mai so weit sein könnte.

"Wie viele infizieren sich komplett still oder nur mit Halskratzen?"

Abstrichproben, die auf das Coronavirus getestet werden sollen © Jacobia Dahm für ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Bis dahin könnten sich Millionen Menschen infiziert haben. Wie gut sind die deutschen Kliniken darauf vorbereitet?

Drosten: Egal, wie man es rechnet und mit wem man spricht: Wir müssen jetzt unbedingt die Fälle senken. Sonst werden wir es nicht schaffen. Wir kriegen sonst innerhalb von ein paar Wochen genau dieselben Probleme wie in Italien. Wir haben zwar mehr Betten, vielleicht sind wir auch etwas besser ausgebildet. Aber wir haben von dieser guten Intensivmedizin immer noch viel zu wenig. Geht man von den jetzigen Zahlen aus, bräuchte man – selbst konservativ gerechnet – zu den jetzigen Intensiv-Kapazitäten noch mal das Doppelte, um auch nur einigermaßen alle beatmen zu können, die man müsste.

ZEIT ONLINE: Bund und Länder haben jetzt einen Notfallplan beschlossen. Es sollen zusätzliche Kapazitäten für leichte Fälle geschaffen und die Zahl der Intensivbetten verdoppelt werden.

Drosten: Das ist ein guter Plan. Und dafür brauchen wir die Zeit, die wir uns mit den jetzigen Maßnahmen erkaufen wollen. Jetzt ist die Phase, wo noch Beatmungsgeräte bestellt und Stationen freigeräumt werden. Das alles (zeigt auf das Gebäude gegenüber) ist Krankenhausstruktur. Das wird im Moment als Büros genutzt. Nun wird es wieder ausgeräumt und Betten werden reingestellt – auch Beatmungsbetten. Diese Prozesse dauern ein paar Wochen. Für so etwas sind die Wochen, die wir jetzt gewinnen, und nicht etwa primär, um einen Impfstoff zu entwickeln.

ZEIT ONLINE: Blicken wir auf das Virus selbst. Sie erforschen Coronaviren schon seit vielen Jahren. Was hat Sie an Sars-CoV-2 bisher am meisten überrascht?

Drosten: Ganz klar: dass es sich im Rachen vermehrt. Beim Sars-Virus, das den Ausbruch in den Jahren 2002/2003 verursacht hat, hat man es nie geschafft, es aus dem Rachen zu isolieren. Die Sars-Patienten hatten viel weniger Viren im Körper und der Erreger war lange nicht so infektiös. Außerdem gibt es im neuen Coronavirus eine erstaunliche biologische Innovation: eine Protease-Spaltstelle im Oberflächenprotein des Virus. Ob diese Stelle da ist oder nicht, macht zum Beispiel bei der Vogelgrippe den Unterschied, ob der Erreger Geflügel sehr krank macht oder nicht.

ZEIT ONLINE: Was ist an dieser Spaltstelle so besonders?

Drosten: Das Oberflächenprotein muss geschnitten werden, damit das Virus reifen und in die nächste Zelle eindringen kann. Und diese Spaltstelle ermöglicht es dem Virus vielleicht, schon geschnitten zu werden, wenn es gerade erst aus der zuletzt infizierten Zelle ausgeschleust wird. Man kann sich das so vorstellen wie ein Blatt Papier, das man durch die Perforation besser vom Notizblock abreißen kann. Und Sars-CoV-2 hat diese Perforation.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das für die Krankheit?

Drosten: Das weiß man noch nicht genau. Es könnte dazu führen, dass das Virus schon reif aus der Zelle kommt – bereit, die nächste zu entern. Das könnte auch ein Grund dafür sein, dass sich Sars-CoV-2 so gut im Hals vermehrt und so leicht übertragen werden kann. Das muss man jetzt alles klären.

ZEIT ONLINE: Genau wie die Frage nach der Fallsterblichkeit.

Drosten: Wichtiger ist jetzt eigentlich eine andere Größe: die sogenannte Infection Fatality Rate. Sie gibt an, welcher Anteil aller Infizierten stirbt – auch von solchen, die gar keine oder nur wenige Symptome haben und deshalb nicht als Fall erfasst werden. Sie ist also auch eine Schätzung dafür, wie hoch die Dunkelziffer ist. Wie viele infizieren sich komplett still oder nur mit Halskratzen? Unter den ersten Infizierten in Deutschland, die wir für eine Studie intensiv untersucht haben, waren da ganz schön viele dabei. Derzeit höre ich oft, 80 Prozent der Fälle verlaufen mild. Aber mein Eindruck ist: Vielleicht sind es sogar noch viel mehr. Das wäre wichtig zu wissen. 

