Ibuprofen und der vermeintlich ewige Ausnahmezustand – Seite 1

An diesem Dienstag sorgten gleich zwei Meldungen für Verwirrung und Verunsicherung: Während einer Pressekonferenz warnte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) davor, dass Menschen, die sich mit dem neuartigen Coronavirus angesteckt haben könnten, besser auf das beliebte Schmerzmittel Ibuprofen verzichten sollten. Erst wenn sie es mit ihrem Arzt abgeklärt hätten, wäre eine Einnahme in Ordnung. Und einige Stunden zuvor hatte Lothar Wieler, der Präsident des Robert Koch-Instituts angekündigt, man gehe davon aus, dass es zwei Jahre lang dauern könnte, bis die Corona-Pandemie einmal um die Welt gegangen sei. Beide Nachrichten haben nichts direkt miteinander gemein, außer dass sie im ersten Moment alarmierend klingen: Ibuprofen, das viele zu Hause haben, ist eine Gefahr für die Gesundheit? Und dieser Ausnahmezustand könnte nun zwei Jahre dauern?

So verkürzt dargestellt ist die Sorge gut verständlich. Fangen wir mit Ibuprofen an.

Tatsächlich riet der WHO-Sprecher Christian Lindmeier dazu, bei Verdacht auf eine Sars-CoV-2-Infektion Paracetamol statt Ibuprofen zu nehmen. Allerdings als reine Vorsichtsmaßnahme. Zuvor hatten viele Menschen Falschnachrichten zu Ibuprofen und dem neuen Coronavirus unter anderem als Sprachnachricht über WhatsApp erhalten. Am Wochenende hatte zudem Frankreichs Gesundheitsminister Olivier Véran auf Twitter gewarnt, entzündungshemmenden Medikamente wie Ibuprofen könnten die Symptome der Lungenkrankheit Covid-19 verschlimmern. Stattdessen riet Véran dazu, lieber Paracetamol zu nehmen. So pauschal ist dies allerdings nicht richtig.

Es fehlen schlichtweg stichhaltige Beweise. Véran und andere können sich derzeit lediglich auf einen eher spekulativen Beitrag der Fachzeitschrift The Lancet Respiratory Medicine stützen. Darin weisen drei Experten auf eine mögliche negative Wirkung hin (Fang et al., 2020). So könnten schmerzlindernde und entzündungshemmende Medikamente – wie unter anderem Ibuprofen – bei Diabetikern und Menschen mit Bluthochdruck ein besonderes Risiko auslösen, sich mit Sars-CoV-2 anzustecken. Konkret würde die Einnahme dazu führen, dass sich bestimmte Rezeptoren an Körperzellen vermehren, die es dem neuen Coronavirus erleichtern, in die Zelle einzudringen und sie zu übernehmen. Eine schnellere Infektion und ein eventuell schwerer Verlauf der Covid-19-Erkrankung könnten dann folgen. Belegt ist dies allerdings nur anhand dreier Beobachtungsstudien, es fehlt sogar eine simple experimentelle Überprüfung dieser Annahme aus dem Labor. Deshalb ist die Lancet-Arbeit so schwach in ihrer Aussagekraft.

Corona-Pandemie - Europäische Union schließt Außengrenzen für 30 Tage Die EU werde "vor keinen Maßnahmen zurückschrecken", um das Virus zu bekämpfen, sagte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Auch die Wirtschaft werde geschützt. © Foto: Johanna Geron/Reuters Pictures

Aussagen, die nun Paracetamol verknappen

Und tatsächlich ist die Sachlage noch leicht komplexer. In der Debatte um Ibuprofen geht es nämlich vorrangig um die Frage, ob das Mittel Menschen mit Fieber helfen kann. Ärztinnen und Ärzte wissen bereits, dass Personen mit Herz- oder Nierenerkrankungen und Ältere Ibuprofen nicht immer gut vertragen. Um Fieber zu senken, weichen sie schon jetzt auf Paracetamol aus. Zudem geben Mediziner Ibuprofen und ähnlich wirkende Arzneien ohnehin erst bei höchstem Fieber ab etwa 39.5 Grad Celsius und wenn der Kreislauf eines Patienten schwächer wird und droht, zusammenzubrechen. Darüber tauschen sich Ärztinnen und Ärzte unter anderem auf dem Portal Amboss aus, das für viele Mediziner ein Nachschlagewerk in Studium und Klinikalltag ist. Eine erhöhte Temperatur ist zwar auch eines der häufigeren Symptome bei einer Infektion mit dem neuen Coronavirus. Oftmals verläuft die Krankheit aber mild, sodass es vermutlich gar nicht nötig ist, den an Covid-19 Erkrankten überhaupt Ibuprofen zu geben. 

