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Was vor einer Woche noch unmöglich schien, ist jetzt Realität: Die Corona-Pandemie verändert das Leben in Deutschland grundlegend. Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik gilt eine weltweite Reisewarnung. Bürgerinnen und Bürger sollen zu Hause bleiben. Kinos, Kneipen und Geschäfte sind geschlossen, Kitas und Schulen haben zu. Es ist der Beginn einer harten Zeit, von der niemand genau weiß, wie lange sie dauern wird. In dieser Zeit der Verunsicherung brauchen wir Fakten, an denen wir uns festhalten können, und seriöse Wissenschaftler, die sie uns erklären. Der Virologe Christian Drosten ist zum Erklärer dieses Ausbruchs geworden. Seinen Podcast im NDR hören jeden Tag Zehntausende. ZEIT ONLINE hat Drosten in seinem Büro im Institut für Virologie an der Berliner Charité getroffen.

ZEIT ONLINE: Das Leben, wie wir es kennen, verändert sich gerade. Herr Drosten, machen Sie sich eigentlich Sorgen?

Christian Drosten: Tatsächlich verdränge ich die Situation gerade zum Teil, wie viele andere auch. Ich hoffe für meine Familie und mich, dass es uns schon nicht treffen wird. Was aber ganz anders kommen kann. Und wieder andere blenden die neue Realität sogar komplett aus.

ZEIT ONLINE: Auf Sie aber hören die Menschen im Land, Ihr Wort hat derzeit Gewicht. Was macht diese Rolle mit Ihnen?

Im Labor Berlin auf dem Gelände des Charité-Campus Virchow wird ein Großteil der Rachenabstriche von Berliner Patienten auf das neue Coronavirus untersucht. Links erfasst eine Mitarbeiterin die Anforderungsscheine mit Informationen zu den Patienten. In der Molekulardiagnostischen Plattform (rechtes Bild) werden Proben aufbewahrt, die noch untersucht werden müssen. © Jacobia Dahm für ZEIT ONLINE

Drosten: Ich bin da einfach so hineingeraten. Und langsam wird mir das alles ein bisschen zu viel: die Medienanfragen, die Beratung der Politik. Ich bin kein Politiker, sondern Wissenschaftler. Ich erkläre gern, womit ich mich auskenne. Wissenschaftliche Erkenntnisse müssen für alle transparent kommuniziert werden, damit sich jeder ein Bild von der Situation machen kann. Aber ich sage auch deutlich, wo die Grenzen meines Wissens sind. Das habe ich immer getan.

ZEIT ONLINE: Das Land fährt gerade herunter. Kitas und Schulen sind seit dieser Woche bundesweit geschlossen. Reagiert die Politik im Moment angemessen?

Drosten: Wenige der Entscheidungen der letzten Tage waren rein evidenzbasiert, viele waren vor allem politisch und bestimmt richtig. Sie sind zum Teil sicher auch unter dem Eindruck der strikten Maßnahmen in den Nachbarländern zustande gekommen. Aber wie dem auch sei: Ich habe den Eindruck, in allen Bundesländern ist jetzt ein Schalter umgelegt. Jetzt ist eine Entscheidung gegen Veranstaltungen getroffen und eine Entscheidung gegen Kita- und Schulbetrieb.

ZEIT ONLINE: Sie hatten – wie man hört – einen großen beratenden Anteil daran, dass die Schulen geschlossen wurden. War es die richtige Entscheidung, das jetzt zu tun?

Drosten: Das weiß ich nicht. Es wird sich wahrscheinlich erst später herausstellen, ob es der richtige Zeitpunkt war. Ich habe immer angemahnt, dass auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus anderen Disziplinen gehört werden müssen. Und dass eine solche Entscheidung außerhalb des Kompetenzbereichs eines epidemiologisch gebildeten Virologen liegt, der ich bin. Ich sehe meinen Job nicht darin, die Wahrheit zu verkürzen, sondern darin, die Aspekte der Wahrheit zu erklären, aber auch Unsicherheiten zuzulassen und zu sagen: Das weiß man so nicht – und dass dann eine politische Entscheidung nötig ist. Und solange es als politische Entscheidung kommuniziert wird, finde ich das in Ordnung.

ZEIT ONLINE: Werden die Maßnahmen wirken?

Drosten: Sie werden die Dynamik der Übertragung hoffentlich einschneidend verändern. Es kann sein, dass man das bis Ostern schon beurteilen kann. Vielleicht sehen wir dann schon, dass wir weniger Infizierte haben, als man es nach dem jetzigen exponentiellen Wachstum erwarten würde. Dass die Kurve flacher wird. Auf die Todesrate wird das aber erst einmal weniger Auswirkungen haben. Weil die Menschen, die in der Zeit bis Ostern sterben werden, jetzt zum Teil schon infiziert sind oder sich in den nächsten Tagen anstecken. Dazu kommt: Die Entscheidungen, die jetzt getroffen wurden, haben ja nicht sofort einen Effekt, sondern erst nach ein paar Tagen. So langsam sind bestimmte Dinge eingeschliffen, haben Menschen eine Betreuung für ihre Kinder organisiert, haben immer mehr Leute verstanden, dass man sich nicht mehr in Gruppen treffen soll. Es wird ein bisschen dauern, bis sich das eingeübt hat.

ZEIT ONLINE: Nun wird auch über eine Ausgangssperre diskutiert. Auch weil womöglich noch nicht jeder verstanden hat, dass er zu Hause bleiben sowie soziale Kontakte reduzieren soll, auch um andere zu schützen.

Drosten: Ich glaube, dass in diesen Tagen der Groschen fällt. Die Maßnahmen sind noch recht frisch, aber jetzt wird es den meisten klar werden. Einige Unverbesserliche wird es immer geben. Klar, die gibt es in China nicht – dort werden sie verbessert. Aber ich bin froh, dass wir nicht in so einer Gesellschaft leben. Und ich bin mir auch nicht sicher, ob es für das Gesamtbild der Epidemie nötig ist, noch den allerletzten Unverbesserlichen rauszufischen.

ZEIT ONLINE: Sie würden also auch angesichts von Corona-Partys nicht sagen: Ab jetzt darf niemand mehr raus?

Drosten: Wer bin ich denn, dass ich so etwas sagen könnte? Ich kann als Virologe in meinem Fach bis zu einem bestimmten Punkt sagen, so ist es. Andere Dinge sind nicht mehr in meinem Bereich. Da bin ich nicht mehr Wissenschaftler, sondern nur noch Privatperson. Ich habe kein Mandat von irgendeinem Wähler. Ich glaube aber, dass durch die Schließung von Kneipen und Gastronomie, die Absage von Großveranstaltungen und das Schließen von Kitas und Schulen in Kombination schon ganz viel erreicht ist. Es geht darum, den größten Anteil der Kontakte zu verhindern.

Christian Drosten, Leiter der Virologie an der Berliner Charité und Deutschlands bekanntester Corona-Erklärer © Jacobia Dahm für ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Wie beurteilen Sie, wie Deutschland den Beginn dieses Ausbruchs bewältigt hat?

Drosten: Ich glaube, dass Deutschland seinen Ausbruch sehr früh erkannt hat. Wir sind zwei oder drei Wochen früher dran als ein paar Nachbarländer. Das haben wir geschafft, weil wir so viel Diagnostik machen, so viel testen. Sicher haben wir in dieser ersten Phase auch Fälle verpasst, das ist immer so. Aber ich glaube nicht, dass wir ein größeres Ausbruchsgeschehen übersehen haben. Für diese These spricht auch, dass wir die Fälle in Deutschland erwartungsgemäß ansteigen sehen. Aber wir sehen auch, dass wir weniger Todesfälle haben als andere Länder. Man könnte also denken, dass wir nicht allzu weit entfernt von der Gesamtheit der Fälle sind. Wir sehen sicherlich längst nicht alle Fälle, aber im Verhältnis mehr als andere Länder, die weniger testen.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel Italien?

Drosten: In Italien wird wohl vor allem getestet, wer ins Krankenhaus aufgenommen wird. Weil die Leute dort wissen, dass es sowieso nicht genug Tests gibt, bleiben sie auch bei Symptomen erst mal zu Hause, und wenn sie dann schlechter werden, gehen sie direkt ins Krankenhaus. Dort kommen sie dann schon mit Atemnot an und müssen eigentlich schon auf die Intensivstation. Und zu diesem Zeitpunkt werden sie dann zum ersten Mal getestet. Deshalb ist auch das Durchschnittsalter der erfassten Fälle in Italien viel höher als bei uns. Ich gehe davon aus, dass sehr viele jüngere Italiener infiziert sind oder schon waren, ohne je erfasst worden zu sein. Das erklärt auch die vermeintlich höhere Sterblichkeit durch das Virus dort.

