Übersicht:
Diese Frage stellen sich gerade viele:
War das schon die zweite Welle? Dieser kleine Hügel, den die
Corona-Infiziertenzahlen Ende August bildeten? Schwer zu sagen.
Nach dem Sommer, in dem die allzu Optimistischen dachten, das Virus sei ganz weg, stiegen die Balken mit den täglichen Neuinfektionen in den vergangenen Wochen wieder erschreckend schnell. Erst waren es 500 pro Tag, Anfang August dann mehr als 1.000 und dann Mitte August sogar mehr als 1.600. Mit der Pandemie haben wir auch die Definition von exponentiellem Wachstum gelernt – und dass sich das neue Coronavirus genau so weiterverbreitet. Aus 1.500 werden dann 3.000. Aus 3.000 dann 6.000 und so weiter.
1.406 Neuinfektionen meldeten die Gesundheitsämter am Donnerstag, dem 3. September, an das RKI.
Das aber ist nicht passiert. Seit Ende August knickt die Kurve wieder leicht nach unten ab. Heißt das also, dass wir uns nun entspannen können? Leider nicht. Dass die Zahlen etwas ansteigen und dann wieder fallen, kommt öfter vor. Allein durch zeitverzögerte Meldungen am Wochenende, aber auch dadurch, dass besonders viel getestet wird, wie in den letzten Wochen die zurückkehrenden Sommerurlauber. Warum die Zahl der täglichen Neuinfektionen nicht die alleinig wichtige Zahl ist, lesen Sie hier.
Was momentan wichtig ist zu wissen: Die Infektionen sind zurzeit sehr breit gestreut. Es sind einzelne Menschen, die das Virus aus dem Urlaub, von einer Feier oder aus dem Betrieb mitbringen. Das ist für Gesundheitsämter viel schwieriger zu verfolgen. Die Fälle sind über die gesamte Länge Deutschlands verteilt: Vom südlichen Baden-Württemberg und Bayern über Hessen bis nach Berlin oder Bremen gab es in den letzten sieben Tagen besonders viele Fälle.
Was deshalb vielleicht passieren könnte, beschreibt Christian Drosten im NDR-Corona-Podcast mit einem Modell aus der Physik: der Perkolation, eigentlich: dem Durchsickern. Denken Sie an einen altmodischen Kaffeeaufguss. Tröpfelt man das Wasser ganz langsam in den befüllten Filter und lässt das Kaffeepulver quellen, kommt unten erst mal gar nichts heraus. Im aufgequollenen Kaffeesatz aber bilden sich kleine Hohlräume, von denen sich manche miteinander verbinden. Das Wasser gräbt kleine Tunnel, die man von außen nicht sieht.
Überträgt man das auf Sars-CoV-2 heißt das: Es bilden sich Cluster und manche davon sind miteinander verbunden. Etwa, wenn sich mehrere Leute auf einer Geburtstagsparty anstecken, eine Person das Virus dann in die WG trägt oder zu den Großeltern. Vielleicht passiert durch breit gestreute Ausbruchsgeschehen in Deutschland gerade genau das, sagt der Charité-Virologe. Gefährlich würde es dann, wenn eine Schwelle erreicht wird. Also das Wasser plötzlich doch unten in eine Kanne plätschert oder im Falle von Corona plötzlich wieder so viele Fälle auftreten, dass sich Infektionsketten nicht mehr kontrollieren lassen. Wann und ob dieser Zeitpunkt kommen wird, ist nicht klar.
Drosten sieht diesen Effekt als einen möglichen Grund für die steigende Fallzahl in Frankreich an. Die unentdeckten Infizierten könnten so zahlreich geworden sein, dass immer mehr Cluster mit vielen Infizierten entstanden sind und plötzlich eine Schwelle erreicht wird, nach der schlagartig viele Fälle auftreten.
Zusammengefasst: Ob das die zweite Welle für Deutschland war oder nicht, lässt
sich schwer beantworten. Darauf verlassen, dass die Zahlen auf einem Plateau
bleiben, wie gerade, sollten wir uns nicht.