ZEIT ONLINE: Ältere und kranke Menschen sind besonders gefährdet, schwer an Covid-19 zu erkranken. Aber immer wieder gibt es auch Berichte über Menschen Anfang, Mitte 30, die auf die Intensivstation müssen oder sogar sterben. Wie kommt es dazu?

Drosten: Wir kennen auch von anderen Atemwegserkrankungen, dass immer wieder auch Jüngere schwer erkranken. Allerdings wissen wir über Menschen oft sehr wenig. In den Medien heißt es dann: "Da liegt ein 35-Jähriger auf Intensivstation." Aber ein 35-Jähriger kann massive Grunderkrankungen haben. Wir wissen zum Beispiel, dass ein hoher Body-Mass-Index ein großer Risikofaktor für Covid-19 ist, genauso wie die Koronare Herzerkrankung, also eine Verengung der Herzkranzgefäße durch Gefäßverkalkung. Eine Lungenentzündung belastet das Herz-Kreislauf-System massiv. Wenn es vorgeschädigt ist, dann ist es durch diese Belastung mitunter überfordert. Und es gibt viele im Alter von 35 bis 50, die mit solchen Risikofaktoren leben. Eine andere Hypothese ist, dass jemand eine Riesendosis Virus direkt in die Lunge einatmet. Dann vermehrt sich das Virus gleich in den tiefen Atemwegen, ohne dass es vorher im Rachen eine Immunreaktion ausgelöst hat. Dann werden die Leute vielleicht gleich richtig krank und der Körper hat noch keine Mittel dagegen. Wie gesagt: eine Hypothese.

ZEIT ONLINE: Nach allem, was man bisher weiß, erkranken Männer häufiger als Frauen. Gibt es Hinweise, warum das so ist?

Drosten: Das weiß man noch nicht genau. Möglicherweise trägt dazu bei, dass Risikofaktoren wie die eben besprochenen bei Männern häufiger auftreten. Manche Studien legen außerdem nahe, dass die Bindungsstelle, die das Virus benutzt, um in die Zellen zu kommen, speziell bei Asiaten und dort speziell bei Männern in besonders großer Menge auf den Zellen vorkommt. Aber ehrlich gesagt glaube ich: Das passt gut ins Bild und daher hat man es so interpretiert. Außerdem zeigt sich die Verteilung ja auch außerhalb Chinas, daher halte ich dieses Argument für nicht sehr wahrscheinlich. Es gibt dazu einfach noch keine guten Daten.

"Ein Jahr im Ausnahmezustand"

In diesem Labor werden die Abstrichproben, in der sich das Coronavirus befinden kann, erstmals geöffnet. Danach legt die Maschine im Hintergrund das Erbgut des Virus frei – eine Voraussetzung für die PCR-Untersuchung. © Jacobia Dahm für ZEIT ONLINE


ZEIT ONLINE: Sie haben schon öfter gesagt, für diesen Ausbruch werden weder Medikamente noch Impfstoffe rechtzeitig da sein. Gibt es da gar keine Hoffnung?

Drosten: Es ist denkbar, dass die Situation so schlimm wird, dass Regularien außer Kraft gesetzt werden. Man könnte sich vorstellen, dass man bestimmte Aspekte der Impfstoffzulassung für diese Krise übergeht und dass man nicht gut ausprobierte Impfstoffe verimpft. Das sind abenteuerliche Vorstellungen, und das ist Spekulation. Aber wenn es sehr schlimm kommt – und das will ich im Moment nicht ausschließen – wäre so etwas denkbar. Einige Biotech-Unternehmen haben jedenfalls schon längst Impfstoffkandidaten in der Pipeline.

ZEIT ONLINE: In den USA hat diese Woche erstmals eine freiwillige Testperson einen möglichen Impfstoff bekommen, hergestellt von einem privaten Biotech-Unternehmen. Er basiert auf mRNA, also kleinen Erbgutschnipseln. Ist das jetzt der richtige Ansatz?

