Patient Drei gab den Virus am Wochenende an einen Kollegen weiter, den er erst zu einer Besprechung und danach noch privat traf. Die Forscher nennen ihn Patient Zwölf.

Patient Vier steckte sich wiederum bei Patientin Null an und gab den Virus an Patient Fünf weiter. In der Studie heißt es dazu: "Ihre einzige Begegnung war ein Kantinenbesuch, bei dem sich Patient Fünf Rücken an Rücken sitzend zu Patient Vier drehte, um den Salzstreuer vom Tisch zu leihen. Die Begegnung fand zwei Tage vor dem Einsetzen der Symptome bei Patient Vier statt."

Manche Kontakte waren so flüchtig wie dieser, andere, wie die erste Besprechung, dauerten sehr viel länger und führten trotzdem nicht zu einer Infektion. Patient Zwölf beispielsweise flog, kurz nachdem er sich infiziert haben musste, nach Spanien in den Urlaub. Doch weder bei anderen Passagieren im Flugzeug noch an seinem Urlaubsort wurden später weitere Menschen gefunden, die positiv getestet wurden.

Patient Fünf hingegen steckte seine gesamte Familie an. Aber insgesamt ging das Virus nicht immer auf alle Haushaltsmitglieder von Infizierten über. Andererseits waren in kurzer Zeit vergleichsweise viele Menschen betroffen, obwohl der Ausbruch schnell erkannt war und schnell versucht wurde, ihn einzudämmen.

Rigorose Kontaktverfolgung wichtig

Welche Faktoren genau zu einer Infektion führen, ist noch immer unklar. Sicher sind sich die Forscher nur darin, dass es nicht unbedingt bemerkbarer Symptome bedarf. In mindestens einem der Fälle habe ein Infizierter das Coronavirus weitergegeben, bevor er Symptome hatte, berichten die Autoren. Möglicherweise traf dies sogar auf fünf weitere Fälle zu. In mindestens vier Fällen steckte ein Infizierter andere Menschen an jenem Tag an, an dem seine Symptome gerade auftauchten. Fünf weitere Fälle könnten in diesen Zeitraum fallen, schreiben die Autoren.

Dass die Ansteckungsgefahr noch vor Symptombeginn oder kurz danach erheblich sei, bedeute für Gesundheitsmaßnahmen eine riesige Herausforderung, folgert das Team. "Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine erfolgreiche langfristige und globale Eindämmung von Covid-19 schwierig zu erreichen sein könnte, obwohl der Ausbruch kontrolliert wurde", schreiben die Wissenschaftler in ihrer Einschätzung.

Wichtig sei daher vor allem, die Kontaktpersonen von Infizierten zu finden und zu informieren, um die Infektionsketten aufzuklären und zu unterbrechen, schreibt Annelies Wilder-Smith von der London School of Hygiene & Tropical Medicine in einem Beitrag in Lancet zu Covid-19. Die Welt habe aus der Sars-Pandemie 2003 gelernt, bei Covid-19 sei sehr viel schneller reagiert worden als damals. Trotzdem habe sich Corona sehr viel stärker verbreiten können. Es sei schwierig, eine ganze Region wie Wuhan unter Quarantäne zu stellen, und die Welt sei heute noch enger vernetzt als damals, sowohl in Großstädten als auch global. 

Die Urbanisierung habe verändert, wie Menschen und Gemeinschaften leben und arbeiten, schreibt sie. Corona zeige, "dass es dringend notwendig ist, Systeme und lokale Kapazitäten zu stärken, um die Ausbreitung von Infektionskrankheiten zu verhindern".