Am Ende sind wir alle Risikogruppe – Seite 1

Die Pandemiewelle hat begonnen. In den kommenden Wochen werden sich auch in Deutschland weitere Tausende Menschen mit dem neuen Coronavirus Sars-CoV-2 anstecken. Selbst wenn Maßnahmen wie das Verbot öffentlicher Veranstaltungen und Verhaltensänderungen wirken und es gelingt, den Höhepunkt des Ausbruchs hinauszuzögern: Es wird weitere Todesfälle durch das Virus geben. Nun geht es darum, all jene zu schützen, die besonders gefährdet sind: Vor allem ältere Menschen, aber auch solche jeden Alters, die chronische Erkrankungen haben, deren Immunsystem geschwächt ist und die nun mehr denn je unsere Unterstützung brauchen. Und jeder kann dabei helfen.

Es lässt sich nicht oft genug wiederholen: Je älter die Menschen, desto wahrscheinlicher endet eine Infektion mit Sars-CoV-2 auch tödlich. Das ließen schon im Januar erste kleinere Studien vermuten. Nun bestätigt sich dieser Befund immer eindringlicher. Zuletzt belegte das eine Expertengruppe der Weltgesundheitsorganisation WHO, als sie neun Tage lang in China unterwegs war und die Daten von beinahe 56.000 Infizierten auswertete, die in chinesischen Krankenhäusern behandelt worden waren (PDF: Joint Mission Report Covid-19, 2020). Nach diesen Daten starben etwa 22 Prozent der über 80-jährigen Infizierten an Covid-19. Das ist mehr als jeder Fünfte. 

Zum Vergleich: Insgesamt lag die Fallsterblichkeit, also der Anteil der Menschen, die an der Infektion starben, in dieser Untersuchung bei knapp vier Prozent. In Wahrheit dürfte sie noch deutlich darunterliegen, da viele Infektionen so milde verlaufen, dass die Betroffenen nicht im Krankenhaus behandelt werden mussten oder gar nicht erst auffielen, weil sie sich nicht in medizinische Behandlung begeben haben.

In einer anderen großen Studie mit fast 45.000 Patienten aus China starben etwa 15 Prozent der Patientinnen und Patienten, die mindestens 80 Jahre alt waren (CDC Weekly: CPERE Novel, 2020). Unter den 70- bis 79-Jährigen erlag jeder Zwölfte, also acht Prozent, der Krankheit, bei den 60- bis 69-Jährigen waren es 3,6 Prozent. Das zeigt: Ab 50 bis 60 Jahren steigt das Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf deutlich. Ohne eine spezifische Therapie und einen Impfstoff benötigen diese Menschen einen Platz auf einer Intensivstation, ein Beatmungsgerät und den Kreislauf stabilisierende Mittel. Und diese Plätze drohen knapp zu werden.

Natürlich kann es auch milde Verläufe einer Covid-19-Erkrankung für Menschen im hohen Alter geben. Doch sie sind unwahrscheinlicher, weil mit den Jahren die körpereigene Abwehr weniger gut funktioniert, Forscher sprechen von Immunseneszenz. "Bei Älteren kann es passieren, dass ihr Körper deswegen verspätet auf das Virus reagiert – der Erreger kann sich mehr ausbreiten als bei Jüngeren", sagt der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. Das könne in vielen Fällen sogar dafür sorgen, dass das Immunsystem später überreagiert und nicht nur Krankheitserreger angreift, sondern auch eigene Körperzellen. "So eine Reaktion ist eine der Ursachen, warum es vielen alten Menschen mit Covid-19 so schlecht geht."

Aber auch Grunderkrankungen können dazu führen, dass das Virus sich im Körper festsetzen und dessen Verteidigungslinien überwinden kann. Und das betrifft im Prinzip Menschen jeden Alters, die vor allem Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Bluthochdruck haben. Das erhöht das Risiko für eine schwere Covid-19-Infektion, wie Forschende aus China im Magazin The Lancet schreiben (Zhou et al., 2020). "Vorerkrankungen vermindern die Leistungsfähigkeit des Körpers. Das Immunsystem hat es schwerer, sich gegen die Erreger zu wehren", sagt Schmidt-Chanasit. Das betreffe erkrankte Menschen zwar unabhängig von ihrem Alter. Doch Ältere seien davon besonders betroffen, weil sie häufiger nicht nur eine Vorerkrankung haben, sondern mehrere.

Das Robert Koch-Institut nennt außerdem Personen mit chronischen Erkrankungen der Leber und der Lunge, Menschen, die an Krebs leiden oder eine Immunschwäche haben sowie Raucherinnen und Raucher. Covid-19 ist eine Lungenerkrankung, deshalb kann alles, was die Atemwege belastet oder ihnen direkt schadet, zum Problem werden. Dazu gehören natürlich Zigaretten, aber mitunter auch Verdampfer. Das Rauchen könnte zumindest in China eine Ursache dafür sein, dass Männer häufiger an der Infektion sterben als Frauen. Denn dort ist Rauchen eher Männersache. Ob sich diese Annahme bestätigt, müssen weitere Daten zeigen.

