"Das ist für uns wie ein natürliches Großexperiment" – Seite 1

Zu Hause bleiben, die Familie nicht sehen und Zukunftssorgen in Zeiten von Corona: Die Psychologin Susanne Bücker von der Ruhr-Universität Bochum erforscht, was das mit unserer Seele macht. Im Interview erklärt sie die Risiken der Isolation – und was sie von einer Ausgangssperre hält.

ZEIT ONLINE: Frau Bücker, in welchen Lebensumständen erreichen wir Sie?

Susanne Bücker: Ich arbeite im Homeoffice. Bei uns an der Ruhr-Universität Bochum ist seit letzter Woche alles dicht.

ZEIT ONLINE: Können Sie gut allein arbeiten?

Bücker: Ich versuche, meinen Alltag so umzustrukturieren, dass ich auch noch etwas anderes mache, als den ganzen Tag vor dem Laptop zu sitzen. Zum Glück hat die Wohnung einen Balkon, sodass ich ab und zu frische Luft schnappen gehe.

ZEIT ONLINE: Leben Sie allein?

Bücker: Nein, mit meinem Partner zusammen, der allerdings noch regelmäßig seiner Arbeit nachgeht.

ZEIT ONLINE: Sie erforschen Einsamkeit und soziale Isolation. Das neue Coronavirus und der Aufruf zur sozialen Distanz schaffen vermutlich gerade hervorragende Versuchsbedingungen.

Bücker: Natürlich hat sich auch von uns niemand so eine Lage gewünscht. Aber tatsächlich ist das für uns nun wie ein natürliches Großexperiment. Auf einmal werden alle Personen dazu aufgefordert, Sozialkontakte zu vermeiden, was dem Menschen als sozialem Wesen eigentlich gar nicht liegt. Und damit eröffnen sich spannende Forschungsfragen.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

Bücker: Wie gehen unterschiedliche Menschen mit dieser Krisensituation um? Wer hält sich an die Vorgaben des Robert Koch-Instituts und wer nicht? Wer ist von Einsamkeit oder auch depressiven Gefühlen stärker betroffen, wer nicht? Wir versuchen jetzt, Daten dazu zu erheben.

Susanne Bücker ist Psychologin und forscht über Einsamkeit und soziale Isolation an der Ruhr-Universität Bochum. © Stefan Bücker

ZEIT ONLINE: Auf Facebook haben Sie zur Teilnahme an Ihrer Onlinestudie aufgerufen, die das Leben in Zeiten der Corona-Pandemie erforschen soll. Was fragen Sie die Leute darin?

Bücker: Uns geht darum, soziale und psychologische Veränderungen über die nächsten Tage, Wochen und vielleicht sogar Monate hinweg zu studieren. Konkret fragen wir Personen im Laufe der Zeit immer wieder, was sie am jeweiligen Tag gemacht haben, wie sie sich gefühlt haben, wie sie über ihr Leben nachgedacht haben, über Corona und mögliche Folgen. Später wollen wir die Daten mit dem aktuellen Tagesgeschehen in Verbindung bringen. Wir wissen zum Beispiel, dass Angela Merkel gerade diesen großen Fernsehauftritt hatte, und können später nachvollziehen, ob diese Rede im Erleben und Verhalten unserer Studienteilnehmenden eine Veränderung bewirkt hat.

ZEIT ONLINE: Einerseits geht gerade eine Welle der Solidarität durchs Land, auf der anderen Seite steht die Befürchtung, dass die soziale Einsamkeit verstärkt wird – und dass viele Menschen irgendwann auch wütend und mit Unverständnis reagieren könnten. Wie ist Ihre Arbeitshypothese, was die Studie angeht?

Bücker: Ich glaube, dass sich sehr bald entscheiden wird, was davon dominiert. Es kann sich in die Richtung entwickeln, dass die aktuelle Situation als Chance verstanden wird. Dass Menschen merken, wir sitzen alle im gleichen Boot. Es kann aber auch sein, dass Menschen zunehmend vereinsamen, weil sie eben nicht mehr zufrieden sind, weil ihre sozialen Beziehungen leiden. Es hängt sicherlich auch davon ab, wie lange diese Situation anhält. Ein zweiwöchiger Stillstand sozialer Aktivitäten wird sicher noch keine Einsamkeitskrise auslösen.