Und bitte nicht vergessen, dass…
…besonders viele, die das Coronavirus gerade in sich tragen, keine
Symptome zeigen. Denn: In den letzten Wochen haben sich vor allem junge Menschen
angesteckt, bei denen die Infektion tendenziell glimpflicher verläuft. Auch
sie können zwar schwer erkranken, aber die Wahrscheinlichkeit, dass die
Krankheit bei ihnen nur leicht oder sogar ganz ohne Symptome verläuft, ist
groß. Genau das ist aber die Gefahr: Junge Menschen, die sich gar nicht
krank fühlen, die Corona-Symptome nach dem Feiern vielleicht mit einem ganz
normalen Kater verwechseln, bergen eine Gefahr für ältere Menschen oder
Risikogruppen, an die sie das Virus trotzdem weitergeben können.
47 Prozent aller infizierten Menschen sind zwischen 20 und 49 Jahre alt. (Fälle, zu denen Angaben zum Alter vorliegen)
Noch sind die Krankenhäuser leer und genügend Intensivbetten
verfügbar. Aber gerade weil junge Menschen sich tendenziell häufiger treffen, treiben sie auch das Pandemiegeschehen schneller voran.
Was heißt das für mein Wochenende?
Vorsicht, wenn Sie ältere Menschen treffen (müssen). Auf einer Familienfeier können Sie, egal wie jung oder fit Sie sich fühlen, erstens zum Superspreader werden. Und zweitens Ihre älteren Verwandten anstecken, für die das Virus richtig gefährlich werden kann. Zu Beginn der Pandemie gingen manche freiwillig für 14 Tage in Quarantäne, bevor sie Oma und Opa trafen. Das machen wohl nur die wenigsten. Das heißt aber nicht, dass Sie nicht trotzdem vorsichtig sein können. Wenn Sie keine Maske tragen wollen, gehen Sie zumindest raus. Achten Sie darauf, die Stühle nicht zu nah zu stellen. Wenn es zu kalt ist: Essen Sie zu Hause und nicht im Innenbereich eines Restaurants.
Noch ein Tipp: Wenn Sie unsicher sind, wie hoch gerade Ihr Risiko ist, führen Sie ab jetzt ein Kontakttagebuch. Notieren Sie jeden Abend, wann Sie in Situationen mit fremden Menschen waren, die gefährlich sein könnten. Das Frühstück mit der engsten Familie oder dem WG-Haushalt zählt nicht, genauso wenig wie kurze Begegnungen in der U-Bahn oder im Supermarkt. Haben Sie ein längeres Treffen im Büro mit Arbeitskollegen gehabt? Oder waren Sie mit Freunden im Restaurant oder einer extrem vollen Bar? Waren Sie letztes Wochenende noch auf einer Hochzeit? Und wie oft im Fitnessstudio? Wenn noch etwas Zeit ist bis zur nächsten Feier: Überlegen Sie, worauf Sie in den Tagen davor verzichten können.
Und gab's auch gute Nachrichten?
Auf jeden Fall! Der Podcast mit Christian Drosten ist zurück! Und er hat sich mit der Frankfurter Virologin Sandra Ciesek Verstärkung mitgebracht. Auch sie sagt: "Ich habe kein Problem damit, mich zu irren." Ab der kommenden Woche wechselt sie sich mit Christian Drosten ab. Der gibt uns diese Woche wiederum einen Tipp, der uns nicht nur vor Aerosolen bewahrt, sondern auch vor, Achtung: Mundgeruch. Dagegen, sagt Drosten, hilft ein bekanntes Mittel: Maske tragen.
NDR-Podcast hier nachhören oder -lesen
Happy Weekend!
Apropos Mundgeruch. Auch wenn Sie nach einem Döner mit extra Zwiebeln die Maske in der U-Bahn vergessen haben, tun Sie das hier lieber nicht: