Die Forschung hat etwas vollbracht, was vor der Pandemie wohl niemand für möglich gehalten hätte. Sie hat Impfstoffe gegen ein Virus entwickelt, von dem vor einem Jahr noch kein Mensch etwas wusste. Zwei der Kandidaten, die gerade auf dem Weg zur Zulassung sind, gehören zu einer neuen Art, für die es noch nie eine Zulassung gegeben hat. Da liegt die Frage nahe: Kann so eine neue Impfung, die noch dazu in so kurzer Zeit entwickelt wurde, überhaupt sicher sein?

Die besagten Impfstoffe enthalten Erbgut, genauer gesagt mRNA, das den Körper dazu anregt, seine Impfung selbst herzustellen. In den vergangenen Wochen sorgten vor allem sie für Hoffnung auf ein baldiges Ende der Pandemie. Vorläufigen Analysen zufolge könnten sie bei mindestens neun von zehn Geimpften wirksam sein. Das ist mehr, als einige Forscherinnen und Forscher zu hoffen gewagt hatten. Um zu verstehen, welche Risikofaktoren es trotz der großen Studien noch geben könnte, muss man sich zuerst anschauen, was die Wirkstoffe im Körper auslösen.

Die mRNA ist ein Kurier von Informationen

Wir starten mit einem kleinen Exkurs in die Biologie: Erbgut ist nichts anderes als ein Bauplan. Jeder trägt eine einzigartige Version davon in sich. Beim Menschen besteht Erbgut aus DNA, einer doppelsträngigen Kette aus vier verschiedenen Molekülen, genannt Basen. Deren Reihenfolge ergibt einen Code, der beschreibt, wie bestimmte Proteine aufgebaut sein sollten.

Proteine wiederum sind die zentralen Motoren des Körpers. Sie sind zusammengesetzt aus Aminosäuren und übernehmen im gesamten Körper überlebenswichtige Aufgaben. Beispielsweise sind sie am Bau von Zellen beteiligt und entscheiden damit, welche Form sie annehmen und welche Funktionen sie übernehmen – etwa als Muskel- oder Nervenzelle.

In jeder Zelle gibt es eine Maschinerie, mit der immer wieder funktionstüchtige Proteine aus dem Bauplan übersetzt werden. Die mRNA hat dabei eine zentrale Aufgabe. Denn die beiden Hauptschritte – das Ablesen der DNA und das Zusammenbauen des Proteins – finden an zwei verschiedenen Orten in der Zelle statt. Das Erbgut liegt im Zellkern. Die Maschinerie dagegen, die für den Bau von Proteinen zuständig ist, befindet sich außerhalb dieses Kerns, im sogenannten Zytoplasma. Das heißt: Es ist ein Zwischenschritt nötig, der beides miteinander verbindet. Und der besteht vor allem aus mRNA.

RNA ist wie DNA eine Form von Erbgut. Die einzelnen Basen, aus denen beide zusammengebaut sind, ähneln sich – haben aber ein paar entscheidende chemische Unterschiede, sodass sie vereinfacht gesagt nicht zusammenpassen, also keine Kette bilden können. Die mRNA ist eine Sonderform der RNA. Das kleine m steht für das englische Wort messenger. Der mRNA-Strang dient als Bote zwischen der DNA im Zellkern und der Maschinerie, mit der Proteine zusammengebaut werden: mRNA wird im Zellkern erstellt – als spiegelverkehrte Kopie eines DNA-Abschnitts –, wandert aus dem Zellkern heraus ins Zytoplasma und wird dort für den Proteinbau abgelesen.

Die Zelle stellt die Impfung selbst her

Die neuartigen Impfstoffe klinken sich in genau diesen Zwischenschritt ein: Sie enthalten künstlich hergestellte Versionen eines mRNA-Strangs, aus denen der Körper seine eigene Impfung herstellt. Denn der Code, der auf dieser mRNA festgehalten ist, enthält nicht den Bauplan für ein menschliches Protein. Stattdessen beschreibt er das Spike-Protein, das auf der Oberfläche des Coronavirus verankert ist. Je nach Impfstoff codierte die mRNA sogar nur einen winzigen Teil vom Virusprotein Spike. Genau den, der vom Immunsystem erkannt wird.

Darum geht es letztlich bei den Impfungen gegen Covid-19. Das Ziel ist, dem Körper den Teil des Erregers zu präsentieren, der das Immunsystem dazu anregt, seine Immunzellen auszusenden, um ihn zu eliminieren. Mit dem Spike-Protein geht es bei den meisten Impfstoffen – zumindest ungefähr – um die gleiche Zutat. Wird es verabreicht, kommt es nicht zu einer Infektion. Es reicht aus, dass die Immunzellen im Körper dessen Struktur erkennen, um ihnen eine echte Infektion vorzugaukeln.

Der Unterschied zwischen mRNA-Impfstoffen und anderen Vakzinen liegt vor allem in der Darreichungsform: Manche Impfungen enthalten ganze Coronaviren, die zuvor abgeschwächt oder abgetötet wurden. Andere Kandidaten enthalten nur noch kleine Spike-Proteinteile. Und wieder andere enthalten ganz andere Viren – keine Coronaviren –, auf deren Oberfläche die Proteinteile aufgeklebt wurden, um sie in die Zelle zu schleusen. Und im Fall der mRNA-Impfstoffe stellt der Körper dieses Spike-Protein selbst her.

Nebenwirkungen sind zu erwarten, Genveränderungen nicht

Bei keinem dieser Impfstoffe können Nebenwirkungen ausgeschlossen werden. Im Gegenteil. Wer nach der Impfung eine Reaktion spürt, kann das sogar als Signal deuten, dass sie wirkt. Zumindest, wenn es um die typischen Impfnebenwirkungen geht. So sind zum Beispiel Kopfschmerzen, Rötungen und Schmerzen an der Einstichstelle, Fieber oder ein vorübergehendes Unwohlsein ganz normale Reaktionen auf eine Impfung. Sie entstehen, gerade weil sich das Immunsystem aktiviert.

Ähnliches ist beispielsweise bei einem leichten Infekt spürbar, etwa einer Erkältung. Erkrankte können sowieso schwer unterscheiden, ob das Fieber, die Kopfschmerzen oder die Schlappheit von einem Krankheitserreger ausgelöst wurden – oder ob das eigentlich nur die körpereigene Abwehr ist, die gerade ein Großaufgebot an Immunzellen zum Infektionsherd entsendet, um den Erreger zu eliminieren. Solche Immunreaktionen sind normal und auch bei diesen Impfstoffen zu erwarten.