"Einsamkeit wird salonfähig, weil es derzeit alle betrifft"

ZEIT ONLINE: Allein sein heißt nicht gleich einsam sein. Wo liegt der Unterschied?

Bücker: In der Psychologie definieren wie Einsamkeit als die wahrgenommene Diskrepanz zwischen den gewünschten Beziehungen und den tatsächlich vorhandenen Beziehungen. Wenn man sich beispielsweise jemandem anvertrauen möchte, aber niemanden zum Reden hat. Wenn man gehört werden möchte, aber kein Gehör findet. Einsamkeit ist häufig von einer starken Traurigkeit geprägt. Das Alleinsein hingegen beschreibt eher den objektiven Zustand, das man buchstäblich keine Menschen um sich herum hat. Das kann von dem einen oder anderen auch als positiv erlebt und bewusst aufgesucht werden.

ZEIT ONLINE: In einer aktuellen Studie (Social Psychology and Personality Science: Buecker et al., 2020) – vor Corona – haben Sie erforscht, wie Einsamkeit in Deutschland regional verteilt ist. Wo leben die einsamsten Deutschen?.

Bücker: Das kann ich so präzise nicht beantworten, denn uns hat ein gröberes Muster interessiert. Zum Beispiel, ob wir sagen können, dass städtische Regionen einsamer oder weniger einsam sind im Vergleich zu ländlichen Regionen.

ZEIT ONLINE: Und?

Bücker: Das Gefühl der Einsamkeit gibt es überall in Deutschland. Wir können keine pauschale Aussage treffen, dass Stadtbewohner einsamer oder weniger einsam wären. Es ist vielmehr so, dass es sowohl städtische Regionen gibt, in denen sich überdurchschnittlich viele Menschen einsam fühlen – beispielsweise Berlin. Es gibt aber auch ländliche Regionen, in denen das so ist, etwa im Süden Bayerns.

ZEIT ONLINE: Gibt es Ost-West-Unterschiede?

Bücker: Ja, ziemlich deutliche sogar. Im Durchschnitt war der Osten Deutschlands einsamer als der Westen.

ZEIT ONLINE: Obwohl ja zu DDR-Zeiten die Solidarität und das Einander-Helfen im Osten viel stärker verbreitet war als im Westen.

Bücker: Ich habe viel mit meinen Kollegen darüber diskutiert. Im Osten Deutschlands war es eher eine staatliche Aufgabe, sich um soziale Kontakte und soziale Einbindung zu kümmern. Es wurde mehr oder weniger für einen organisiert, dass man bestimmte Vereine aufsucht. Diesen Fürsorgestaat gab es im Westen in der Form nicht. Nach der Wende waren die Menschen im Osten vielleicht weniger gewöhnt, selbst Verantwortung für ihr soziales Netz zu übernehmen. Das sind allerdings nur Spekulationen.

ZEIT ONLINE: Was raten Sie Menschen, die jetzt womöglich durch die Corona-Krise in die Einsamkeit abzurutschen drohen oder deren soziale Isolation verstärkt wird?

Bücker: Ich empfehle Betroffenen, darüber zu sprechen. Um auch anderen zu vermitteln, dass einsame Menschen nicht allein sind mit der Einsamkeit. Tatsächlich sehe ich in dieser aktuellen Krisensituation durchaus eine Chance. Denn momentan kann jeder sehr gut nachvollziehen, dass man sich einsam fühlen kann. Auch diejenigen, die Einsamkeit vorher als Gefühl für sich noch nicht kannten. Die Corona-Krise kann helfen, Einsamkeit von ihrem Stigma zu befreien. Einsamkeit wird ein Stück weit salonfähig, weil es derzeit alle irgendwie betrifft.

ZEIT ONLINE: Eine Situation mit echten Ausgangssperren wäre für Ihre Forschung vermutlich enorm interessant, aber für viele Menschen psychisch eine riesige Belastung.

Bücker: Das stimmt. Gerade weil das Wetter nun schön wird, fällt es schwer, wenn die Menschen jetzt nicht mal mehr spazieren gehen könnten. Unsere Studie würde das sicherlich spannender machen, und ich liebe meine Wissenschaft. Aber eine ausnahmslose Ausgangssperre wünsche ich uns allen auf gar keinen Fall.

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