Drosten: Ich kann das noch nicht richtig beurteilen. Ich denke, es ist ein schneller Ansatz. Ich weiß nicht, ob es auch der Massenansatz ist, den wir jetzt brauchen. Das wäre im Moment vielleicht eher ein Oberflächenprotein des Virus, das man massenweise herstellen kann und wogegen das Immunsystem Antikörper in großer Menge bildet. Manche Firmen verfolgen auch diesen Ansatz. Solch einen Impfstoff würde man dann gezielt an Risikogruppen verimpfen. Wenn es wirklich schlimm wird, könnte man sich vorstellen, dass so etwas geschieht.

ZEIT ONLINE: Wann würden Sie sagen, dass es schlimm genug für solche Schritte ist?

Drosten: Das kann und will ich mir im Moment nicht vorstellen.

ZEIT ONLINE: Halten Sie ein Medikament für vielversprechend?

Drosten: Da sehe ich den Wirkstoff Remdesivir als die beste Option. Er wurde ursprünglich gegen Ebola entwickelt. Aktuell laufen schon Studien, aber im Moment erlaubt der Hersteller die Benutzung nur unter einem besonderen Protokoll bei Menschen, die schon recht schwer krank sind, und nur in einem kleinen Zeitfenster. Eigentlich möchte man es den Menschen schon eher geben, und dafür müsste es in einem viel größeren Maßstab verfügbar sein. Man muss jetzt abwarten, wie die ersten Ergebnisse sind.

ZEIT ONLINE: Und andere Arzneistoffe?

Drosten: Da sehe ich keine wirklichen Optionen. Weder das Malariamittel Chloroquin noch die HIV-Medikamente Ritonavir/Lopinavir. Beide werden in klinischen Studien untersucht, aber die Ergebnisse sind nicht überzeugend.

ZEIT ONLINE: Italien steht offenbar kurz davor, Behandlungsversuche mit dem Plasma von Menschen zu starten, die die Infektion überstanden haben.

Drosten: Das ist eine naheliegende Überlegung. Noch gibt es keine publizierten Daten dazu. Aber es gibt ganz viele junge gesunde Patienten, die perfekte Plasmaspender sind. Wenn sie erkranken, machen sie die besten Antikörper überhaupt. Werden sie den Patienten zum richtigen Zeitpunkt verabreicht, dann ist das schon eine denkbare Möglichkeit. Ich kann mir vorstellen, dass es in vielleicht zwei Monaten schon die ersten kleineren Auswertungen von Fallberichten auch aus Deutschland dazu gibt. Aber sehr schnelle Erfolge sind zumindest in der Breite durch all diese Maßnahmen nicht zu erwarten.

ZEIT ONLINE: Auch von den steigenden Temperaturen nicht?

Drosten: Dieser Effekt wird vermutlich nicht sehr stark ausfallen. Er wird den Ausbruch nicht stoppen können, aber vielleicht etwas helfen. Und zusammen mit den Isolationsmaßnahmen erwarte ich fest, dass wir in einem Monat eine Wirkung sehen.

ZEIT ONLINE: Und dann? Wie geht es dann weiter?

Drosten: Wir müssen vielleicht davon ausgehen, dass wir gesellschaftlich ein Jahr im Ausnahmezustand verbringen müssen. Aber man wird wahrscheinlich nicht alle Maßnahmen genauso weiterführen, wie man sie jetzt gestartet hat. Man wird nachjustieren können und müssen. Man muss dann einzelne Dinge zurückfahren. Aber während der ersten Phase von jetzt bis zur Woche nach Ostern muss man wirklich konsequent handeln und gleichzeitig die Fallentwicklung beobachten.

"Lösungen finden, wie ältere Personen zu Hause isoliert werden können"

Christian Drostens Arbeitsplatz: das Institut für Virologie auf dem Charité-Campus Mitte © Jacobia Dahm für ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Ein Jahr im Ausnahmezustand? Wie wird in dieser Zeit unser Leben aussehen?

Drosten: Das weiß niemand. Auch ich kann mir das noch nicht vorstellen. Vor allem muss ein Umgang mit den Schulen gefunden werden. Das ist das Allerwichtigste. Ich finde, man kann an der Universität ein oder zwei Semester verlieren. Aber ein Schuljahr zu verlieren, ist einfach zu schwierig, weil so viel daran hängt, nicht zuletzt für die Wirtschaft. Da müssen wir Lösungen finden. Aber natürlich auch für die Risikogruppen.

ZEIT ONLINE: Woran denken Sie?