Die einzige Schutzmöglichkeit: auf Distanz gehen

Im besonders schwer von Sars-CoV-2 betroffenen Italien liegt das Alter von mehr als drei Viertel der gemeldeten Patientinnen und Patienten bei über 50 Jahren, ungefähr 40 Prozent sind älter als 70. Das könnte einer der Gründe sein, warum dort aktuell viele Menschen mit Sars-CoV-2 sterben. Derzeit sind mehr als 1.000 Tote gemeldet. Hier wissen wir auch: Die Intensivstationen der Krankenhäuser gerade in der Lombardei sind derzeit überlastet. Und das, obwohl die Kliniken in der Region um Mailand zu den am besten organisierten des Landes gehören, wie Italiens bekanntester Virologe Roberto Burioni im Interview mit ZEIT ONLINE erklärt. "Wenn die Epidemie sich nun auch in anderen, strukturschwächeren Regionen ausbreitet, könnte alles noch schlimmer werden", sagt Burioni.

In solch einer Situation können mehr Menschen sterben, die unter normalen Umständen überleben würden (The Lancet: Ji et al., 2020). Zum Beispiel, wenn für Patienten mit einer schweren Herzerkrankung oder Nierenproblemen keine Intensivbetten mehr frei sind und sie deshalb wichtige Therapien gar nicht oder verspätet bekommen. Nach Angaben der Deutschen Krankenhausgesellschaft gibt es von solchen Betten rund 28.000 in Deutschland, und im Winter sind sie trotz Grippemitteln, Antibiotika und Impfungen oft von Patientinnen mit Influenza oder bakteriellen Infektionen belegt. "Deutschland ist zum Glück noch weit weg von einer Situation wie in Italien", sagt Clemens Wendtner, Chefarzt an der München Klinik Schwabing. Das Wichtigste sei jetzt, den Ausbruch so zu verlangsamen, dass möglichst wenig Corona-Erkrankte auf einmal medizinisch versorgt und beatmet werden müssen.

Die einzige Möglichkeit, das zu schaffen, haben nun auch die Bundesregierung und die Kanzlerin empfohlen: Soziale Kontakte reduzieren, wo es nur geht. Für dieses Social Distancing werben Wissenschaftler und Politikerinnen seit Wochen. Denn wichtig bleibt: Es sollten sich derzeit so wenige Menschen wie möglich mit Sars-CoV-2 anstecken, um Zeit zu gewinnen. Tage und Wochen, die helfen können, Kliniken, Pfleger und Ärztinnen zu entlasten. Nur wenn jede und jeder Kontakte meidet, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass vor allem unentdeckte Infizierte mit nur leichten Symptomen all jene Personen anstecken, die schwer an Covid-19 erkranken könnten.

Gelingt dies nicht, könnte es schwierig werden: "Mehr Viren werden dann unerkannt in Krankenhäuser getragen, Personal – das sowieso schon knapp ist – und weitere Patienten stecken sich an und es entstehen chaotische Zustände", sagt Jonas Schmidt-Chanasit. Solche Situationen, in denen der Krankenhausbetrieb gestört ist, würden dem Hamburger Virologen zufolge auch Patientinnen und Patienten schaden, die eigentlich nichts mit dem Coronavirus zu tun haben.

Die jungen Gesunden müssen Alte und Kranke schützen

Zwar kann sich auch eine kerngesunde 26-jährige Studentin mit dem neuen Coronavirus anstecken. Die Infektion kann bei ihr schwer verlaufen, und es ist nicht ausgeschlossen, dass sie an der neuen Covid-19-Lungenentzündung stirbt. Nur ist das nicht wahrscheinlich. Denn bei den meisten jungen Menschen verläuft eine Infektion mit Sars-CoV-2 mild. Das bedeutet, eine Erkrankung lässt sich zu Hause auskurieren, vielleicht mit etwas Fieber und Husten oder ähnlichen Symptomen. Von den knapp 45.000 Infizierten aus der zweiten großen Studie aus China, ist nur eine einzige Person aufgeführt, die Alter zwischen zehn und 19 Jahren war und starb, unter den Patienten zwischen 20 und 29 Jahren waren es sieben.

Aus diesem Grund spielen junge Erwachsene, Kinder und Schwangere im aktuellen Ausbruch von Sars-CoV-2 vor allem die Rolle der Überträgerinnen und Überträger. Sie bringen das Virus zu den Alten und Kranken, etwa beim sonntäglichen Familientreffen, auf dem Schützenfest, im voll besetzten Theater oder wenn Oma und Opa nachmittags für ein paar Stunden auf die Kleinen aufpassen.

