Weltweit arbeiten Biotechnologiefirmen und Forschungsinstitute daran, einen Impfstoff zu finden, der die Verbreitung des neuen Coronavirus Sars-CoV-2 eindämmen könnte. Martin Bachmann gehört dazu. Der Schweizer leitet die Immunologie-Abteilung am Inselspital in Bern. Gemeinsam mit Forschenden der Anhui-Universität im chinesischen Hefei sucht er in einem Partnerprojekt derzeit nach Impfstoffkandidaten gegen die Lungenkrankheit Covid-19. Erste Tests an Mäusen verliefen vielversprechend. Trotzdem könnte es noch länger dauern, bis ein Impfstoff flächendeckend verfügbar sein wird, sagt er im Interview. 

ZEIT ONLINE: Herr Bachmann, erklären Sie doch mal kurz, wie ein Impfstoff gegen Viren grundsätzlich funktioniert.

Martin Bachmann: Praktisch alle Impfstoffe funktionieren, indem sie das Immunsystem dazu bringen, Antikörper zu generieren. Die neutralisieren das Virus, indem sie verhindern, dass es sich vermehren kann, sprich keine neuen Zellen mehr infizieren kann. Der Impfstoff selbst enthält in der Regel abgeschwächte Teile der Erreger, die diese sogenannte Immunreaktion hervorrufen.

Martin Bachmann ist Professor für Immunologie an der Universität Bern und leitet die Immunologie-Abteilung am Inselspital in Bern. Zudem ist er Gründer mehrerer Biotechfirmen. © privat

ZEIT ONLINE: Welche Informationen benötigt man, um einen Impfstoff entwickeln zu können?

Bachmann: Jedes Virus muss an eine Zelle andocken, um diese zu infizieren. Man muss also wissen, welche molekulare Struktur das Virus hat und an welche Rezeptoren im Körper es andockt. Erst dann lassen sich die Antikörper entwickeln, die dieses Andocken verhindern. Wichtig sind bei Coronaviren vor allem sogenannte Spike-Proteine. Sie machen quasi die äußerste Hülle des Virus aus. Man kann sie sich wie eine Hand vorstellen, mit der sich das Virus an den Zellen festhält. 

ZEIT ONLINE: Was haben Sie und ihre Kollegen nun im Fall des neuen Coronavirus herausgefunden? 

Bachmann: Sars-CoV-2 ist eng mit den bekannten Coronaviren Sars und Mers verwandt. Das Spike-Protein ist deshalb ähnlich. Im Fall von Sars wissen wir außerdem, dass der Rezeptor für das Virus das Enzym ACE2 ist, das im Körper vor allem den Blutdruck reguliert. Anhand dieser Informationen ist es uns gelungen, in Mäusen Antikörper zu induzieren, die das Andocken an ACE2 verhindern und das Virus somit neutralisieren. Wir haben einen Impfstoff gefunden, der auch in großen Mengen produziert werden kann.

ZEIT ONLINE: Sie klingen zuversichtlich.

Bachmann: Sars-CoV-2 ist relativ gut definiert, anders als etwa HIV, welches hypervariabel ist. Es ist ein einfaches Virus. Das macht es leichter, einen funktionierenden Impfstoff zu finden. Ich bin davon überzeugt, dass der Impfstoff, den wir jetzt gefunden haben, auch in Menschen funktionieren würde.

Sars-CoV-2 ist ein einfaches Virus. Das macht es leichter, einen Impfstoff zu finden.
Martin Bachmann, Immunologe

ZEIT ONLINE: Ihre Forschung bezieht sich auf Vorkenntnisse von Sars: Dagegen gibt es aber bis heute keinen Impfstoff. Wieso sollte das bei Sars-CoV-2 anders sein?

Bachmann: Es gibt keinen Impfstoff, weil Sars verschwunden ist [Seit 2004 gab es keine Neuerkrankungen in der Öffentlichkeit mehr. Anmerkung]. Es gab also irgendwann keinen Bedarf mehr, einen Impfstoff zu entwickeln. Die Krankheit kam plötzlich mit einer großen Welle und ging dann schnell wieder. Man könnte natürlich hoffen, dass das bei Sars-CoV-2 genauso verläuft. Aber das ist unwahrscheinlich, weil auch Menschen, die keine Symptome aufweisen, andere anstecken können. Und wenn man die Infizierten nicht erkennt, ist es schwieriger, das Virus zu stoppen. Deshalb ist es wichtig, einen Impfstoff zu haben, um die Leute großflächiger zu schützen. 

ZEIT ONLINE: Könnte das Virus, wie bei der Grippe, nicht mutieren und dadurch immer wieder neue Impfstoffe erfordern?

Bachmann: RNA-Viren, zu denen sowohl die Grippe als auch Sars-CoV-2 zählen, sind instabil und mutieren leicht. Trotzdem ist die Influenzavakzine der einzige Impfstoff, den man jedes Jahr anpassen muss. Von Mers etwa wissen wir, dass es Tausende verschiedene Strains, also Varianten, gibt, die aber alle für die gleichen Antikörper empfänglich sind. Mutationen kann man nie ausschließen, aber sie würden einen Impfstoff deshalb nicht gleich wirkungslos machen.