Die richtige Teststrategie in der Corona-Pandemie zu treffen, ist ein Balanceakt: Im Frühjahr hieß es, Deutschland teste nicht genug. Im Sommer waren es zu viele Tests auf einmal. Das zumindest legen neuere Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI) nahe: Seit Wochen stauen sich unbearbeitete Corona-Tests in deutschen Laboren – einige geraten an ihre Grenzen. Damit untermauerte die Behörde nun mit Fakten, was Fachleute bemängelt hatten: Seit August wurde zu ungezielt getestet. Und das hat Konsequenzen, die schon jetzt spürbar werden.

Der jüngste Lagebericht des RKI zeigt eindrücklich: Die Zahl der nicht bearbeiteten Corona-Tests ist gestiegen. Seit Anfang August blieben demnach 30.000 bis 40.000 Corona-Tests pro Woche unbearbeitet. Zwar untersuchten die Labore auch schon vorher nicht immer gleich alle Proben, aber der Rückstau war deutlich niedriger: So blieben in den ersten Monaten der Pandemie in den Laboren bundesweit am Ende jeder Woche deutlich weniger als 5.000 Tests liegen.

Unter normalen Umständen nehmen sich die Labore in Deutschland vor, jede eingesandte Probe innerhalb von 24 Stunden per PCR-Analyse zu untersuchen und das Ergebnis an die Praxis, das Krankenhaus oder die Teststelle zu übermitteln, wo sie entnommen wurde. Die meisten Labore dokumentieren ihre Arbeit und berichten am Ende jeder Kalenderwoche an das RKI oder an den Verein akkreditierter Labore in der Medizin (ALM): Wie viele Tests haben sie in den vergangenen sieben Tagen ausgewertet? Wie viele davon waren positiv? Wie viele negativ? Und eben auch: Wie viele Proben konnten bis zum Montagmorgen nicht bearbeitet werden, sind also aus der vergangenen Kalenderwoche übrig geblieben? In dieser Zahl sind allerdings auch all jene Proben inbegriffen, die erst am Sonntagnachmittag oder -abend ins Labor kamen und noch keine 24 Stunden dort waren. Nicht alle liegen gebliebenen Tests sind also direkt als Rückstau zu interpretieren. Trotzdem lässt sich aus der RKI-Statistik ablesen, dass einige Labore bei der Menge an eingesandten Proben nicht mehr nachkommen.

Dabei mag verwundern: Die Labore haben laut dem ALM ihre Kapazitätsgrenze noch gar nicht erreicht. Demnach lag die bundesweite Auslastung der Labore vergangene Woche bei etwa 80 Prozent. Der Rückstau komme zustande, weil die Verteilung der zu untersuchenden Proben – ergo die Auslastung von Bundesland zu Bundesland – stark variiere, sagt Michael Müller, Vorstandsvorsitzender der ALM. "In einigen Ländern liegt die Auslastung der Labore zwischen 50 und 80 Prozent, in anderen Ländern sind die Labore zu 140 Prozent ausgelastet." Besonders betroffen sind laut ALM besonders Labore in Bremen, Hamburg, Bayern und Baden-Württemberg.

Wie kam es zu diesem Rückstau?

Im August stieg die Zahl der Corona-Tests schlagartig an. In dieser Zeit wurden Reisende erstmals verpflichtet, sich nach ihrer Rückkehr aus Risikogebieten testen zu lassen. Zugleich konnten sich Rückkehrende aus Nicht-Risikogebieten kostenlos testen lassen. Der Freistaat Bayern ging sogar noch weiter: Dort darf sich jeder testen lassen, unabhängig davon, ob er Symptome von Covid-19 zeigt, Kontakt zu einem Infizierten hatte oder aus einem Risikogebiet einreist. Die Folge: Einige Labore konnten die Menge an Proben nicht mehr schnell genug abarbeiten. Bereits Mitte August warnte das Robert Koch-Institut deshalb vor einer zunehmenden Anzahl nicht bearbeiteter Corona-Tests.