Für die meisten können die Symptome von Covid-19 so harmlos wirken, dass ihnen unter normalen Umständen kaum bewusst sein dürfte, dass sie eine Gefahr für andere sind: Etwa 88 Prozent der Krankenhauspatienten aus der WHO-Studie hatten Fieber, rund zwei Drittel trockenen Husten. Etwas seltener waren Symptome wie Kopfschmerzen, eine verstopfte Nase oder noch seltener Durchfall. Wirklich gefährlich wurde das Virus weniger als einem Fünftel der Infizierten. Schwere Verläufe mit Atemnot erlebten knapp 14 Prozent und kritisch verliefen etwa sechs Prozent der Fälle. Das heißt, Erkrankte mussten künstlich beatmet werden.

Die guten Nachrichten: Kinder und Schwangere erkranken selten

Ähnlich sieht die Situation in Deutschland aus, wo das Robert Koch-Institut zu 737 der mittlerweile mehr als 2.000 Fälle genauere medizinische Daten veröffentlicht hat. Nur bei zwölf von ihnen, also 1,6 Prozent, wurde eine Lungenentzündung diagnostiziert. Die meisten Infizierten litten unter Husten, Fieber oder Schnupfen (PDF: Täglicher Lagebericht des RKI vom 11. März 2020). 

Das Besondere an Kindern und Schwangeren

Es gibt auch gute Nachrichten: Kinder erkranken vergleichsweise selten an Covid-19, obwohl sie sich genauso infizieren können wie Erwachsene. Das zumindest legt eine noch ohne wissenschaftliches Gutachten veröffentlichte Studie nahe, in der Forschende Symptome und Krankheitsverläufe von rund 400 Infizierten und deren Angehörigen analysiert haben (medRxiv: Bi et al., 2020). Darin zeigte sich, dass sich Kinder fast ebenso oft bei einem erkrankten Familienmitglied ansteckten wie Ältere. Und das, obwohl das Alter der allermeisten gemeldeten Covid-19-Infizierten deutlich höher liegt, zwischen 30 und 69 Jahren. Nur 2,4 Prozent der untersuchten Personen in der WHO-Übersichtsstudie waren 18 Jahre alt oder jünger.

"Das Immunsystem von Kindern reagiert etwas anders als das von Erwachsenen", sagt der Virologe Schmidt-Chanasit. Dass Krankheiten bei Erwachsenen deutlich schwerer verliefen, kenne man etwa von den Windpocken. Woran das im Fall von Sars-CoV-2 liegt, dazu gebe es noch keine ausreichenden Daten – nur Vermutungen: "Zum Beispiel könnte es sein, dass die Bindungsstellen, die das Virus nutzt, um in die menschliche Zelle einzudringen, weniger stark ausgebildet sind als bei Älteren." Viren könnten dadurch schwieriger in die Zellen gelangen, um Schaden anzurichten.

Soziale Kontakte reduzieren, wo es nur geht: Über "Social Distancing" müssen die jungen Gesunden die Alten und Kranken schützen.

Viele Kinder, die in der WHO-Übersichtsstudie untersucht wurden, hatten so milde Symptome, dass man ihre Infektion nur entdeckte, wenn jemand aus der Familie krank war und anschließend routinemäßig alle Personen im Umfeld getestet wurden. "Kinder sind Überträger des Virus, auch wenn sie in den Statistiken kaum auffallen", sagt Wendtner. Er hat bereits mehrere Covid-19-Erkrankte behandelt. Darunter eine Familie, in der ein 12-jähriges Kind mit großer Wahrscheinlichkeit seine Familienmitglieder infiziert hat. "Auch in diesem Fall hatte das Kind nur milde Symptome", sagt Wendtner. Es bestehe also die Gefahr, dass Kinder – obwohl das bisher nur selten beobachtet wurde – das Virus aus dem Kindergarten oder der Schule in die Familie bringen.

Eine weitere Gruppe, die vor anderen Erregern normalerweise besonders geschützt werden muss, sind Schwangere. Für viele Infektionskrankheiten gelten sie als Risikogruppe, weil ihr Immunsystem anfälliger ist für Infektionen. Aus diesem Grund wird speziell ihnen geraten, sich gegen die Grippe impfen zu lassen. Was sie aber sonst besonders verwundbar macht, könnte im Fall des neuen Coronavirus ein Vorteil sein. "In der Schwangerschaft wird der Körper einer Frau quasi vollständig umprogrammiert", sagt Schmidt-Chanasit. "Die Hormonspiegel sind anders, das Immunsystem reagiert verändert." Das spiele möglicherweise eine Rolle dabei, warum Schwangere nach bisherigen Erkenntnissen oft weniger schwer von Covid-19 betroffen sind als von anderen Infektionen. Eine Studie an neun Schwangeren mit Covid-19 legte außerdem nahe, dass das Virus wahrscheinlich nicht an ihre Kinder weitergegeben wird – nicht beim Heranwachsen in der Gebärmutter und auch nicht über die Muttermilch (The Lancet: Chen et al., 2020).

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