Social Distancing? Nicht in Berliner Cafés und Hamburger Parks. Dort sitzen bei frühlingshaften Temperaturen Menschen dicht an dicht, trinken Kaffee und spielen Flunkyball. Und das, obwohl sich das Coronavirus seit Wochen in Deutschland rasant ausbreitet – und Expertinnen und Experten vor allem eine Botschaft vermitteln: Bleibt zu Hause! Haltet Abstand von euren Mitmenschen! Nur so können Ansteckungen verhindert werden (Warum wir unser Verhalten ändern müssen, lesen Sie hier). 

In einer am Donnerstag erschienenen Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie rechnen zwei Forscher vor: Wenn wir nicht in den kommenden zwei Wochen die Ansteckungsrate radikal senken, wird es zu einer massiven Überforderung des Gesundheitssystems kommen, vor allem der Intensivstationen.

Die Politik ist sich dessen bewusst. Ob es weitere Maßnahmen geben wird, hänge davon ab, wie sich die Bevölkerung an diesem Wochenende verhalte, erklärte Kanzleramtschef Helge Braun am Freitag. Sollten Bürgerinnen und Bürger ihre sozialen Kontakte nicht reduzieren, könne es passieren, "dass auch in den Bundesländern weitergehende Maßnahmen beschlossen werden". Dann könnte die wohl drastischste aller Maßnahmen folgen, das letzte Mittel des Infektionsschutzgesetzes: die Ausgangssperre

In mehreren Bundesländern und einzelnen Städten, darunter Bayern, das Saarland und Freiburg, gilt sie seit Kurzem in eingeschränkter Form (Hier finden Sie eine Übersicht). Zwar darf man sich noch an der frischen Luft bewegen – allerdings nur allein oder mit jemandem aus dem gleichen Haushalt. Diese und noch härtere Maßnahmen könnten schon bald bundesweit kommen. 

Das Problem dabei: Niemand weiß mit letzter Sicherheit, welche Effekte eine Ausgangssperre auslöst. Niemand weiß, wie sie sich auf den Verlauf der Epidemie in Deutschland auswirkt – und was deren Nebenwirkungen sind. 

"Für eine Entscheidung für oder gegen Ausgangssperren gibt es wenig wissenschaftliche Evidenz", sagt Gérard Krause, Leiter der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Das liegt vor allem daran, dass Sars-CoV-2 so neu ist, dass vieles noch immer nicht vollends klar ist – etwa, wie viele Menschen ein Infizierter ansteckt oder wie schnell sich das Virus überträgt. Das macht valide Vorhersagen schwer, denn Modelle sind immer nur so gut wie die Daten, auf denen sie beruhen.

Trotzdem kann man zunächst festhalten: Einiges spricht auf den ersten Blick für Ausgangssperren, will man einen Ausbruch effektiv bekämpfen. Denn wenn weniger Menschen miteinander Kontakt haben, geben sie das Virus seltener an ihre Mitbürger weiter. Das bestätigt die Mathematik. "Je weniger Sozialkontakte ein Mensch hat, desto schneller lässt sich in einer Pandemie die Zahl der Neuinfektionen senken", sagt der Mathematiker Thomas Götz von der Universität Koblenz-Landau, der zusammen mit Kollegen aus Kaiserslautern, Trier und dem polnischen Wroclaw Ausbruchszenarien für Deutschland und Polen modelliert. 

Die Sozialkontakte auf Null zu reduzieren, das werde auch mit einer Ausgangssperre nicht gelingen, sagt Götz. Schließlich muss manches auch während einer Ausgangssperre weiter funktionieren: Ärztinnen und Pfleger müssen sich um Kranke kümmern, Postboten Pakete ausliefern und Kassierer an der Supermarktkasse sitzen. "Wir können nur versuchen, die Kontakte so weit wie möglich einzuschränken. Das muss das Ziel sein."