Es ist das Produkt der Stunde. Wer in diesen Tagen Desinfektionsmittel kaufen will, findet möglicherweise leere Regale vor in Drogerien, Supermärkten oder Apotheken. Die Ausbreitung des neuen Coronavirus Sars-CoV-2 verleitet Menschen sogar, desinfizierende Mittel aus Krankenhäusern zu stehlen. Dort, wo sie jetzt unbedingt gebraucht werden. Online werden die Bakterien- und Virenvernichter längst zu absurd hohen Preisen angeboten. Und in einigen, besonders vom Ausbruch betroffenen Regionen der Welt versprüht Reinigungspersonal die Mittel sogar in den Straßen. Inzwischen gibt es eine Reihe von Anleitungen, um selbst solche Mittel herzustellen. Der texanische Spirituosenhersteller Tito's sah sich sogar gezwungen, via Twitter von der Verwendung seines Wodkas als Alkoholzusatz in selbst gemachten Händedesinfektionsmitteln abzuraten: Der Alkoholanteil entspreche "nicht den derzeitigen Empfehlungen der amerikanischen Zentren für Seuchenkontrolle und -prävention (CDC)".

Aus medizinischer Sicht gibt es tatsächlich gute Gründe für die Popularität der Fläschchen, Sprays und Gels. Eine Forschungsgruppe der Universitäten in Greifswald und Bochum hat gezeigt, dass Coronaviren (von denen es viele unterschiedliche neben dem pandemischen Sars-CoV-2 gibt) für mehrere Tage an Oberflächen haften können. So können sie auch noch infektiös sein – lassen sich aber von dort leicht mit Desinfektionsmittel entfernen (Journal of Hospital Infection: Kampf et al., 2020). Vor allem Desinfektionsmittel mit einem Alkoholanteil zwischen 62 und 71 Prozent können Hände und Gegenstände von Sars-CoV-2-Viren befreien und somit verhindern, dass Erreger über Tröpfchen aus Nase und Mund auf Oberflächen, dann auf Hände und von dort in den nächsten Organismus übertragen werden. Vorausgesetzt, man verwendet das richtige – und weiß, wann sein Einsatz sinnvoll ist.

Mindestens "begrenzt viruzid"

Abhängig davon, wo und gegen was sie wirken sollen, unterscheiden sich die verschiedenen Arten von Desinfektionsmitteln. Manche sind für die Hände, andere ausschließlich für trockene Oberflächen gedacht. Wieder andere wirken aufgrund ihrer Zusammensetzung nur gegen Pilze oder Bakterien. Sie haben die Bezeichnungen "fungizid" beziehungsweise "bakterizid". Wer sich aber vor dem neuen Coronavirus schützen will, muss darauf achten, dass das Desinfektionsmittel zumindest als "begrenzt viruzid" ausgeschrieben ist. Denn für unbehüllte Viren sind andere Mittel nötig als für behüllte wie das neue Coronavirus.

Die winzigen Krankheitserreger haben einen einfachen Aufbau – sie bestehen im Wesentlichen aus einer Proteinhülle, dem sogenannten Kapsid, und dem Erbgut, anhand dessen in der Wirtszelle Virenreplikate hergestellt werden, die später weitere Zellen befallen sollen. Sars-CoV-2 hat außer einer Proteinhülle noch eine Lipidhülle, die anfällig ist, nicht nur für Desinfektionsmittel – sondern vor allem für handelsübliche Seife. Gegen einige unbehüllte Viren wie Hepatitis-A- oder -E-, Noro- und Rotaviren ist dagegen voll viruzides Desinfektionsmittel nötig. Viele dieser Mittel enthalten Alkohol in unterschiedlichen Formen und Konzentrationen – zum Beispiel Ethanol, Isopropanol oder Benzylalkohol –, der die Proteinhülle und das Erbgut der Viren irreversibel schädigt und sie so unschädlich macht.

Doch nicht immer ist es unbedingt nötig, Desinfektionsmittel einzusetzen. Wo und in welchem Ausmaß, hängt unter anderem davon ab, wie wahrscheinlich es ist, dass jemand sich darüber infiziert, und wie lange das neue Coronavirus auf verschiedenen Oberflächen überleben kann. Eine von den Medien viel zitierte Zahl dazu kommt aus der Studie der Universitäten aus Bochum und Greifswald (Journal of Hospital Infection: Kampf et al., 2020): Mindestens zwei Stunden und bis zu neun Tage lang können Humanviren der Corona-Familie auf Metall, Plastik oder Glas überleben. Die Forschenden hatten dabei allerdings nicht das neue Coronavirus Sars-CoV-2 untersucht, sondern Verwandte aus der gleichen Virusfamilie, etwa die Viren, die Sars- und Mers-Epidemien ausgelöst hatten. In einer Studie aus den USA, die bisher ohne wissenschaftliches Gutachten veröffentlicht wurde, wurde das speziell noch einmal für das neuartige Virus Sars-CoV-2 untersucht. Die Forschenden kamen zu einem deutlich niedrigeren Ergebnis: Auf Kunststoff und Stahl könne das Virus zwei bis drei Tage überleben, in der Luft einige Stunden (medRxiv: van Doremalen et al., 2020). Als gesichert gelten diese Daten allerdings erst, wenn die Studie von Expertinnen und Experten auf diesem Fachgebiet gründlich überprüft wurde.

Privat alles zu desinfizieren, ist nicht sinnvoll

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hält es aus diesem Grund zwar für denkbar, dass sich die neuen Coronaviren per Schmierinfektion übertragen lassen, wenn die Viren also über Hände auf die Schleimhäute in Mund und Nase gelangen. Den Privathaushalt deshalb regelmäßig zu desinfizieren, ist dem Institut zufolge dennoch nicht sinnvoll. "Im Allgemeinen sind humane Coronaviren nicht besonders stabil auf trockenen Oberflächen", heißt es auf der Institutswebsite. Es seien bisher keine Berichte über Infektionen durch Lebensmittel oder den Kontakt mit trockenen Oberflächen bekannt, die man durch Desinfizieren hätte verhindern können. Die Stabilität von Coronaviren in der Umwelt hängt dem BfR zufolge von vielen Faktoren ab, etwa Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Beschaffenheit der Oberfläche sowie vom speziellen Virusstamm und der Virusmenge. UV-Strahlung im Sonnenlicht zum Beispiel und Wärme machen das Virus instabil.