ZEIT ONLINE: Herr Butter, Sie sind Deutschlands führender Experte für Verschwörungstheorien. Da dürften Ihnen die letzten Wochen der Corona-Krise viel neues Forschungsmaterial präsentiert haben. Oder?
Michael Butter: Sie werden überrascht sein: So viel Neues gibt es gar nicht. Richtig ist, dass in Zeiten der Unsicherheit – und welche Zeiten können unsicherer sein als die jetzigen? – Verschwörungstheorien besonders gut gedeihen. Deshalb kursieren auch unzählige davon zur Corona-Krise im Netz. Andererseits greifen diejenigen Leute, welche diese jetzt in Umlauf bringen, auf bekannte Muster zurück.
ZEIT ONLINE: Inwiefern?
Butter: Wer die USA für alles Schlechte verantwortlich macht, für den haben natürlich die Amerikaner das Virus in die Welt gesetzt. Wer meint, dass China langfristig die Weltherrschaft übernehmen will und rassistische Vorurteile gegenüber Asiatinnen und Asiaten hegt, der findet es völlig logisch, dass das Virus eine chinesische Biowaffe ist. Egal, ob der Feind die Pharmaindustrie, das internationale Finanzkapital oder der Staat ist, der Hysterie erzeugt, um seine Macht auszubauen: Das Coronavirus dient als neues Klötzchen eines bestehenden Baukastens.
ZEIT ONLINE: Das sind die klassischen Verdächtigen. Hinzu kommen jetzt Experten, die behaupten, die Pandemie sei nichts anderes als eine Grippe, die Maßnahmen deshalb völlig überzogen. Viel Wirbel macht mit solchen Thesen im Netz etwa der Arzt und ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Wodarg.
Butter: Für eine Verschwörungstheorie typisch ist, dass bei der Präsentation solcher Argumentationen Gegenmeinungen etablierter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weggelassen beziehungsweise als abwegig hingestellt werden. Dennoch handelt es sich für mich noch nicht um eine Verschwörungstheorie, sondern um eine problematische wissenschaftliche Meinung.
ZEIT ONLINE: Die zu äußern legitim ist.
Butter: Für sich allein ja. Problematisch wird es, wenn diese Positionen von einschlägigen Plattformen wie Rubikon, KenFM oder auch von dem aus Russland gesteuerten Sender Russia Today aufgegriffen und ins eigene Narrativ eingebaut werden.
ZEIT ONLINE: Was fehlt zur richtigen Verschwörungstheorie in dem Fall?
Butter: Die Behauptung, dass die angebliche Hysterie bewusst geschürt wird, etwa von der Regierung. Etwa in dem Fall von Wodarg, dass die wissenschaftlichen Fakten gezielt verdreht werden, um ein größeres Ziel zu erreichen. Fast jeder zweite Artikel auf den einschlägigen Seiten kommt am Ende immer zu der entscheidenden Frage: Wer steckt dahinter? Wem nützt die Corona-Krise? Es geht immer darum, die eigentlichen Drahtzieher zu identifizieren.
ZEIT ONLINE: Diese Krise zeichnet sich ja gerade durch ein hohes Maß an Unvorhersehbarkeit aus. Da kursieren Falschnachrichten zu angeblichen Ausgangssperren, die zu dem Zeitpunkt nicht stimmen, aber Tage oder Wochen später eben doch in Kraft treten. Wie kommunizieren Behörden in diesen unsicheren Zeiten richtig, um gegen Verschwörungstheorien vorzugehen, aber gleichzeitig klarzumachen, dass sich die Faktenlage ständig ändert?
Butter: Indem sie diese Unsicherheit offen kommunizieren und nicht vorgaukeln, es sei klar, wie es weitergeht. Und indem Politiker den Eindruck vermeiden, dass es ihnen vor allem darum geht, sich selbst zu profilieren.
ZEIT ONLINE: Ist also derjenige, der alternative oder abwegige Fakten als die wahre Wissenschaft präsentiert, mitverantwortlich für die Verschwörungstheorie oder nicht?
Butter: In der Corona-Krise geht es letztlich um Leben und Tod. Das sollte jeder bedenken, der mit großer Reichweite umstrittene Positionen vertritt. Für mich ist aber erst dann eine Grenze überschritten, wenn man selbst dazu beiträgt, Verschwörungstheorien zu verbreiten.
ZEIT ONLINE: Herr Butter, Sie sind Deutschlands führender Experte für Verschwörungstheorien. Da dürften Ihnen die letzten Wochen der Corona-Krise viel neues Forschungsmaterial präsentiert haben. Oder?
Michael Butter: Sie werden überrascht sein: So viel Neues gibt es gar nicht. Richtig ist, dass in Zeiten der Unsicherheit – und welche Zeiten können unsicherer sein als die jetzigen? – Verschwörungstheorien besonders gut gedeihen. Deshalb kursieren auch unzählige davon zur Corona-Krise im Netz. Andererseits greifen diejenigen Leute, welche diese jetzt in Umlauf bringen, auf bekannte Muster zurück.