Noch lässt sich längst nicht alles über Sars-CoV-2 und seine Eigenschaften sagen. Deshalb ist die WHO-Einschätzung zur Vorsicht bei Ibuprofen auch verständlich. Das bedeutet aber nicht, dass Menschen, die das Mittel aus den unterschiedlichsten Gründen verschrieben bekommen haben, es nun ohne Absprache mit einem Arzt absetzen sollten. Das könnte ihnen im Zweifel mehr schaden als nutzen.

Leider hatten die verwirrenden Ibuprofen-Meldungen der vergangenen Tage auch schon unangenehme Nebeneffekte. Paracetamol ist nachgefragter als sonst in vielen Apotheken. Dabei benötigen viele dieses Medikament gar nicht. In Frankreich beispielsweise dürfen Menschen mittlerweile nicht mehr als eine Packung kaufen. Viele hatten wohl die Aussage des Gesundheitsministers so verstanden, sich nun mit Paracetamol einzudecken.

Der Ausnahmezustand wird sich verändern, aber wohl erst mal bleiben

Die andere beunruhigende Nachricht des Tages stammt von einer Aussage des RKI-Präsidenten Lothar Wieler. Doch auch hier gilt: Dass die Pandemie durch das neuartige Coronavirus noch zwei Jahre lang dauern könnte, muss im richtigen Kontext verstanden werden. Einige Experten und Expertinnen gehen schon länger davon aus, dass sich 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung mit dem neuartigen Coronavirus anstecken könnten. Und dies hoffentlich nicht in den nächsten Tagen oder Wochen, da sonst Kliniken irgendwann mehr schwerkranke Covid-19-Patienten versorgen müssten als möglich. Je weniger Menschen sich in diesen Tagen anstecken, desto besser. Nur so lässt sich sicherstellen: Wer erkrankt ist, kann auch behandelt werden. Es gibt nur eine begrenzte Anzahl an Intensivplätzen und Beatmungsgeräten, die bei extremen Krankheitsverläufen nötig werden.

Mittlerweile ist die Pandemie aber auch so weit vorangeschritten, dass es unwahrscheinlich ist, dass das Virus auf absehbare Zeit einfach wieder verschwinden wird. Momentan gehen Epidemiologinnen und Virologen eher davon aus, dass das Virus auch in den kommenden warmen Monaten aktiv sein wird und im Winter noch einmal etwas stärker. Eine Eindämmung ist nicht mehr möglich, aber ein Abbremsen der Ausbreitung. Deshalb gibt es europaweit und in vielen Ländern außerhalb des Kontinents auch drastische Maßnahmen, um Menschen auf Abstand zueinander zu halten.

Bald werden auch viele Menschen immun sein

RKI-Chef Wieler wies auch darauf hin, dass der Zeitraum einer Pandemie unter anderem davon abhänge, wie schnell ein Impfstoff zur Verfügung stünde: Je schneller, desto besser ließe sich die Pandemie eindämmen. Momentan gehen aber die meisten Expertinnen und Experten davon aus, dass ein Impfstoff erst Anfang kommenden Jahres bereit sein könnte. Dies dauert, weil eine Vakzine sicher und ohne große Nebenwirkungen sein muss, ehe sie in der breiten Bevölkerung eingesetzt werden kann. Und die klinischen Tests dafür lassen sich kaum verkürzen. Manche Auflagen richten sich aber nach der Dringlichkeit. So wird ein Impfstoff gegen Sars-CoV-2 auch schneller und unbürokratischer geprüft werden als andere Mittel. Allein schon, weil er so dringend benötigt wird.

Auf die Frage, inwieweit die vielen Einschränkungen des alltäglichen Lebens in den kommenden zwei Jahren bestehen bleiben, sagte Wieler, dass man die ergriffenen Maßnahmen je nach Situation neu anpassen müsse. Im Extremfall könne es aber schon sein, dass viele der verhängten Einschränkungen der Staaten zwei Jahre lang in Kraft bleiben müssten. Allerdings bedeutet das nicht, dass es so strikt bleibt wie jetzt und in den kommenden Wochen. Auch die Zahl derjenigen, die eine Infektion und Covid-19-Erkrankung überstanden haben, steigt kontinuierlich an. Bald werden sehr viele Menschen vorerst immun gegen das neue Virus sein.

Diese Menschen können dann wieder einem Alltag nachgehen, der vielleicht nicht so aussieht wie noch vor wenigen Tagen. Langsam werden viele wieder ihre Arbeit aufnehmen können und vielleicht werden sie gebraucht, um anderen zu helfen. Denn sie werden nicht mehr wie jetzt zu Hause bleiben müssen, um sich und den Rest zu schützen.