Mittlerweile haben Bund und Länder die Teststrategie etwas revidiert: Mit Ausnahme von Bayern, wo sich nach wie vor alle Bürger und Bürgerinnen freiwillig testen lassen können, sind Tests nur noch für Personen vorgesehen, die coronatypische Symptome zeigen, in einem Risikogebiet waren, in einer medizinischen Einrichtung arbeiten oder untergebracht sind oder in Verbindung mit einer Einrichtung – etwa Schule, Kita oder Asylbewerberheim – stehen, in der es zu einem Ausbruch kam. Ebenso können Personen getestet werden, die Kontakt zu einem Infizierten hatten oder in einem Gebiet Deutschlands leben, in dem die Sieben-Tages-Inzidenz von 50 Personen pro 100.000 Einwohnern überschritten wurde. Für Menschen, die aus dem Urlaub kommen, bedeutet das: Wer aus einem Risikogebiet einreist, muss sich weiterhin testen lassen, Rückkehrende aus Nicht-Risikogebieten haben hingegen keinen Anspruch mehr auf einen kostenlosen Test. 

Das Nadelöhr sind Personal und Material

Derzeit bearbeiten die Labore pro Woche knapp mehr als eine Million Proben. Die Kapazitätsgrenze liegt bei rund 1,4 Millionen – diese sollte aber nur in Anspruch genommen werden, um kurzfristige Spitzen in der Belastung abzufangen, erklärt ALM-Vorsitzender Müller. Würden die Labore dauerhaft an der Kapazitätsgrenze arbeiten, könnten sie womöglich Ausbrüche mit einem kurzfristig höheren Testbedarf nicht mehr so gut abdecken. Zwar könnten die Kapazitäten der Labore etwas gesteigert werden, aber nicht mehr unendlich, und das hat vor allem zwei Gründe:

Das Testverfahren braucht Zeit. Ein wichtiger Teil davon ist Handarbeit, die nur geschultes Laborpersonal ausführen kann: Jede einzelne Probe, die von irgendwoher in Deutschland auf einem Wattestäbchen an ein Labor geschickt wird, muss dort von Hand präpariert und elektronisch erfasst werden. Wie viele Tests ein Labor durchführen kann, hängt also auch davon ab, wie viel Fachpersonal zur Verfügung steht, um die Tests zu bearbeiten. "Wenn wir jetzt so viel mehr PCR-Tests durchführen, braucht es natürlich auch umso mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die diese Arbeit im Labor machen", sagt ALM-Vorsitzender Müller. Da ergebe sich freilich ein Engpass, denn es gebe nicht mehr Fachpersonal, nur weil Sars-CoV-2 ausgebrochen sei.

Der zweite Grund liegt in der Verfügbarkeit des Materials, das für einen PCR-Nachweis nötig ist. Das sind vor allem Verbrauchsmaterialien, wie beispielsweise Reagenzien, also chemische und biologische Stoffe, die für das Verfahren nötig sind, und Geräte, in denen die Untersuchung durchgeführt wird. Vor allem bei den Reagenzien gibt es weltweit immer wieder Lieferengpässe, die nach Angaben des RKI noch dadurch verschärft werden, dass nur wenige Firmen sie herstellen. Zudem können die Reagenzien nicht immer in großem Vorrat angelegt werden. Ihre Haltbarkeit ist teilweise begrenzt, weshalb sie regelmäßig nachbestellt werden müssen.

Lange Quarantäne – und tagelange Ungewissheit

Da die allermeisten Tests negativ ausfallen, bedeutet ein Rückstau für Reiserückkehrende aus Risikogebieten oder auch für enge Kontaktpersonen von Infizierten häufig, dass sie längere Zeit in Quarantäne verbringen müssen, als eigentlich nötig wäre. Das ist insbesondere dort ungünstig, wo jede helfende Hand gebraucht wird, etwa in Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen. Aber auch, wenn Menschen mit anderen Jobs unnötig lange in Quarantäne bleiben und auf ihr Testergebnis warten müssen, belastet dies jeden Einzelnen und die Wirtschaft.

Schwerwiegender sind die Folgen jedoch, wenn der Test positiv ist, das Ergebnis aber erst verzögert übermittelt wird. Denn ein Corona-Test soll vor allem eins: schnell und zuverlässig feststellen, ob jemand Covid-19 hat oder nicht. Nur dann können Ärzte die Person zügig behandeln und Gesundheitsämter schnell die Kontaktketten unterbrechen. Die Geschwindigkeit ist also extrem wichtig, da Kranke sonst möglicherweise falsch behandelt werden und Infizierte unwissentlich andere mit dem Virus anstecken.