Corona-Krise - "Wir fahren das öffentliche Leben nahezu vollständig herunter" Bayern verhängt landesweite Ausgangsbeschränkungen zur Eindämmung des Coronavirus. Diese gelten ab Freitagnacht für vorläufig zwei Wochen, sagte Ministerpräsident Söder. © Foto: Reuters TV

ZEIT ONLINE: Wie lange kommen wir hierzulande mit dem Testen noch hinterher?

Drosten: Irgendwann wird das nicht mehr möglich sein. Wir können einfach nicht so schnell die Testkapazitäten erhöhen, wie die Zahl der Fälle steigt. Dann kommen zwei Dinge zusammen: Manche von denen, die jetzt schon krank sind, werden an Covid-19 sterben. Und weil wir nicht mehr alle testen können, werden wir auch nicht mehr alle in der Statistik haben. Dann wird unsere Fallsterblichkeit auch steigen. Es wird so aussehen, als wäre das Virus gefährlicher geworden, aber das ist ein statistisches Artefakt, eine Verzerrung. Sie zeigt, was jetzt schon beginnt: Wir verpassen immer mehr Infektionen.

ZEIT ONLINE: Was kann man dagegen tun?

Drosten: Man muss Abkürzungen nehmen. Wenn eine Person im Haushalt positiv getestet wurde, könnten wir den ganzen Haushalt als positiv definieren – auch ohne Test. Weil man einfach weiß, dass es so eintreten wird: Ist ein Familienmitglied infiziert, steckt es alle anderen an. Sagt man gleich, die sind alle positiv, spart man sich viel Testaufkommen. Stellen Sie sich vor, Sie sind infiziert, und am nächsten Tag muss sich Ihre Frau dann in die Schlange stellen. Und dann schlägt der Test vielleicht noch nicht an und sie muss noch mal kommen. Das ergibt doch keinen Sinn. Da ist es besser, dass die ganze Familie direkt in Heimisolierung bleibt. In den Niederlanden wird dieser Weg schon gegangen und ich werde das jetzt auch in Gesprächen mit Gesundheitsämtern in Deutschland vorschlagen.

ZEIT ONLINE: Welche Möglichkeiten gibt es noch?

Drosten: Man wird irgendwann Verdachtsfälle nur anhand von Symptomen melden und sich dann auch in den Statistiken mehr daran orientieren. Gleichzeitig wird man die Tests, die man hat, auf Risikogruppen fokussieren müssen. Wenn eine ansonsten gesunde Studierende in ihrer Quarantäne auf dem Sofa Netflix guckt, muss ich als Hausarzt nicht wissen, ob sie positiv ist oder nicht. Die soll da einfach sitzen und wieder gesund werden. Aber wenn mein Patient von 70 Jahren krank wird und zu Hause isoliert ist, dann würde ich ihn gern testen, um dann alle zwei Tage anzurufen und zu fragen, wie es mit der Luft ist. Damit er früh genug ins Krankenhaus eingeliefert werden kann und nicht schon mit verklebter Lunge in die Ambulanz kommt, von wo er dann direkt auf die Intensivstation muss.

ZEIT ONLINE: Werden wir bald Tests haben, die schneller sind als die jetzigen?

Drosten: Einige sind schon kommerziell verfügbar, das sind meist solche, die Antikörper nachweisen. Sie haben wahrscheinlich eine sehr variable Qualität. Und sie schlagen erst nach zehn Tagen an, denn erst dann haben die Patienten Antikörper gebildet. In den ersten zehn Tagen sind diese Tests sozusagen blind. Da wird man warten müssen, bis Antigentests entwickelt sind, die direkt ein Virusprotein nachweisen. Das kann man sich vom Format her vorstellen wie einen Schwangerschaftstest – und so schnell wird auch die Auswertung gehen. Wenn die Tests gut anschlagen, dann können sie die aktuellen komplett ersetzen. Dann sind die Warteschlangen weg. Ich hoffe, dass es vielleicht im Mai so weit sein könnte.