Drosten: Man könnte bestimmte Maßnahmen speziell für die Risikogruppen entwickeln. Zum Beispiel, indem man ältere Menschen und Risikopatienten konsequent früh testet und bevorzugt ins Krankenhaus aufnimmt. Und durchgehend Homeoffice für Risikogruppenmitglieder, auch für verlängerte Zeit. Man könnte Lösungen finden, wie ältere Personen zu Hause isoliert werden können. Es könnte Fahrdienste geben, sie müssen mit Lebensmitteln versorgt werden. Dabei können Ehrenamtler helfen, vielleicht auch die Bundeswehr. Und man müsste die Kinder im Alltag möglichst konsequent von den Risikogruppen trennen.

ZEIT ONLINE: Dann könnten auch die Schulen wieder aufmachen?

Drosten: Vielleicht muss man sich etwas überlegen: Die halbe Schule darf nur diese Gänge benutzen, die andere Hälfte nur die anderen. Es gibt keine große Pause mehr und auch keine kleine. Sozialräume werden nicht mehr benutzt, werden versperrt. Dadurch kann man die effektive Gruppengröße in Schulen senken. Das braucht Planung, aber die Zeit haben wir jetzt bis zur Woche nach Ostern. Am wichtigsten: Wir brauchen jetzt wissenschaftliche Daten zur Schulsituation.

ZEIT ONLINE: Und wenn Großeltern ihre Enkel mal wiedersehen wollen?

Drosten: Vielleicht wird es so sein, dass Enkel erst einen Test machen müssen, wenn sie Oma und Opa besuchen wollen. Um sicherzugehen, dass sie sie nicht anstecken. Diese Details muss man jetzt klären. Mit den politischen Entscheidungen hat man jetzt erst einmal einen Riegel vor das gesellschaftliche Leben geschoben. Aber man kann hoffentlich auch nachjustieren, mithilfe wissenschaftlicher Erkenntnisse und Modellrechnungen, die spezifisch für Deutschland gelten.

ZEIT ONLINE: Wann können Menschen wieder normal arbeiten gehen?

Drosten: In der Medizin gibt es schon die Überlegung, sich frei testen zu lassen, damit man arbeiten gehen kann. Wenn Antigenteste verfügbar wären, könnte man das auf andere Berufsgruppen ausweiten. Und außerdem: Wenn wir davon ausgehen, dass sich während der jetzigen Infektionswelle bis zum Herbst vielleicht zehn oder 15 Millionen Menschen in Deutschland anstecken, dann haben wir auch bald sehr viele Leute mit Antikörpern. Personen, die immun sind. Da wird es dann Pflegekräfte und Ärzte geben, die ohne Maske arbeiten. Auch in anderen Berufsgruppen wird es Leute geben, die sagen: Ich bin da durch. Und davon wird es immer mehr geben.

ZEIT ONLINE: Wie lange sind solche Personen dann immun?

Drosten: Wer sich einmal infiziert hat, der ist wahrscheinlich für den Rest der Pandemie immun, ich würde denken, für ein paar Jahre. Und selbst wenn man sich noch einmal ansteckt, dann bekommt man es als harmlose Erkältung. Die nächste Infektion ist dann nicht mehr schwer. Das würde ich jetzt zumindest schätzen.

ZEIT ONLINE: Wie kann man herauszufinden, wer schon infiziert war?

Drosten: Indem man große Querschnittstudien in der Bevölkerung macht. Einmal im Sommer, einmal im Oktober. Am besten geht das mit der Hilfe von Blutbanken, dort wird sowieso Blut abgenommen und gelagert. Das Ziel muss sein, für jede Altersgruppe eine gute Schätzung zu bekommen, wie viele Menschen die Infektion schon durchgemacht haben und jetzt Antikörper haben. So kann man herausfinden, ob die 60 bis 70 Prozent schon erreicht sind, die sich wohl infizieren werden.

ZEIT ONLINE: Und nach den anderthalb Jahren sind wir das Virus los?

Drosten: Nein, wahrscheinlich wird das so sein wie bei den anderen Coronaviren auch, die lediglich Erkältungen hervorrufen. Wir werden mit ihnen leben müssen, aber sie sind für uns dann nicht mehr so gefährlich, wenn wir den Ausbruch jetzt überstanden haben.

ZEIT ONLINE: Das klingt alles nach einer riesigen Herausforderung. Schaffen wir das als Gesellschaft?

Drosten: Es wird eine schwere Zeit und es wird große wirtschaftliche Verluste geben, aber ja: Natürlich werden wir es schaffen. Das müssen wir ja.


Перевод этого интервью на русский был опублкован на сайте Декодер.

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