Das kann besonders gefährlich werden, wenn die nicht bearbeiteten Proben von Menschen stammen, die in Kliniken, Pflegeheimen, Kitas oder ähnlichen Einrichtungen arbeiten, wo ein einziger Infizierter Risikogruppen gefährdet oder einen größeren Ausbruch auslösen könnte.

Was dieser Rückstau für das Ausbruchsgeschehen in Deutschland bedeutet, lässt sich nur mutmaßen: Es erscheint plausibel, dass unter den noch nicht ausgewerteten Tests auch einige coronapositive sind, die erst einige Tage später in der offiziellen Statistik auftauchen. Diese dürfte die Zahl der Infizierten deshalb noch etwas stärker unterschätzen, als es aufgrund der vermuteten Dunkelziffer ohnehin schon der Fall ist.

Mit dem Schnupfen kommt die Corona-Sorge

Die Frage, ob die Labore beim Testen hinterherkommen, dürfte im Herbst und Winter weitere Bedeutung bekommen. Denn zu dieser Jahreszeit nehmen auch andere Atemwegsinfekte zu, wenn die Temperaturen sinken und die Menschen viel Zeit in geschlossenen Räumen verbringen. Infekte wie etwa die Influenza – die echte Grippe also – werden ebenfalls per PCR-Diagnostik ermittelt. Die Labore würden dann nicht mehr nur zur Ermittlung von Sars-CoV-2 beansprucht. Und: Nicht immer ist Covid-19 von anderen Atemwegsinfekten eindeutig zu unterscheiden. Wenn also in der Grippesaison mehr Menschen husten und über Halskratzen klagen, werden wohl viele einen Test erhalten, um den Corona-Verdacht auszuräumen.

Sollte es zu einem schwerwiegenderen Engpass kommen, sodass die Labore die Proben nicht mehr schnell genug bearbeiten können, muss priorisiert werden: Bei wem ist ein schnelles Testergebnis besonders wichtig? Wo ist es im Zweifel nicht so schlimm, wenn das Ergebnis einen halben Tag später kommt? Laut der nationalen Teststrategie hat Vorrang, wer coronatypische Symptome zeigt: Fieber, Husten, nichts mehr schmecken und riechen können – all das kann ein Zeichen für eine Corona-Infektion sein. An zweiter Stelle kommen Bewohner und Personal in Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen, in denen es zu einem Ausbruch von Sars-CoV-2 kam. Danach erst sind beispielsweise Rückkehrende aus Risikogebieten, Lehrkräfte und Kinder in Schulen mit Corona-Ausbrüchen dran sowie Besucher von Pflegeheimen.

Wären Schnelltests da nicht die Lösung?

Neben der Priorisierung von Testpersonen könnte ein neues Werkzeug die teils angespannte Lage der Labore entschärfen: Antigentests, die im Gegensatz zur PCR nicht das Erbgut des Virus nachweisen, sondern Proteine auf dessen Oberfläche. Die sind zwar nicht ganz so genau wie PCR-Tests, haben aber den großen Vorteil, dass ein Ergebnis für gewöhnlich schon innerhalb von wenigen Minuten vorliegt. Sie könnten die PCR-Tests also gut ergänzen, falls die Zeit drängt. "Wenn Ihr Kind verschnupft ist, Sie selbst aber zur Arbeit müssen, dann könnte der Kinderarzt einen Antigentest durchführen und so bei der Entscheidung helfen, ob das Kind in die Kita kann oder nicht", sagt Labormediziner und ALM-Vorstandsvorsitzender Müller.

Denkbare wäre auch, dass in Krankenhäusern Vor-Ort-Antigentests zum Einsatz kommen, um schnell zu entscheiden, ob eine Patientin operiert werden kann oder nicht. Allerdings nur, wenn die Antigentests ausreichend leistungsfähig sind, sagt Müller. Seit Montag ist ein Antigentest der Firma Hoffmann-La Roche auf dem Markt, der sich nun im Alltag beweisen muss. Sollte der Test empfindlich genug sein, könnte er bald ergänzend zu PCR-Tests eingesetzt werden. Die Antigentests sind aber erst mal nicht für den Hausgebrauch gedacht, denn die Probe darf nur von Fachpersonal entnommen werden. So soll sichergestellt werden, dass so ein Test ein valides Ergebnis hervorbringen kann.